Ägypten : Kampf um das Nilwasser

Äthiopien plant einen Riesenstaudamm – Ägypten sieht sich dadurch in seiner Existenz bedroht. Die Töne zwischen beiden Ländern werden schriller. Die Menschen in Ägypten sind auf das Wasser angewiesen.

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Fischer auf dem Nil in Oberägypten.
Fischer auf dem Nil in Oberägypten.Foto: Katharina Eglau

Die Töne werden immer schriller, in Kairo liegen die Nerven blank. Ägypten habe das Recht, seine nationale Sicherheit zu verteidigen, deklamierte Außenminister Nabil Fahmy und kündigte den äthiopischen Machthabern in Addis Abeba eine „entschiedene Antwort“ an, falls die kommenden Verhandlungen keine Garantien für Ägyptens Wasserversorgung bringen sollten. Doch danach sieht es nicht aus. Die technischen Gespräche zwischen Äthiopien, Sudan und Ägypten über den neuen „Großen Äthiopischen Renaissance Damm“ (GERD) am Oberlauf des Blauen Nils sind nach vier Anläufen endgültig zusammengebrochen – alles nur Zeitverschwendung, tobte Kairos Wasserminister Muhammad Abdul Muttalib.

Selbst seine Forderung, Einblick in die Konstruktionspläne sowie Notfallanalysen für einen Dammbruch zu bekommen, wird von äthiopischer Seite beharrlich ignoriert. Denn Addis Abeba hat kein Interesse, sein ehrgeiziges Prestigeprojekt zu reduzieren oder sich gar einen Baustopp für die 4,8-Milliarden-Dollar-Investition aufzwingen zu lassen. „7500 Handwerker arbeiten rund um die Uhr zusammen mit 500 Experten aus 25 Ländern, um alles so schnell wie möglich zu vollenden“, erklärte der Chefingenieur von „Ethiopian Electric Power“ vor Ort. Ein Drittel der gigantischen Konstruktion steht bereits, im Herbst 2017 soll der Damm eingeweiht werden. 75 Milliarden Kubikmeter wird der neue künstliche Hauptsee einmal fassen, die vier geplanten Nebentalsperren mindestens noch einmal das gleiche Volumen – das entspricht fast der dreifachen jährlichen Wassermenge des Nils für Ägypten. Am Ende soll die gigantische, 145 Meter hohen Nil-Barriere gut 6000 Megawatt Strom produzieren.

Blauer und Weißer Nil

Der Blaue Nil steuert 80 bis 90 Prozent zum gesamten Fluss bei, der Rest stammt aus dem Weißen Nil, an dem sämtliche anderen Anrainer liegen. Und so ist die Wasserkrise vor allem ein Konflikt zwischen Äthiopien und Ägypten. Denn ausgerechnet während der Revolution am Nil, als Kairo politisch total gelähmt war, schuf Addis Abeba einseitig Fakten. Am 31. März 2011, sechs Wochen nach dem Sturz von Hosni Mubarak, wurde der Grundstein für den neuen Superdamm nahe der sudanesischen Grenze gelegt. Der Auftrag ging ohne internationale Ausschreibung an das italienische Konsortium „Salini Impregilo“. Die 15 Turbinen zur Stromerzeugung finanziert China. Den Rest der Bausumme will Äthiopien aus eigenen Mitteln und einem national verordneten Gehaltsverzicht für alle Staatsangestellten zusammenkratzen, um mögliche Auflagen internationaler Geldgeber wie der Weltbank für Umwelt und Kooperation mit den übrigen Nilanrainern zu umgehen.

Am Ufer des Nils waschen Frauen die Wäsche ihrer Familien.
Am Ufer des Nils waschen Frauen die Wäsche ihrer Familien.Foto: Katharina Eglau

Offene Kriegsdrohung

Als die Führung in Kairo dann 2012 unter Präsident Mohammed Mursi erstmals Alarm schlug, gab es während einer turbulenten Krisensitzung, die ohne Wissen der Teilnehmer live im Fernsehen übertragen wurde, sogar offene Kriegsdrohungen gegen das Horn von Afrika. So weit geht die neue militärgestützte Regierung bisher nicht, auch wenn ihre öffentlichen Botschaften gen Äthiopien zunehmend aggressiv und ultimativ klingen. In einem letzten Versuch wollen die Interims-Machthaber nun ihren neuen Freund im Antiterrorkampf, Saudi-Arabien, als Vermittler einschalten. Riad soll Addis Abeba drängen, einen bindenden Vertrag abzuschließen über Kapazität und Durchlaufmenge des Dammes, der den seit der Kolonialzeit garantierten Wasseranteil Ägyptens von 55 Milliarden Kubikmeter pro Jahr unangetastet lässt. Die Verträge von 1929 und 1959 jedoch hat Äthiopien bereits vor vier Jahren aufgekündigt, zusammen mit anderen Anrainerstaaten des Ober-Nils.

"An die Existenz"

Für die Wasserexperten in Kairo geht das „Ägypten an die Existenz“. Denn um das gigantische Becken zu füllen, muss Äthiopien den Blauen Nil für fünf Jahre erheblich drosseln. Jährlich 15 bis 20 Milliarden Kubikmeter würden Sudan und Ägypten nach Schätzungen von Nil-Experten wie Alaa al Zawahri von der Universität Kairo in diesem Zeitraum fehlen, das sind mehr als ein Drittel des üblichen Volumens. Schon jetzt leidet Ägypten unter einer Trinkwasserkrise, auch weil der Nil wegen seiner zu niedrigen Wasserstände zunehmend verschmutzt.

Immer wieder kommt es zu Massenerkrankungen durch Abwässer und Industriegifte, die ungeklärt in den Strom fließen. Man könne nicht mehr Volumen aus dem eigenen Assuan-Staubecken ablassen, um die Schadstoffe stärker zu verdünnen und ins Mittelmeer auszuspülen, erklärte Wasserminister Muhammad Abdul Muttalib, der weiß, dass sein Land wegen der wachsenden Bevölkerung jeden Liter braucht. 95 Prozent der 85 Millionen Ägypter drängeln sich im Niltal, das lediglich fünf Prozent der Staatsfläche ausmacht. Und so ordnete der neue Ministerpräsident Ibrahim Mahlab kürzlich in einer hilflosen wie symbolischen Aktion an, bei Kabinettssitzungen solle künftig nur noch Leitungswasser serviert werden. Auf diese Weise wolle die Regierung „ihren Lebensstil mit den normalen Leuten teilen“.

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