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Bonner Bombe : Bundesanwaltschaft übernimmt Ermittlungen

Es liegen belastbare Hinweise vor, dass die Personen, nach denen im Zusammenhang mit der Bonner Bombe gesucht wird, Kontakt in die radikal-islamische Szene haben. Deshalb übernimmt jetzt die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen.

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In dieser Tasche befand sich die Bombe.
In dieser Tasche befand sich die Bombe.Foto: dpa

Bei der Bombe auf dem Bonner Hauptbahnhof hat es nach Informationen des Tagesspiegels eine Zündung über den mit dem Sprengsatz verbundenen Wecker gegeben. Aufgrund eines Schaltfehlers sei aber keine Explosion ausgelöst worden, hieß es in Sicherheitskreisen. Die in Medien kursierende Behauptung, der Sprengsatz sei über eine Fernzündung aktiviert worden, könne nicht bestätigt werden. Verstärkt hat sich hingegen der Verdacht auf einen islamistisch-terroristischen Hintergrund. Der Sprengsatz passe von der Machart zu einer Bombenbauanleitung aus dem Internet-Magazin "Inspire", das die Al-Qaida-Filiale im Jemen produziert, hieß es. Bis auf wenige Abweichungen sei die Bombe mit der von "Inspire" beschriebenen Konstruktion identisch.

Jetzt hat die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernommen. “Es liegen belastbare Hinweise dafür vor, dass die verdächtige Person über Verbindungen in radikal-islamistische Kreise verfügt“, teilte die Behörde am Freitag zur Begründung mit. Zudem gebe es Anhaltspunkte, dass es sich um einen versuchten Anschlag einer terroristischen Vereinigung radikal-islamistischer Prägung handele. Die Behörde beauftragte das Bundeskriminalamt mit der Leitung der Ermittlungen.
Der Sprengsatz war am Montag in einer Tasche auf einem Bahnsteig im Bonner Hauptbahnhof entdeckt worden. Nach derzeitigem Ermittlungsstand habe die Bombe eine zündfähige Sprengstoffvorrichtung und zündfähiges Ammoniumnitrat enthalten, teilte die Bundesanwaltschaft mit.
Zu Medienberichten, wonach der Sprengsatz von Unbekannten ferngezündet werden sollte, erklärte die Kölner Polizei, dies sei eine von mehreren Ermittlungsthesen. Es seien aber weitere Untersuchungen des Landeskriminalamtes nötig, um sie zu überprüfen. Ein erster Verdacht gegen zwei Männer hatte sich am Dienstag nach Angaben der Polizei nicht erhärtet. Die beiden wurden wieder freigelassen.

Die Polizei sucht nun neben den beiden bisherigen auch noch einen dritten Verdächtigen. Es solle schon konkrete Hinweise auf einige Personen geben.

Am Donnerstag hatte die Bundesregierung vor Überreaktionen gewarnt. Es gebe keine Hinweise auf eine besondere Terrorgefahr etwa auf Weihnachtsmärkten, betonte das Innenministerium. Die beiden Tatverdächtigen aus dem Bonner Hauptbahnhof waren auch vier Tage nach dem Bombenalarm noch nicht gefasst. Die Ermittler gehen von einem versuchten Anschlag aus - ob aber Terroristen dahinterstecken ist unklar.

Dringend gesucht wird seit Donnerstag auch noch ein vierter Mann - als Zeuge. Noch bevor Jugendliche auf die verdächtige Tasche hinwiesen, hat er laut Polizei die herrenlose Tasche beim Bahn-Servicepoint in der Eingangshalle gemeldet. Es handele sich um einen etwa 40-jährigen Mann europäischen Aussehens mit einer leichten Sprachstörung. Laut der Beschreibung hatte er kurze mittelblonde Haare und war mit einer blauen Daunenjacke bekleidet. Die Ermittler erhoffen sich von ihm wertvolle Hinweise auf die Umstände, unter denen die Tasche mit dem hochbrisanten Inhalt abgestellt wurde.

Der Vorsitzende des Bundestags-Innenausschusses, Wolfgang Bosbach (CDU), vermutet durchaus einen terroristischen Hintergrund. Er kann deshalb nicht verstehen, dass die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen noch nicht an sich gezogen hat. Bosbach verwies im Fernsehsender N24 auf die Gefährlichkeit des Sprengsatzes und fragte: „Welches andere Motiv kann es denn gewesen sein, als durch einen terroristischen Anschlag das Land in Angst und Schrecken zu versetzen?“ Das Bundeskriminalamt (BKA) warnte indes vor voreiligen Schlüssen.

Das Bundesinnenministerium teilte mit, Hinweise auf die Gefährdung konkreter Ziele lägen nicht vor: „Das gilt auch für Weihnachtsmärkte. Deshalb sollten wir - bei aller Wachsamkeit - unser alltägliches Leben nicht beeinträchtigen lassen.“ Auch NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) appellierte an die Bürger, sich nicht einschüchtern zu lassen. „Wir müssen wachsam bleiben, aber nicht furchtsam“, sagte er dem „Bonner General-Anzeiger“.
Nun öffentliche Plätze, Weihnachtsmärkte oder Fußballspiele zu meiden, wäre genau das Falsche, betonte Jäger. Denn falls der gefährliche Sprengsatz tatsächlich von Terroristen abgestellt worden sein sollte, beabsichtigten diese gerade eine solche Reaktion.

Unterdessen fahndet die Polizei mit mehreren hundert Beamten weiter nach zwei Verdächtigen. Der eine ist ein hellhäutiger Mann, der auf dem Video einer McDonald's-Filiale am Bahnsteig von Gleis 1 im Bonner Hauptbahnhof zu sehen ist. Auf den Kamerabildern vom Montagmittag trägt er nach Vermutung der Polizei die blaue Tasche, in der sich die Bombe befand. Die Polizei bezeichnet die Videoaufnahme als „heiße Spur“. Der zweite gesuchte Mann ist dunkelhäutig und groß.

Er soll die blaue Tasche wenig später zwei Jugendlichen direkt vor die Füße gestellt haben und weggelaufen sein. Wie man das interpretieren muss, weiß die Polizei noch nicht.
Seit Mittwochabend seien mehr als sechzig Hinweise aus der Bevölkerung eingegangen. „Wir gehen allen Hinweisen nach, eine neue heiße Spur ist allerdings auf den ersten Blick noch nicht dabei“, sagte der Leitende Ermittler Norbert Wagner laut einer Mitteilung der Kölner Polizei vom Donnerstagabend.

Videobilder vom Bahnsteig selbst gibt es laut Polizei nicht. Ein Bahnsprecher sagte, es gebe dort zwar eine Videokamera, aber keine aufgezeichneten Bilder. Der Fraktionsvize der CDU/CSU im Bundestag, Günter Krings, forderte: „Wir brauchen einen konsequenteren Einsatz von Videokameras auf Bahnhöfen. Es ist nicht nachvollziehbar, dass auf einem Hauptbahnhof einer Großstadt wie Bonn die Polizei auf Videosequenzen von McDonald's zurückgreifen muss, um eine Aufnahme des Täters zu erhalten.“ (mit dpa)