Aufschüttung : Auf Sand bauen: Abstimmung über Helgolands Zukunft

Am Sonntag entscheiden die Helgoländer über eine Vergrößerung ihrer Insel. Seit Monaten tobt ein Wahlkampf. Das Ja oder Nein stilisieren viele zur Schicksalsfrage des Eilands hoch.

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Wird die Lücke zur Düne geschlossen?
Wird die Lücke zur Düne geschlossen?Foto: dpa

Seit Jahren verliert Deutschlands einzige Hochseeinsel Einwohner. Und Touristen. Helgoland droht der wirtschaftliche Niedergang. Eine Idee soll das Ruder jetzt herumwerfen. Eine gewaltige Sandaufschüttung soll die Insel wieder mit der Düne verbinden, die in der Neujahrsnacht 1720/1721 durch eine gewaltige Sturmflut abgetrennt wurde. Ob diese Idee Wirklichkeit wird, darüber wird am Sonntag abgestimmt. Es sind nur etwas über 1100 Wahlberechtigte, die am Sonntag zum Bürgerentscheid aufgerufen sind.

Das Ja oder Nein stilisieren viele zur Schicksalsfrage des Eilands hoch. Seit Monaten tobt ein Wahlkampf auf Helgoland, der nicht vor persönlichen Verletzungen halt macht. Befürworter wie Gegner haben Flugblätter verteilt, Leserbriefe geschrieben, zu eigenen selbst ernannten Informationsveranstaltungen eingeladen oder simpel plakativ ihr „Ja“ oder „Nein“ an der Fensterscheibe befestigt.

Tatsache ist, dass Helgolands Einwohnerzahl sich in den vergangenen 30 Jahren auf 1300 halbiert hat. Das wollte der Hamburger Bauunternehmer und Investor Arne Weber ändern. Er betreibt ein Hotel auf der Insel und stellte vor drei Jahren seine Pläne zur Inselvergrößerung vor. Damit blitzte er aber bei der Mehrheit der Gemeindevertreter ab. Mit dem Wechsel auf dem Bürgermeistersessel im September 2010 hat der neue Amtsinhaber Jörg Singer (parteilos) die Frage wieder vorangetrieben. Damit sind Webers Pläne plötzlich wieder aktuell.

Jahrzehntelang lebte das Eiland von Ausflüglern, die auf der Insel, die als EU-Ausland gilt, zollfrei einkauften. Doch das Geschäft mit den aus der Mode gekommenen „Butterfahrten“ lahmt, die Zahl der Tagesgäste geht zurück. Weil Helgoland keine andere Einkommensquellen hat, sank über die Jahre auch die Einwohnerzahl. Die 1300 Bürger reichen nicht aus, um die Gemeinschaft lebendig und Geschäfte oder Arztpraxen rentabel zu halten. Dafür seien mindestens 1500 Einwohner nötig, befand ein Entwicklungskonzept, das die Gemeinde, das Land Schleswig-Holstein und der Kreis Pinneberg, zu dem die Insel gehört, vorlegten. Aus ihm stammen auch die nun zur Wahl stehenden Szenarien. Helgolands einzige Zukunftschance sei eine neue Art von Fremdenverkehr für „Qualitätstouristen“, schrieben die Experten darin. Feriengäste, die länger bleiben, aber Ansprüche stellen. Doch Platz für Hotelanlagen und den Bau von Wohnungen für zusätzliche Hotelbedienstete hat die Insel, auf der die Bebauung aus Denkmalschutzgründen größtenteils nicht verändert werden dürfen, bisher nicht. Deshalb entstand die Neuland-Idee. „Die Insel braucht mehr Insulaner“, sagt Bürgermeister Singer. Dass auf Helgoland etwas passieren muss, daran zweifelt auch Uwe Menke nicht. Aber der Gemeinderat des Südschleswigschen Wählerverbands (SSW), der zu den Kritikern allzu weitreichender Visionen gehört, hofft gerade deshalb, dass die Bürger den Plan für die Landbrücke verwerfen. Falls nicht, würde seiner Meinung nach zunächst vor allem eines geschehen: nichts. Die Investorensuche werde „sehr schwierig“, prophezeit er. Und eventuelle Genehmigungsverfahren würden viele Jahre dauern. Er sei deshalb dafür, begrenztere, aber konkrete Maßnahmen zur Erhöhung der Hotelbettenkapazität auf der Insel zu ergreifen. Wenn das klappe, könne die große Neuland-Vision später immer noch in Angriff genommen werden. „Aber das ist dann der letzte Schritt, nicht der erste.“

Die „große Lösung“ würde der Insel Neuland im Umfang von 42 Fußballfeldern bescheren, eine kleinere Variante mit einer verlängerten Landungsbrücke, um Kreuzfahrtschiffen eine Anlegemöglichkeit zu bieten, brächte etwa 94 000 Quadratmeter. Viele Bewohner befürchten Bettenburgen und warnen vor einem „Ballermann“-Szenario. Naturschützer sorgen sich um die Ruheplätze der Kegelrobbe. Kritiker sagen, dass ein Ja eine finanziell unkalkulierbare Belastung bedeute. Initiator Weber spricht von 100 Millionen Euro, die allein für die Landaufschüttung notwendig seien. (mit AFP)

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