Artenschutz : Geier vor Sturzflug

Nicht nur Elefanten und Nashörner sind gefährdet. Auch die Bestände von Aasfressern gehen in Afrika stark zurück.

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Dieser Weißrückengeier blickt in die Weite der Maasai Mara in Kenia. Auch im berühmten Nationalpark haben die Geier schlechte Überlebenschancen.
Dieser Weißrückengeier blickt in die Weite der Maasai Mara in Kenia. Auch im berühmten Nationalpark haben die Geier schlechte...Foto: dpa

Geier gelten als Totenvögel. Wohl deshalb gehören Körperteile von ihnen für afrikanische Heiler und Magier zum Arsenal ihrer Kunst. Etwa ein Drittel der in Afrika dokumentierten toten Geier sind für Zwecke „traditioneller Medizin“ eingesetzt worden. Vor allem in West- und Südafrika bedroht der Handel mit den Körperteilen die Vögel. Traditionelle Heiler, die nicht nur die Heilung des Körpers, sondern auch der Seele versprechen, sind gefragt – gerade in unsicheren Zeiten wie diesen, in denen viele afrikanische Gesellschaften großem Veränderungsdruck ausgesetzt sind, gleichzeitig aber die Gesundheitssysteme noch immer nicht mit dem Standard mithalten können. Doch der Bedarf der Heiler und Magier ist nicht das größte Risiko für die Geier in Afrika.

In einer aktuellen Studie hat die Expertengruppe für Geier der Weltnaturschutzunion (IUCN) den Zustand der Geierpopulationen in Afrika erstmals umfassend dokumentiert. Die Forschergruppe um Darcy Ogada hat ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Conservation Letter“ veröffentlicht. Acht von neun afrikanischen Geierarten haben die Wissenschaftler untersucht. Innerhalb von drei Generationen sind die Bestände aller acht Arten um 62 Prozent zurückgegangen. Sieben Arten haben sogar 80 Prozent ihrer Populationen verloren. Und dabei spielt die traditionelle Medizin eine wichtige Rolle. Noch mehr Geier fallen allerdings Vergiftungen zum Opfer. Wilderer vergiften die Kadaver von Elefanten oder Nashörnern, damit am Himmel kreisende Geier sie nicht verraten. Darauf weist die Umweltstiftung WWF hin. Der Biologe Arnulf Köhncke betont, dass Geier lediglich 30 Minuten brauchten, um einen toten Elefanten zu finden: „Das erhöht die Gefahr, erwischt zu werden, Wilderer benötigen etwa doppelt so lange, um die Stoßzähne zu entfernen.“

Asien hat mehr als 90 Prozent seiner Geier verloren

Die afrikanische Geierkrise hat die Forscher an das dramatische Geiersterben der asiatischen Spezies in den 1990er Jahren erinnert. Dort sind die Populationen innerhalb eines Jahrzehnts sogar um 96 bis 99 Prozent zurückgegangen. In Asien ließ sich das dramatische Geiersterben auf genau einen Faktor zurückführen: den massenhaften Einsatz des Schmerzmittels Diclofenac in der Nutzviehhaltung. Wenn Geier mit Diclofenac behandelte tote Schweine oder Hühner fressen, sterben sie. In Afrika ist das anders, denn dort sind zwar die Nutzviehbestände stark gewachsen. Doch die meisten afrikanischen Hirten können sich den massenhaften Einsatz von Diclofenac (noch) nicht leisten. „Das gibt afrikanischen Regierungen Handlungsmöglichkeiten“, schreiben die Forscher in ihrer Studie. Deshalb haben sie restriktive Gesetze für ein Einsatz von Diclofenac und für Ackergifte aller Art gefordert, um die Geier besser zu schützen.

Eine Gruppe Geier schart sich um den Kadaver eines Elefanten,. Das Foto wurde 1999 in Savuti/Botswana aufgenommen.
Eine Gruppe Geier schart sich um den Kadaver eines Elefanten,. Das Foto wurde 1999 in Savuti/Botswana aufgenommen.Foto:Philips/ dpa

Allerdings sind die Viehhirten für die Geier trotzdem eine Gefahr. Oft legen sie mit Pestiziden vergiftete Köder aus, um Löwen, Hyänen oder Schakale zu töten, die ihren Rindern oder Ziegen zu nahe kommen könnten. Insgesamt hat die Forschergruppe ermittelt, dass von 7819 in 26 afrikanischen Ländern eindeutig dokumentierten toten Geiern 61 Prozent vergiftet worden sind. 2004 beispielsweise sind im Nairobi-Nationalpark in Kenia 187 tote Geier gefunden worden, die mit dem Pestizid Furadan vergiftete Kadaver gefressen hatten. Eine ähnliche Katastrophe hat sich 2013 im Hwangi-Nationalpark in Simbabwe abgespielt. Dort hatten chinesische Wilderer Dorfbewohnern nahe dem Park Zyanid gegeben, mit dem sie die Wasserlöcher vergiften sollten, zu denen Elefanten in der Trockenzeit ziehen mussten, um nicht zu verdursten. An den mehr als 100 so verendeten Elefanten haben sich auch Hyänen, Löwen und Geier gütlich getan – und sind ebenfalls verendet.

Die Geier verlieren ihre Lebensräume überall auf der Welt

Geier sind überall auf der Welt stark gefährdet. Auch die europäischen Populationen vor allem in Spanien und Bulgarien sind stark zurückgegangen. In Europa hat das Geiersterben vor allem mit dem Verlust von Lebensräumen zu tun. Das spielt auch in Afrika eine Rolle. Was die Autoren der Studie beunruhigt, ist die Tatsache, dass der Geierbestand selbst in den Nationalparks massiv zurückgegangen ist. Außerhalb der Nationalparks ist die Lage zwar noch dramatischer, aber in den geschützten Gebieten kreisen rund 60 Prozent weniger Geier als noch vor zehn oder 15 Jahren. Aus den Erfahrungen in Asien wissen die Forscher, dass das Aussterben der Geier negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen hat. Da in Indien inzwischen vor allem verwilderte Hunde die Tierkadaver fressen und die Hunde oft das Tollwutvirus in sich tragen, sind die Kosten für die Behandlung der tödlichen Krankheit beim Menschen zwischen 1993 und 2006 um 34 Milliarden Dollar gestiegen, heißt es in der Studie.

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