Welt : Archiv für Liebesbriefe: Liebe ist mehr als ein Wort

Liebesbriefe für die Studie bitte an:<br><br>

Die Züricher Germanistin Eva Lia Wyss hat jede Menge Liebespost bekommen, mehr als 5000 Briefe und Zettel in den vergangenen drei Jahren. "Eigentlich kann ich es nur summen, vor mich hin stöhnen, wie sehr ich Dich liebe", steht darin, oder: "Wegen eines Andenkens bin ich mit einer Miederschnur zufrieden, die ich als winziges Andenken an Sie, meine Liebe, aufbewahren würde."

Das lässt die Germanistin praktisch kalt. Sie untersucht den Satzbau, die Wortwahl, forscht nach "altersspezifischem Habitus" und speist die Herzensergüsse gar in ein Computerprogramm ein. Wyss arbeitet an ihrer Habilitation, für die sie Liebesbriefe sprachwissenschaftlich und sozialhistorisch untersuchen will. Was Verliebte einander schreiben, kann Erkenntnisse über die Gesellschaft liefern, findet die Forscherin. Ein Aufruf in Schweizer Zeitungen hat ihr eine Fülle von Briefen, Notizen und Zettelchen aus einem ganzen Jahrhundert beschert. Sie sind an der Universität jetzt im "Züricher Liebesbrief-Archiv (ZLA)" gesammelt.

Der weitaus größte Teil der Briefe stammt von Männern. Ob die nun schreibfreudiger sind oder Frauen einfach mehr aufbewahren, ist schwer zu sagen. "Es ist auch erwiesen, dass Frauen zwar viele Liebesbriefe schreiben, aber nicht abschicken", sagt Wyss. Wie sie auf die Idee der Liebesbriefforschung kam, weiß Wyss nicht mehr genau. "Der Zeitgeist durchweht einen plötzlich", meint sie. "Und außerdem: wer liest schon nicht gerne Liebesbriefe?"

Viele Frauenbriefe strotzen vor Sehnsucht und aufgewühlten Gefühlen. "Ich möcht halt bei Dir sein, mein alles Du, oft rollen die Tränen mir so herunter und ich weiß nicht, wohin mit all dem Heimweh nach dir", schrieb eine Frau 1940. Andere bewahren Contenance: "Sehr geehrter Herr R., ich freue mich Ihnen mitteilen zu dürfen, dass mein Herz lodernd in Flammen steht und sich frei von jeglichem Zweifel dem Ihren hingezogen fühlt." Das schrieb, wohl eher ironisch gemeint, eine 22-Jährige 1996 ihrem Freund.

Männer spicken ihre lieben Zeilen dagegen mit Ermahnungen. "Hast Du wirklich ein reines Herzlein bewahrt bis zum heutigen Tag?", schrieb Paul 1951 einer Marie. Oder, die lieben Zeilen mit ganz Praktischem verbindend, Max: "Inwischen verbleibe ich, immer an Dich denkend, Dein Max. P.S: Ist mein Motorrad schon verkauft?"

Die 70er Jahre waren liebesbrieftechnisch eine wahre Befreiung. Die zärtlichen Worte kamen nicht mehr auf teurem Papier, mit feiner Feder geschrieben und gut durchformuliert daher, sondern oft wie der Schnabel gewachsen war. Auch die Frauen wurden lockerer. Früher schrieben sie steif-korrekt an den lieben Rudolf, während Männer sich schon früh neckischer Kosenamen bedienten: Strolchi, Muckelchen und Krallenkätzchen fand Wyss öfter. "Mein Amor", "mein Götterfunke" für das einst starke Geschlecht sind Schöpfungen der Neuzeit.

Seit den 80er Jahren kommen immer mehr Liebesbotschaften auf kleinen Zetteln daher, die die Angebeteten am Spiegel oder Kühlschrank, auf dem Kissen oder vor dem Frühstücksei fanden. Zur gleichen Zeit kamen die kleinen gelben Zettel auf den Markt, die nicht nur Büros, sondern eben auch das Briefeschreiben veränderten. Grund für die Liebeszettel seien neue partnerschaftliche Verhältnisse, sagt Wyss. "Frauen und Männer schlafen, aber wohnen nicht mehr zusammen. Stattdessen besuchen sie sich. Außerdem fühlen sich Frauennicht mehr verpflichtet, mit ihrem Mann aufzustehen."

Die Lektüre derart vieler Liebespost ist manchmal anstrengend. "Man stumpft ein bisschen ab", sagt Wyss. "Das Schlimmste ist das Abschreiben aus Literaturvorlagen." Anleitung für Verliebte, wie dem Gefühlsstau auf intelligente Weise Luft gemacht werden kann, will Wyss aber nicht geben, auch wenn ihr Archiv dafür genug Ideen liefert.

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