Amoklauf in Lörrach : Weibliche Täter sind selten

Der Anteil von Frauen unter Amokläufern liegt unter fünf Prozent, schätzt Herbert Scheithauer, Psychologieprofessor an der FU. Doch am Sonntag bestätigte in Lörrach eine Ausnahme die Regel.

Lissy Kaufmann
Trauernde legten am Montag Blumen vor der Wohnung der Amokläuferin von Lörrach ab.
Trauernde legten am Montag Blumen vor der Wohnung der Amokläuferin von Lörrach ab.Foto: dpa

Ob es sich bei der Tat in Lörrach tatsächlich um einen Amoklauf handelt, ist nach Angaben von Experten noch nicht endgültig klar. Dafür müsse festgestellt sein, in welchem Verhältnis Opfer und Täterin standen und wie gut die Tat geplant war, wie Herbert Scheithauer, Psychologieprofessor an der FU, erklärt. Um einen Amoklauf handelt es sich nur dann, wenn ein Mensch mit einer Waffe wie in einem Rauschzustand im öffentlichen Raum ohne Abkühlungsphasen willkürlich Menschen tötet oder es versucht. Andernfalls handelt es sich um eine geplante Mehrfachtötung.

Amoklauf in Lörrach
Ein Beamter der Spurensicherung am Tatort. Die Amokläuferin hatte nach Angaben der Staatsanwaltschaft rund 300 Schuss Munition mit in das Krankenhaus genommen.Alle Bilder anzeigen
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19.09.2010 21:25Ein Beamter der Spurensicherung am Tatort. Die Amokläuferin hatte nach Angaben der Staatsanwaltschaft rund 300 Schuss Munition mit...

Ungewöhnlich ist, dass es sich um eine Täterin handelt. „Bei solchen Taten überwiegt die Zahl der männlichen Täter“, sagt Scheithauer. Er schätzt den Anteil von weiblichen Amokläufern auf unter fünf Prozent. Der Grund: Frauen haben insgesamt ein niedrigeres Aggressionspotenzial, wie Isabella Heuser, Leiterin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité, Campus Benjamin Franklin, erklärt. „Frauen sind sozial kompetenter und integrierter“, erklärt die Psychiaterin. Sie könnten ihre Emotionen besser regulieren und würden auch verantwortungsbewusster mit ihrer Gesundheit umgehen. Dies zeige sich daran, dass Frauen länger leben. Sie holten sich früher als Männer professionelle Hilfe, wenn sie merken, dass etwas nicht stimmt – nicht nur bei körperlichen, sondern auch bei psychischen Beschwerden. Auch das informelle Hilfenetz in Form von Freunden sei ausgeprägter, Frauen nähmen im Gegensatz zu Männern eher Ratschläge an. Woran das liegt, sei nicht völlig erwiesen. Dass alleine die Hormone daran schuld sind, schließt Heuser aus: „Sonst müssten alle älteren Frauen, die ja mehr männliche Hormone haben, aggressiver werden.“ Auch die Gene, die Umwelt sowie die Erziehung spielten eine Rolle. Das sieht auch Scheithauer ähnlich: Männer und Frauen werden seiner Meinung nach größtenteils noch immer unterschiedlich erzogen und gehen daher jeweils anders mit Problemen um. Wenn Männer ihre Männlichkeit verletzt sehen und eine Niederlage erleben, tragen sie das oft nach außen, wie Scheithauer erklärt. Der Experte spricht von dem sogenannten externalisierten Verhalten. Frauen hingegen würden vieles in sich hineinfressen und stärker versuchen, sich unter Kontrolle zu haben. Dennoch: „Ausnahmen bestätigen die Regel“, erklärt Heuser. Es gebe auch Frauen, die sich in einer Situation befinden, die für sie nicht mehr anders lösbar ist und in der sie durchdrehen. Gründe könnten beispielsweise psychotische Störungen oder Depressionen sein.

Dass Frauen weniger mit Waffen in Kontakt kommen und deswegen seltener Amok laufen, lässt Lars Winkelsdorf als Argument nicht gelten. Er ist Autor des Buches „Waffenrepublik Deutschland – Der Bürger am Abzug“ . Von den 20 bis 30 Millionen illegalen Waffen seien viele alte Erbstücke, die auf Dachböden liegen – und meistens seien deren Besitzer Frauen.

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