Baku vor dem ESC : Das Öl ist Aserbaidschans Fluch und Segen

Aserbaidschan ist Gastgeberland des Eurovision Song Contest – ein Land mit liberaler Tradition und einer autokratischen Regierung.

Ingo Petz
Andere Meinung unerwünscht. Sicherheitskräfte bei einer Demonstration in Baku im vergangenen Jahr. Auch in dieser Woche gingen Polizisten wieder gewaltsam gegen Demonstranten vor.Weitere Bilder anzeigen
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25.03.2012 14:52Andere Meinung unerwünscht. Sicherheitskräfte bei einer Demonstration in Baku im vergangenen Jahr. Auch in dieser Woche gingen...

Hunderte holz verkleidete Ölfördertürme, dicht an dicht, so weit das Auge reicht. Dazu ohrenbetäubender Lärm, kreischend, schreiend, dröhnend, und ein ölig-rußiger Gestank, der der Hölle hätte entstammen können. Bei dem Reisenden, der Ende des 19. Jahrhunderts in Baku landete, muss sich ein Gefühl der Verstörung eingestellt haben beim Anblick dieser überirdisch wirkenden Symbole der industriellen Moderne. „Die Öltürme, die sich zu Hunderten neben Baku erheben, sind ein phantastisches, ein unvergessliches Bild“, schrieb Essad Bey 1929. Bey ist ein Pseudonym des russischen Juden Lew Nussimbaum, der 1905 in Baku als Kind eines wohlhabenden georgisch-jüdischen Ölunternehmers geboren, von einer deutschsprachigen Erzieherin aufgezogen wurde und später zum Islam konvertierte. Seine abenteuerliche Biografie, die ihn im Zuge der Russischen Revolution nach Paris und Berlin führte, steht stellvertretend für das multikulturelle Baku zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Juden, Christen und Muslime lebten miteinander. Das gab Baku sein vielfältiges architektonisches und kulturelles Bild.

Am 26. Mai wird in Baku der Eurovision Song Contest (ESC) stattfinden. Dank dieses musikalisch eher fragwürdigen Ereignisses rückt das Land im Süden des Kaukasus wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit. 1990 hat sich Aserbaidschan von der Sowjetunion losgesagt, und es hat ein entscheidendes Problem: eine autokratische Regierung unter dem Präsidenten Ilham Alijew, der die Machtfülle, die er von seinem Vater Hejdar 2003 erbte, sogar noch ausbauen konnte und damit auch gutes Geld verdient. Der Alijew-Clan kontrolliert wichtige Unternehmen im Land.

Aserbaidschan ist Mitglied des Europarates, seine Diplomaten bekennen sich mit großen Worten gern zu Europa und dem Westen, halten Demokratie und Menschenrechte aber für eher unwichtig. Teilweise erklärt sich das aus der Geschichte als häufig fremd beherrschtes Land, das in vielen Kriegen um Unabhängigkeit und Selbstbehauptung gekämpft hat. Ein Land, dessen demokratische Entwicklung als erste muslimische parlamentarische Demokratie zwischen 1918 und 1920 angestoßen wurde, aber nie zur völligen Entfaltung kam.

Der weiter ungelöste Konflikt um Bergkarabach festigt die Macht Alijews. Vor allem die immer noch von Armenien besetzten Gebiete (rund 16 Prozent des aserbaidschanischen Territoriums) schmerzen die Aserbaidschaner. Bis heute gibt es hunderttausende Flüchtlinge, die unter ärmlichen Bedingungen leben. „Dieser Konflikt hemmt eine demokratische und zivilgesellschaftliche Entwicklung des Landes“, urteilt der Aktivist Emin Milli, der wegen eines satirischen Videos siebzehn Monate in Haft war. Wie viele Aktivisten ist er gegen einen Boykott des ESC. Milli wirbt dafür, nach Aserbaidschan zu reisen, sich das Land anzuschauen und vor den negativen Seiten nicht die Augen zu verschließen. „Es ist die einzigartige Chance für Europäer, an unserem Friedensprozess aktiv beteiligt zu sein.“ Armenien hat allerdings bereits angekündigt, am Song Contest nicht teilzunehmen.

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