28 Jahre Dschungelcamp : Der späte Frieden des Yokoi Shoichi

20.01.2012 00:00 UhrVon Sebastian Leber
Nach seiner Entdeckung tritt der 58-Jährige im Krankenhaus vor die Presse. Foto: Getty Images
Nach seiner Entdeckung tritt der 58-Jährige im Krankenhaus vor die Presse. - Foto: Getty Images

Auf der Pazifikinsel Guam wird 1972 ein japanischer Soldat entdeckt. Seit 28 Jahren versteckt er sich im Dschungel - der Weltkrieg ist für ihn noch nicht zu Ende.

Am Tag nach der Festnahme untersucht ihn ein Ärzteteam: Blutdruck und Herzschlag normal, die zahlreichen Exzeme auf der Haut harmlos, vermutlich stammen sie von Moskitostichen. Yokoi Shoichi wiegt nur noch 41 Kilo, sein Kopf wirkt riesig im Vergleich zum Rest des ausgemergelten Körpers. Später stellen die Mediziner Blutarmut und Vitamin-B-Mangel fest, aber falls wirklich stimmt, was der bärtige Mann im Zentralkrankenhaus der Pazifikinsel Guam behauptet, kommt sein Gesundheitszustand einem Wunder gleich.

Fünf Dorfbewohner haben Yokoi Shoichi gefunden. Am 24. Januar 1972, kurz nach Einbruch der Dunkelheit, steht er am Ufer des Flusses Talofofo, nicht weit von einer kleinen Ortschaft im Südosten der Insel.

Die Männer schleichen sich an und überraschen ihn. Yokoi versucht, einem von ihnen das Gewehr zu entreißen. Sie ringen ihn zu Boden, dann zwingen sie ihn, ins Dorf mitzukommen. Bevor sie den Fremden der Polizei übergeben, fragen sie noch, ob er Hunger oder Durst habe. Er hat beides.

Yokoi Shoichi trägt keine Uniform, doch er behauptet, Soldat der kaiserlich-japanischen Armee zu sein. Die existiert seit 27 Jahren nicht mehr. Yokoi sagt auch, er habe sich jahrzehntelang in der Wildnis versteckt. Am nächsten Tag begleiten ihn Polizisten in den Dschungel. Er denkt, sie wollen ihn hier erschießen und vergraben. Eine Krankenschwester vom Roten Kreuz ist auch dabei, sie schafft es, Yokoi zu beruhigen. Da führt er die Gruppe in einen Bambuswald – zu einem kleinen Erdloch, mit Zweigen und Blättern getarnt. Es ist sein Erdloch.

Der Einstieg zur Höhle ist heute Ziel von Touristen. Foto: Ryan Harvey
Der Einstieg zur Höhle ist heute Ziel von Touristen. - Foto: Ryan Harvey

Yokoi Shoichi brauchte einen ganzen Monat, um die Höhle zu graben. Zuerst drei Meter in die Tiefe, dann einen waagerechten Gang, etwa vier Meter lang. An einem Ende finden die Beamten eine Feuerstelle. Damit der Rauch abziehen konnte, hat Yokoi einen schmalen Belüftungsschacht gegraben. Die Decke stützte er mit Baumstämmen ab. Neben der Feuerstelle liegen getrocknete Bananenschalen auf einer Reihe von Bambusstöcken, sie dienten als Bett. Auch eine Machete sammeln die Polizisten ein, dazu zwei Handgranaten, Seile, Fangnetze, eine japanische Flagge. Von allen Fragen, die der Aufgegriffene in den nächsten Wochen immer wieder gestellt bekommt, von Ärzten, Politikern, von Veteranen und Fernsehmoderatoren, drängen sich zwei besonders auf: Wie kann sich ein Mann so lange im Dschungel verstecken? Und vor allem: Warum tut er das?

Yokoi Shoichi ist 1943 nach Guam gekommen. Mit 20 000 weiteren Soldaten soll er die Pazifikinsel verteidigen, die Japan erst zwei Jahre zuvor, kurz nach dem Angriff auf Pearl Harbor, von den USA eroberte. Guam hat strategische Bedeutung: Von hier aus könnten amerikanische Langstreckenbomber das japanische Festland erreichen. Im Juli 1944 beginnen die USA mit massiven Attacken, fünf Schlachtschiffe feuern mit Geschützen, aus der Luft greifen B-24-Flugzeuge an. Bei der folgenden Invasion brechen die japanischen Verteidigungslinien schnell zusammen, doch nur die wenigsten Soldaten geben auf. Nie kapitulieren, lieber sterben, so haben sie es Kaiser Hirohito geschworen. Mehr als 19 000 japanische Kämpfer kommen auf der Insel ums Leben. Yokoi Shoichi kann in den Dschungel flüchten. Auch er will sich unter keinen Umständen ergeben. Er will warten und hoffen, dass eines Tages Unterstützung kommt.

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