Agnieszka Holland im Interview : „Wir sind keine Diebe, okay?“

Vorurteil Nummer eins putzt Agnieszka Holland gleich mal weg – und spricht über andere nationale Klischees, weißen Käse und die schönsten Ecken von Polen.

von und Piotr Buras
Agnieszka Holland. Foto: reuters
Agnieszka Holland.Foto: reuters

Frau Holland, Polen ist EM-Gastgeberland, aber polnische Feministinnen sagen, der Staat hätte lieber in etwas Sinnvolles wie Kindergärten investieren sollen. Teilen Sie diese Meinung?

Nein. Ich mag es auch nicht, wenn die Kultur gegen den Sport ausgespielt wird. Es sollte Stadien ebenso geben wie Museen. Beides ist wichtig. In den 70er Jahren habe ich mir jedes Spiel der Nationalmannschaft angesehen. Heute schaue ich nur noch die großen Turniere. Leider ist Polen nicht besonders erfolgreich.

Immerhin ist Borussia Dortmund mit drei polnischen Spielern Deutscher Meister geworden!
Stimmt. Und Robert Lewandowski ist ein großartiger Stürmer. Die besten deutschen Spieler der letzten Jahre waren übrigens auch Polen: Lukas Podolski und Miroslav Klose. Bitte entschuldigen Sie, mein nationalistisches Gen meldet sich.

Sie verbringen die meiste Zeit in Los Angeles und der Bretagne. Wie stark fühlen Sie sich überhaupt noch als Polin?
Das Erste, was ich morgens lese, sind die Online-Ausgaben der polnischen Zeitungen. Polnisch ist immer noch sehr wichtig für mich, auch wenn über die Jahre andere Einflüsse dazugekommen sind. Zuallererst bin ich Mensch, dann Polin, dann Europäerin. Dauerhaft in Polen zu leben wäre allerdings ermüdend für mich, denn da will immer irgendjemand irgendwas von mir.

Dieses Jahr schienen Sie mit „In Darkness“ sehr nahe dran am Oscar. In Ihrem Heimatland waren die Erwartungen groß …
… es ist wie beim Fußball: Sobald die Möglichkeit besteht, dass Sie gewinnen, stehen die Leute hinter Ihnen und werden sehr patriotisch – gerade die Polen. Für mich selbst ist es gar nicht so schlimm, dass es wieder nicht geklappt hat.

„In Darkness“ ist eine deutsch-polnische Koproduktion …
… und schon nach den ersten Tagen des Drehs hatte ich das Gefühl, es wäre wieder Krieg zwischen unseren beiden Ländern. Die Crew war zur Hälfte deutsch, zur Hälfte polnisch. Ich war überrascht, wie leicht unter solchen Bedingungen Ressentiments wieder zum Vorschein kommen. Ich möchte nicht ins Detail gehen, aber mich hat diese Erfahrung gelehrt, dass die Idee der Nation immer gefährlich ist. Sehen Sie sich Holland oder Dänemark an, die galten als mustergültig tolerante Staaten – heute gewinnen da Nationalisten die Wahlen.

Welches Klischee über Polen ärgert Sie am meisten?
Dass wir ein Volk von Dieben sind. Man wird woanders viel eher beklaut als in Warschau. Also, wir sind keine Diebe, okay? Allerdings habe ich selbst auch Klischees über Polen im Kopf. Sind die Polen nationalistisch? Ja, das sind sie wohl – wobei ich nicht sicher bin, ob ihr Sinn für Ehre immer etwas Schlechtes ist. Sind sie antisemitisch? Oft sind sie es. Ich habe das schon früh am eigenen Leib erfahren: Als ich klein war, haben mich andere Kinder manchmal eine „dreckige Jüdin“ genannt. Außerdem finde ich, das Land neigt zur Hysterie: Wir sind die größten Opfer in der Weltgeschichte, die heroischste Nation! Nehmen Sie den Jahrestag von Smolensk neulich…

… als des Flugzeugabsturzes vom 10. April 2010 gedacht wurde, bei dem Präsident Lech Kaczysnski sowie Mitglieder einer hochrangigen Delegation auf dem Weg nach Russland ums Leben kamen …
… natürlich hat die polnische Rechte da Verschwörungstheorien in die Welt gesetzt. Das Schlimmste ist in deren Augen, dass Premierminister Tusk anerkannt hat, dass der polnische Pilot Schuld hatte. Vielleicht ist die größte Schwäche der Polen ihre mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik. Sie suchen die Schuld immer woanders. Ich glaube, das ist ein Grund dafür, warum es in der polnischen Literatur an bedeutenden Romanen fehlt. Die setzten immer eine gewisse Komplexität voraus. Und wenn man sich der eigenen Verantwortung nicht stellt, das eigene Handeln nicht analysiert, kann es diese Komplexität nicht geben. Stattdessen haben wir eine große Tradition romantischer Poesie.

Polen war tatsächlich oft Opfer fremder Mächte.
Ja, doch bevor es zum Beispiel im 18. Jahrhundert zwischen Russen, Deutschen und Österreichern aufgeteilt wurde, war es ein recht starkes Land, das seine Macht durch genau dieses Verhalten zerstörte. Es ist ein gefährliches Muster, das sich stetig wiederholt. Was natürlich nicht bedeutet, dass alle Polen so funktionieren. Jaroslaw Kaczynskis Partei gewinnt derzeit keine Wahlen. Und an die Verschwörungstheorie von Smolensk glauben 19 Prozent der Bevölkerung. In anderen Ländern, etwa den USA, wären es sicher mehr. Es gibt auch große Fortschritte: Die Diskussion vor einigen Jahren über das Massaker von Jedwabne …

… bei dem die Bewohner der polnischen Kleinstadt 1941 die Juden des Ortes in eine Scheune getrieben und verbrannt hatten …
… hat mich stolz gemacht. Das Eingeständnis der polnischen Historiker und Politiker war mutig, und es zeigte Reife.

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