"Childfree" : Wenn Menschen lieber kinderlos bleiben

In der "Childfree"-Bewegung sammeln sich Männer und Frauen ohne Nachwuchs. Einige Frauen sagen, ihnen fehle "Mutterinstinkt".

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Option: Kinderlosigkeit
Option: KinderlosigkeitFoto: mauritius images

Schlanke, modisch gekleidete Schwangere zeigen heute selbstbewusst ihren Bauch im eng anliegenden T-Shirt. Aber es gibt auch die anderen T-Shirts, auf Taille gearbeitet und über dem flachen Bauch zu tragen. „Childless by choice“ oder „Childfree means free to be me“ steht darauf zu lesen. Wie die dazugehörige Bewegung kommen sie aus den USA, doch mittlerweile kann man sie auch in Deutschland bestellen.

„Kinderfrei“, nicht kinderlos nennen sich Paare, die sich bewusst gegen Nachwuchs entscheiden. Frauen und Männer, die einen Partner haben, mit dem sie eine Familie gründen könnten, bei denen zudem gesundheitlich wie wirtschaftlich nichts dagegen spräche. 171 von ihnen hat die Amerikanerin Laura Scott für ihr Buch „Two is enough“ interviewt. Wie zu erwarten, sagen alle ihre Gesprächspartner, wie sehr sie ihre Unabhängigkeit lieben, dass sie es genießen, keine Verantwortung für Erziehung und Wohlergehen der Nachkommen tragen zu müssen, dass sie gern zu zweit sind und sich auch so als Familie fühlen. Und natürlich, dass ihnen Beruf und Karriere am Herzen liegen.

Damit werfen die bewusst Kinderlosen Dinge in die Waagschale, die eigentlich für alle jungen Erwachsenen zählen – und die heute viele gut ausgebildete Frauen dazu bringen, erst mit Mitte bis Ende 30 Mutter zu werden. Oder sogar schweren Herzens ganz darauf zu verzichten. Die Folgen sind bekannt: Die Geburtenrate liegt bei 1,4 Kindern pro Frau, etwas mehr als zwei müssten es aber sein, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten. Laut Mikrozensus 2008 sind nur 12 Prozent der über 60-jährigen, aber 21 Prozent der 40- bis 44-jährigen Frauen nicht Mutter. Die wenigsten von ihnen werden es noch werden.

Bei den Frauen der „Childless“-Bewegung ist eines anders: Für sie fällt nicht so viel in die andere Waagschale, in der die Gründe für eigenen Nachwuchs gesammelt werden. Denn sie haben weniger Angst, dass ihnen ohne Kind etwas fehlen könnte. 74 Prozent der Frauen, die Scott für ihr Buch interviewt hat, sagen klipp und klar: Was uns abgeht, ist der mütterliche Instinkt.

Das sagen auch einige der kinderlosen Frauen, die die britische Soziologin Kristin Park im Jahr 2005 für eine Studie ausführlich über ihr Leben und ihre Ansichten befragt hat. Sie hätten sich nie gern mit Babys abgegeben, so erzählen einige, und sie hätten als Mädchen auch nie mit Puppen gespielt. Die von Park befragten Männer denken dagegen weniger darüber nach, ob bei ihnen der „Vaterinstinkt“ schwächer ausgeprägt sein könnte als bei gleichaltrigen Geschlechtsgenossen, die Familienväter geworden sind. Sie haben sich vor allem aus wirtschaftlichen und beruflichen Gründen, aber auch zugunsten der Zweisamkeit für ein „kinderfreies“ Leben entschieden.

Das sind bekannte Argumente. Dass Frauen fast offensiv einen „fehlenden Mutterinstinkt“ ins Feld führen, um zu begründen, warum sie bewusst keine Kinder wollen, ist dagegen neu. Selbst Simone de Beauvoir, feministische Galionsfigur und philosophische „Urmutter“ der Kinderlosigkeit, hatte sich noch beeilt, ihren Leserinnen zu versichern: „Ich habe keine Vorbehalte gegen die Mutterschaft“. In ihrer Autobiografie betont sie, als junges Mädchen, verliebt in Cousin Jacques, habe sie sich vorgestellt, eine große Familie zu gründen. Nicht fehlende Kinderliebe, andere Lebensziele hätten sie dann davon abgehalten. Als später die sichere Empfängnisverhütung möglich wurde, wurde es einfacher, eine solche Entscheidung umzusetzen. Leichter wurde sie dadurch für Frauen und Männer keineswegs.

Gibt ein Instinkt uns dafür eine biologische Richtschnur? Sonderlich zuverlässig wäre sie nicht. Schließlich gibt es Menschen, die später ihre Entscheidung – für oder gegen Kinder – bereuen. Bevor Sexualität von der Fortpflanzung so wirkungsvoll getrennt werden konnte wie heute, spielten Neigungen und Wünsche in Sachen Nachwuchs allenfalls eine Nebenrolle. „Ohne dass sich irgendjemand freiwillig dazu gemeldet hätte, sind wir zu Versuchskaninchen in einem gewaltigen sozialen Experiment geworden, das zeigt, was Frauen, die ihre Fortpflanzung kontrollieren können, wirklich wollen“, schreibt die amerikanische Soziobiologin und Primatenforscherin Sarah Blaffer Hrdy in ihrem evolutionsbiologisch orientierten Longseller „Mutter Natur“. Wenn es überhaupt so etwas wie einen „Mutterinstinkt“ gebe, dann entwickle der sich beim Menschen wie bei anderen Säugetieren erst während der Schwangerschaft und nach der Geburt allmählich, in ganz kleinen Schritten. Hormonelle Botenstoffe, körperliche Nähe und soziales Umfeld haben gleichermaßen Anteil. Die Begabung für die Elternrolle anhand einer Neigung zum Spielen mit Puppen früh zu erkennen, wäre vielleicht praktisch – praktikabel scheint es nicht.

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