Ausbeutung im Weinbau : Sklavenarbeit in Italiens Plantagen

Hochwertige italienische Agrarprodukte werden unter teils unmenschlichen Bedingungen geerntet. Unter den Ärmsten der Armen wächst die Konkurrenz um die Arbeit.

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Weinernte bei Siena in Italien. Die Arbeitsbedingungen von Saisonarbeitern bei der Weinlese in vielen Regionen Italiens werden heftig kritisiert.
Weinernte bei Siena in Italien. Die Arbeitsbedingungen von Saisonarbeitern bei der Weinlese in vielen Regionen Italiens werden...Foto: Marco Bucco/pa/ dpa

Üppig, prall und makellos sollen italienische Trauben aussehen, wenn sie in deutschen Supermärkten potenzielle Käufer anlachen, und kosten sollen sie auch so wenig wie irgend möglich. Der Preis dafür ist hoch; ihn aber zahlen andere – und zwar in teils unmenschlicher Weise.

Wie jedes Jahr zur Haupterntezeit gehen Berichte durch italienische Zeitungen, die ein ganzes Land erschrecken: Sie beschreiben die Arbeitsbedingungen der Erntehelfer. Afrikaner sind es zumeist oder Osteuropäer, mit der Krise aber zunehmend auch Italiener, die kein anderes Auskommen finden. Mehr als ein Drittel dieser Saisonarbeiter, 500.000 Personen oder mehr, sind laut offiziösen Schätzungen illegal beschäftigt, zu Löhnen, die weit unter den vorgeschriebenen Tarifen liegen und von denen die halb- oder scheinlegalen Arbeitsvermittler große Teile für sich selber abzweigen. Und immer wieder sterben Menschen, „Sklaven“, wie sie in Italien heißen, in den Plantagen.

Paola Clemente zum Beispiel. Die Aufgabe der 49-jährigen Mutter von zwei Kindern war es, in einem apulischen Weinberg aus den reifenden Tafeltrauben verschrumpelte, schimmelige oder beschädigte Beeren einzeln herauszuschneiden. 49 Euro am Tag hätte der Tariflohn betragen, 27 Euro hat sie bekommen. Bis der Herzinfarkt sie auf offenem Feld traf. „Und ihre Leiche hat man nur deswegen nicht verschwinden lassen, weil sie Italienerin war“, schreibt bitter die Wirtschaftszeitung „Il Sole 24 Ore“, die damit auf das ungeklärte Schicksal so mancher verschwundener Schwarzer oder Polen anspielt.

Die meisten werden tageweise angeheuert, morgens bei Sonnenaufgang an einschlägig bekannten Straßenkreuzungen. Berufsmäßige Arbeitsvermittler, die mit den Großbauern zusammenarbeiten und der Scheinlegalität halber amtlich als „Reiseunternehmer“ registriert sind, karren die Menschen in überladenen Kleinbussen oder Pritschenwagen auf die Felder, kassieren von jedem fünf Euro für die Fahrkarte morgens hin und fünf Euro für abends zurück – wer protestiert, bleibt ohne Arbeit am Straßenrand stehen. Auf den Feldern müssen die Arbeiter sogar noch ihr Trinkwasser kaufen. Ein Euro für die Halbliterflasche. Manche bekommen von sieben Tage Arbeit nur zwei bezahlt. Und wie jener Gruppe von Afrikanern, die ihr Schicksal in der vergangenen Woche erstmals öffentlich gemacht hat, kann es auch anderen passieren, dass sie nach einer Woche Arbeit vom Hof gejagt werden, ohne Begründung – und ohne jeden Lohn.

Hinzu kommen erbärmliche Wohnbedingungen. Im Mezzogiorno leben Afrikaner zusammengepfercht entweder in verfallenden Bauernhöfen oder in „Zeltstädten“, die nur aus aufgespannten Planen bestehen. Im Piemont, wo der Barolo und andere teure Weine wachsen, haben sich dieses Jahr mit zunehmenden Flüchtlingszahlen auch die Lebensbedingungen der osteuropäischen Erntehelfer massiv verschlechtert. Das Magazin „Espresso“ berichtete dieser Tage, die häufig rechts regierten Gemeinden schotteten sich dermaßen gegen alle Ausländer ab, dass die Bulgaren, Rumänen, Mazedonier zwar den ganzen Tag über in den Weinbergen ernten sollen, aber keinen Wohnraum und keine Duschen zugewiesen bekommen. „Das lockt nur Schwarzarbeiter an“, wird ein Bürgermeister zitiert, der ganz genau weiß, dass seine Großweinbauern am Ort ohne ausländische Erntehelfer nicht weit kämen. So müssen sich, schreibt der „Espresso“, die Arbeiter jeden Abend „unsichtbar machen“: in Bretterverschlägen oder unter Plastikplanen abseits aller öffentlichen Straßen oder an Flussufern, wo die Polizei trotz ihrer politisch verordneten „Null Toleranz“-Strategie dann doch nicht hinschaut.

Eine besonders perfide Preisdrücker-Strategie verfolgen offenbar sizilianische Weinbauern. Auf der Insel, wo die meisten Bootsflüchtlinge ankommen und wo sie über Wochen oder Monate in Aufnahmelagern beherbergt werden, engagiert man sie jetzt – illegal natürlich – auch als Erntehelfer. Die Flüchtlinge akzeptieren noch niedrigere Löhne als die üblichen, regulär im Land befindlichen schwarzen Saisonarbeiter, weil sie ja im Aufnahmelager verpflegt werden und auch nichts für die Wohnung bezahlen müssen. So sagt es im „Espresso“ eine Gruppe von Flüchtlingshelfern und spricht von „Krieg der Ärmsten gegen andere Ärmste“. Und wenn der Wein geerntet ist, dann kommen die Orangen dran, dann die Erdbeeren, dann Gemüse, Salat, dann wieder einmal Tomaten und Wein – alles exzellente italienische Produkte.

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