Aus dem Stau aufsteigen : Das fliegende Auto

Aus dem Stau in die Luft – diesen Traum will die EU verwirklichen. Und sie kommt voran. Mehrere Forschungseinrichtungen, darunter das DLR, arbeiten an dem "Mycopter" und stellen erste Ergebnisse vor.

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Schickes Modell. So stellen sich Forscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt fliegende Autos der Zukunft vor.
Schickes Modell. So stellen sich Forscher des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt fliegende Autos der Zukunft vor.Foto: DLR/promo

Wer stand nicht schon einmal im Stau und träumte davon einfach mit seinem Auto in die Luft zu steigen und dem Unbill auf der Straße davonzufliegen? Die Menschheit hat sich den Traum vom Fliegen schon lange erfüllt. Wie selbstverständlich steigen wir heute in ein Flugzeug und landen zwölf Stunden später am anderen Ende der Welt. Für kürzere Strecken ist die Fliegerei, wie wir sie heute kennen, aber eher ungeeignet. Nur den Reichen und Mächtigen dieser Welt ist es vergönnt, einfach in einen Helikopter zu steigen und über das Verkehrschaos hinweg zum nächsten Termin oder einfach zum Shoppen zu hüpfen. Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt forscht ganz konkret am fliegenden Auto der Zukunft.

Federführend in einem EU-Projekt, bei dem neben dem DLR noch die University of Liverpool, die École Polytechnique Féderale de Lausanne, die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich und das Karlsruher Institut für Technologie beteiligt sind. Die Wissenschaftler loten aus, wie sich eine Zukunft mit individuellem Flugverkehr gestalten könnte.

Rein technisch ist eine Mischung zwischen Automobil und Hubschrauber weniger ein Problem. Bereits 1910 gab es in US-amerikanischen San Diego erste Versuche ein fliegendes Auto in die Luft zu bringen. 1937 gelang das dem Aerobile von Walter Waterman tatsächlich. In jüngerer Zeit hob der Terrafugia Transition 2009 als Flugauto vom Boden ab. Weitaus schwieriger gestalten sich die Fragen, wie sich fliegende Autos über städtischen Räumen denn in der Realität organisieren und wie es normalen Menschen ohne jahrelange Ausbildung ermöglicht werden könnte, solche Fluggeräte zu bedienen.

Ein einfaches Lenkrad soll das wichtigste Problem lösen

Speziell für letzteres Problem haben die Wissenschaftler nun eine einfache, wie auch bekannte Lösung entwickelt: Das aus dem Automobil bekannte Lenkrad. „Uns ist es gelungen, eine Lenkradsteuerung mit dahinterliegender automatischer Steuerungstechnik zu entwickeln, die das Fliegen deutlich vereinfacht“, sagte Stefan Levedag, Leiter des DLR-Instituts für Flugsystemtechnik bei der Präsentation der Forschungsergebnisse in Braunschweig.

Einen Hubschrauber als in sich nicht stabiles Fluggerät zu steuern, bedarf einer langen Ausbildung. „Bisher muss ein Hubschrauberpilot alle vier Steuerachsen gleichzeitig im Blick behalten“, erklärt Bianca Schuchardt vom DLR. Das Mycopter-Lenkrad macht aus diesen vier Achsen bei der Bedienung drei. Der Pilot steuert das Fluggerät in der Horizontalen mit dem Lenkrad und beschleunigt oder bremst über zwei Pedale im Fußraum. Ganz wie beim Auto eben. Für die Flughöhe gibt es einen Hebel, beim DLR wurden aber auch Varianten mit Paddeln hinter dem Lenkrad entwickelt. „Unsere Idee war es, das intuitive Wissen von Autofahrern breitflächig für die Ausbildung von Piloten einzusetzen“, sagt Stefan Levedag zu der Technik. Damit könnte nicht nur die Ausbildung für Piloten deutlich vereinfacht werden. Das Fliegen an sich könnte spürbar sicherer werden. Denn Helikopter, zum Beispiel bei Rettungseinsätzen, müssen oft bei besonders schwierigen Bedingungen in die Luft. Das macht den Beruf eines Hubschrauberpiloten gefährlich. Mit dem Lenkrad geflogen wird schon längere Zeit im Simulator in Braunschweig. „Es ist ganz einfach“, sagt Levedag, der selbst schon des öfteren hinterm Lenkrad saß. Auch ganz real ist ein für Forschungszwecke umgebauter Eurocopter bereits mit dem Volant statt dem Hebel in die Luft gestiegen.

Wie kann man Kollisionen in der Luft vermeiden?

Das EU-Projekt Mycopter geht aber über rein technische Fragen hinaus. Die Wissenschaftler aus Lausanne etwa forschen an Problemen wie der Kollisionsvermeidung in der Luft, dem Potenzial für Schwarmflüge oder einer automatischen Erkennung für Landeplätze. In Karlsruhe wurden dagegen im Forschungsverbund eher soziologische Probleme erörtert. Zum Beispiel, welchen Einfluss die sogenannten „Personal Aerial Vehicles“, so der Fachjargon, auf die Gesellschaft hätte. Wie würden Menschen in einem immer dichter werdenden Luftraum reagieren und welche Gefahren könnten daraus für dicht besiedelte Räume entstehen?

So konkret sich die Ergebnisse der Forscher im Einzelnen auch gestalten, die Idee einfach über den Stau hinweg zu fliegen, wird auf absehbare Zeit nur ein Traum bleiben. Aber vielleicht hilft die Technologie, die in Braunschweig gezeigt wurde, schon bald dabei, dass viel mehr Menschen fliegen können und dürfen.

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