Welt : Auf allen vieren ins Rampenlicht

Eine türkische Familie weckt mit „Affengang“ Interesse der internationalen Forschung

Thomas Seibert[Istanbul]

Resit Ulas wollte unbedingt einen gesunden Sohn. Der heute 66-jährige Rentner aus dem Dorf Demirkonak in der südtürkischen Provinz Hatay und seine Frau Hatice wurden deshalb in den vergangenen Jahrzehnten nicht weniger als 19 Mal Eltern. Doch immer wieder kamen behinderte Babys zur Welt, drei Kinder starben inzwischen. Resit und Hatice Ulas sind arme Leute und haben kaum genug Geld, um ihre große Familie ernähren zu können. Ein Schicksal unter vielen in der Türkei. Doch nun rückt die Familie Ulas aus der türkischen Provinz plötzlich ins Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Denn fünf inzwischen erwachsene, aber geistig behinderte Kinder der Ulas-Familie bewegen sich nur auf allen vieren vorwärts.

Der merkwürdige „Affengang“ könnte Hinweise auf die Evolution des Menschen liefern, glauben Wissenschaftler. Der britische Professor Nicholas Humphrey, der die Familie untersucht hat, meint in dem „Affengang“ das Beispiel für ein Übergangsstadium bei der Entwicklung des aufrechten Gangs beim Menschen zu erkennen. Die betroffenen Kinder seien mit einem Hirnschaden zur Welt gekommen, der sie bei der Fortbewegung in uralte Zeiten zurückversetzt habe, glaubt Humphrey. Der britische Fernsehsender BBC will am 17. März einen Dokumentarfilm über die Familie Ulas ausstrahlen.

Bei vier Töchtern und einem Sohn im Alter zwischen 19 und 35 Jahren wurde die seltsame Gangart beobachtet. Die Ulas-Kinder stützen sich beim Laufen auf die Handflächen und nicht auf die Fingerknöchel, wie das etwa bei Schimpansen der Fall ist. Sie können sich aufrichten, wenn es erforderlich ist, kehren aber bald wieder zur vierbeinigen Fortbewegung zurück, bei der sie bemerkenswert schnell sind. Dicke Schwielen an den Handflächen der fünf Ulas-Kinder sind den Forschern zufolge der Beweis dafür, dass der „Affengang“ als bevorzugte Fortbewegungsart nicht nur vorgetäuscht wird. Alle fünf Betroffenen sind geistig zurückgeblieben, haben nie eine Schule besucht und weisen große Sprachdefizite auf.

Der Berliner Forscher Stefan Mundlos geht davon aus, dass eine Gen-Veränderung bei einem bestimmten Chromosom der Betroffenen die Ursache für den „Affengang“ ist. Durch diesen Gendefekt könnten Verhaltensweisen wieder hervortreten, die im Laufe der Menschheitsgeschichte „verschüttet“ waren.

Dass das Phänomen ausgerechnet in der Türkei beobachtet wurde, ist wahrscheinlich kein Zufall. Weil hunderttausende Türken einen Partner aus der eigenen Familie heiraten, provozieren sie geradezu genetische Schäden. Auch Resit und Hatice Ulas sind miteinander verwandt.

„Genetisch ist die Folge von Verwandtenehen, dass seltene Krankheiten häufiger auftreten“, erläutert Aslihan Polun, Genetik-Professorin an der renommierten Bosporus-Universität in Istanbul. „Außerdem treten Krankheiten auf, die es noch nie gegeben hat – wir nennen sie Neue Krankheiten.“ Das ist offenbar auch bei der Ulas-Familie in Demirkonak geschehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben