Aktion gegen sexuelle Gewalt : #MeToo: Zu viele sind betroffen

In sozialen Netzwerken berichten Betroffene unter dem Hashtag #MeToo eindringlich von sexueller Gewalt. Derweil mehren sich die Vorwürfe gegen Harvey Weinstein.

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Unverblümt. Alyssa Milano gab den Anstoß für die Aktion im Netz, an der sich zehntausende Frauen beteiligten.
Unverblümt. Alyssa Milano gab den Anstoß für die Aktion im Netz, an der sich zehntausende Frauen beteiligten.Foto: Mike Coppola/Getty Images

Ein bisschen erinnert es an den Butterfly-Effekt. Die Theorie besagt, ein Schmetterling schlägt mit dem Flügel und kann am anderen Ende der Welt einen Orkan auslösen. Der Flügelschlag in diesem Vergleich: zwei unscheinbare, kurze Worte – „Ich auch“. Im Internet, bei Twitter, Facebook und Instagram mit einem Hashtag versehen als #MeToo gepostet, wuchsen sie am vergangenen Wochenende zu einem mächtigen Sturm an, der sich weiter ausbreitet. In dessen Auge steht noch immer Hollywood-Produzent Harvey Weinstein.

Unter dem Hashtag versammelten sich in wenigen Tagen Zehntausende, die damit signalisierten: Auch ich wurde sexuell belästigt, missbraucht oder vergewaltigt. Je mehr Frauen sich äußerten, desto schneller wuchs die Zahl derer, die den Mut aufbrachten, es ihnen gleichzutun. Darunter prominente Namen wie Lady Gaga, Patricia Arquette und Monica Lewinsky. Auch Männer äußerten sich, etwa der Schauspieler Javier Munoz. Er schrieb: „Ich weiß nicht, ob es etwas bedeutet, wenn ein homosexueller Mann das schreibt, aber es ist passiert. Viele Male.“

Angestoßen hatte die Aktion die Schauspielerin Alyssa Milano, um auf die Schwere des Problems hinzuweisen. Allein auf ihren Beitrag antworteten mehr als 30.000 Twitter-Nutzer. Viele schrieben schlicht „Me too“, andere erzählten detailliert ihre Geschichten. Eine Frau schildert, wie sie in der sechsten Klasse von mehreren Mitschülern festgehalten wurde, die ihr das Shirt hochzogen. Sie wollten „sehen, womit ich meinen BH ausstopfe“. Eine andere Frau beschreibt auf Facebook, wie sie als Studentin in Boston in einer Bar gearbeitet habe, wo sich ein Arbeitskollege nach Ladenschluss an ihr verging. Jemandem davon erzählt habe sie bis heute nicht – aus Scham.

Je mehr Frauen sich melden, desto mehr ziehen nach

Nicht immer ist aus den Postings erkennbar, ob es um Vergewaltigungen geht oder sexuelle Belästigung. Kimberly Marteau Emerson, die Ehefrau des ehemaligen US-Botschafters in Deutschland, John Emerson, schreibt auf Facebook: „Mir ist es auch passiert. Zu viele Male – in der fünften Klasse, in der achten Klasse, als ich neu am College war, als junge Frau, im Job.“ Ein anderer Nutzer beschreibt ganz explizit, er sei mit 14 Jahren vergewaltigt worden, habe aber nie jemandem davon erzählt, weil er ein Junge war und sie eine Frau. „Niemand hätte mich ernst genommen“, befürchtete er.
Mehrere Frauen berichten, wie sie von ihren Vätern, Onkel oder Stiefvätern missbraucht worden seien.

Sexuelle Gewalt, das zeigt die Aktion deutlich, ist mehr als das Versagen einiger weniger alter Männer, die zu viel Lust und zu viel Macht haben. Es ist ein Problem der ganzen Gesellschaft. Und jede einzelne dieser Episoden ist ein notwendiger Schlag in ihre Magengrube.
Die meisten Reaktionen bewegen sich zwischen Entsetzen und Anerkennung für den Mut, so offen zu berichten. Sängerin Vidya Fox schreibt: „Ich bin noch nicht bereit, meine eigenen Geschichten zu erzählen, aber hier von so vielen zu lesen, ist inspirierend!“

Nur Woody Allen schafft es nicht so recht, sich zu distanzieren

Die Aktion erinnert an die im Jahr 2013 in Deutschland geführte #Aufschrei-Debatte, die durch einen „Stern“-Artikel der Journalistin Laura Himmelreich über den damaligen FDP-Spitzenkandidaten Rainer Brüderle losgetreten wurde. Damals entbrannte eine Debatte über Sexismus, die in Tageszeitungen, Talkshows und an Stammtischen über Wochen geführt wurde.
Brüderle, das muss an dieser Stelle allerdings gesagt werden, wurde anders als Weinstein nicht vorgeworfen, sich physisch an Frauen vergangen zu haben. Gegen Harvey Weinstein dagegen liegen Anzeigen wegen sexueller Belästigung und Vergewaltigung vor. Unter anderem erstatteten die Schauspielerinnen Lysette Anthony und Rose McGowan Anzeige. Daraufhin erhoben auch Gwyneth Paltrow, Rosanna Arquette, Angelina Jolie, und Cara Delevingne Vorwürfe.
Die Weinstein-Affäre ist nicht das erste Mal, dass ein Hollywood-Star wegen vielfachen Missbrauchs auffällt. Zuletzt standen etwa Bill Cosby und Casey Affleck deshalb im Fokus der Öffentlichkeit. Aber diesmal scheint es so, als sei die Traumfabrik nicht mehr bereit oder in der Lage, den schönen Schein zu wahren. Innerhalb kurzer Zeit distanzierten sich zahlreiche Filmstars vom dem Mann, der zu den mächtigsten in Hollywood gehört. Ryan Gosling entschuldigte sich, nichts von dem Problem gewusst zu haben. J.J.Abrams sagte dem „Hollywood Reporter“, Weinstein sei „ein Monster“. Seine Ehefrau trennte sich, die Weinstein-Company feuerte ihn und überlegt nun offenbar, ihren Namen zu ändern. Weinsteins Oscar wurde ihm aberkannt, und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron wünscht sich, dass dem Produzenten die Auszeichnung der französischen Ehrenlegion ebenfalls aberkannt wird.

Nur Woody Allen schafft es nicht so recht, auf Distanz zu gehen. Stattdessen warnt dieser vor einer „Hexenjagd-Atmosphäre“. Allen selbst wurde in der Vergangenheit von seiner Tochter vorgeworfen, er habe sie sexuell missbraucht. Von solchen Vorwürfen gegen Weinstein habe er nie etwas gehört, beteuert auch Allen, obwohl sie mehrmals miteinander arbeiteten. Davon gewusst haben will keiner.
Zwischen den zahlreichen Beiträgen, die unter #MeToo veröffentlicht wurden, findet sich auch ein Video. Darin sagt Courtney Love zu einem Fernsehreporter: „Wenn Harvey Weinstein dich zu einer Party ins Four Seasons einlädt: Geh nicht hin!“ Das Video ist von 2005.

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