Welt : "Anti-Baby-Pille": Ja - aber bitte nicht rauchen

Adelheid Müller-Lissner

Eine Schlagzeile, die in regelmäßigen Abständen Frauen in aller Welt beunruhigt: "Anti-Baby-Pille erhöht Schlaganfall-Risiko". Auch die in der Juli-Nummer des renommierten Mediziner-Fachblatts "Journal of the American Medical Association" (JAMA) veröffentlichte Studie des kalifornischen Neurologen S. Claiborne Johnston und seiner Mitarbeiter ist auf den ersten Blick geeignet, diese Angst erneut zu schüren.

Die Mediziner aus San Francisco haben dafür allerdings keine neuen Daten erhoben, sondern die einschlägigen Studien der letzten Jahrzehnte in einer Metaanalyse kritisch ausgewertet. Sie fanden bei der Analyse von 16 Studien, wie gestern schon kurz berichtet wurde, bei Frauen, die die Pille nehmen, ein um das 2,75fach erhöhtes Risiko, einen Schlaganfall zu erleiden.

Das Hauptrisiko liegt woanders

Doch man muss genauer hinschauen, um diese Aussage realistisch zu bewerten. Zunächst ist da wenig weiterer wichtiger Befund: Für empfängnisverhütende Mittel, die niedrigere Dosen des Hormons Östrogen enthalten, stimmt die angegebene Zahl nicht. Bei der Einnahme dieser Präparate reduziert sich das relative Risiko, wie die Mediziner es nennen, auf 1,93. Da sie auch sonst deutlich weniger Nebenwirkungen haben, sind diese Antibabypillen heute ohnehin weit verbreitet.

Zudem sind aber auch die absoluten Zahlen wichtig. Etwas mehr als vier zusätzliche Fälle pro 100 000 Frauen sind nach der Rechnung der Wissenschaftler durch die Einnahme der niedrigdosierten Präparate zu erwarten. Das jährliche Risiko einer Erkrankung würde damit von 4,4 auf etwa 8,5 pro 100 000 Frauen steigen. Da in den USA derzeit 10 Millionen Frauen die Pille nehmen, sind nach Johnstons Rechnung dort 425 Schlaganfälle pro Jahr durch die Pille bedingt. Auf die Gesamtzahl der Erkrankungen bezogen ist der Zuwachs, der allein durch die Pille zu erklären ist, also gering.

Ein weiterer Zusammenhang muss gesehen werden. Es ist erwiesen, dass die Pille das Schlaganfallrisiko vor allem dann erhöht, wenn die Frau gleichzeitig raucht. Rauchen und hoher Blutdruck sind die Hauptrisikofaktoren, die viel schwerer wiegen als der relativ geringe negative Effekt, den die Pille im Zusammenspiel mit dem Rauchen hat.

"Nicht die Pille macht es", sagt der Frauenarzt Albrecht Scheffler, Landesvorsitzender für Berlin des Berufsverbandes der Frauenärzte e.V. Und er fügt aus leidvoller Erfahrung die Ermahnung hinzu: "Hört endlich auf zu rauchen und zu fett zu essen!" Für Scheffler ist eine gezielte Befragung und Untersuchung der Patientin Voraussetzung für die Verordnung: "Wir können die Pille nicht allen geben" betont der Gynäkologe. Neben Rauchen und Übergewicht sind Gefäßprobleme, hoher Blutdruck und in bestimmten Fällen auch Diabetes problematisch. Ihren Patientinnen über 35 sollten die Frauenärzte die Pille überhaupt nur verschreiben, wenn sie nicht rauchen, betont Horst Lübbert, Gynäkologe und Hormonspezialist vom Klinikum Benjamin Franklin. Denn aus früheren Studien weiß man längst, dass die Kombination von Pille und Rauchen das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall deutlich erhöht. Weltweit nehmen derzeit fast 80 Millionen Frauen die Pille zur Empfängnisverhütung, die zu Beginn der 60er Jahre ihren Siegeszug antrat. Sicherheit und Unkompliziertheit in der Anwendung machen sie unersetzlich. Doch Berichte über erhöhte Risiken, eine Venenthrombose, einen Herzinfarkt oder sogar eine Lungenembolie zu bekommen, begleiten die medikamentöse Form der Empfängnisverhütung seit ihren Anfängen. Weit weniger Beachtung findet dabei die Tatsache, dass mit der Einnahme der Pille auch Vorteile für die Gesundheit von Frauen verbunden sein können. Und das abgesehen von den Risiken, die mit Schwangerschaftsabbrüchen einhergehen oder auch den Komplikationen bei Schwangerschaften. So hat sich gezeigt, dass Eierstockkrebs bei Frauen, die mit Hormonen verhüten, deutlich seltener auftritt. Auch Entzündungen der Eileiter, die zu späterer Unfruchtbarkeit führen können, nehmen ab. Weil die Monatsblutungen deutlich schwächer ausfallen, reduziert sich auch das Auftreten der Endometriose, bei der Schleimhautgewebe aus der Gebärmutter in die Bauchhöhle wandert.

Derzeit provozieren sogar Vordenkerinnen wie Charlotte Ellertson und Sarah Thomas vom Populuation Council in Mexiko ihre medizinischen Kollegen mit der Frage ab, ob die Pille nicht überhaupt genutzt werden könnte, um den Frauen eine weitere Freiheit zu schenken. Wer sie durchgehend nimmt, hat bekanntlich keine Monatsblutungen, ein Vorteil, den nicht nur Ärzte bei den Endometriose-Patientinnen, sondern auch Sportlerinnen in Wettkampfzeiten schon lange nutzen.

Die Pille ist sinnvoll

Und ob die 450 Perioden, die eine moderne Frau heute durchschnittlich in ihrem Leben zu erwarten hat, der Gesundheit und dem Wohlbefinden unter dem Strich wirklich zuträglich sind, ist die Frage. Mit der "Natur" gegen die Pille zu argumentieren, ist jedenfalls kaum gerechtfertigt: Sie sorgte viele Jahrhunderte für einen späteren Einsatz der ersten Blutung, mehr Schwangerschaften und Stillzeiten und nicht zuletzt ein früheres Ende der fruchtbaren Zeit.

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