Clinton-Foto : Ich sehe das, was du nicht siehst

Bin Laden ist tot. Hillary Clinton schlägt die Hand vor den Mund, Präsident Obama stiert geradeaus - das Foto aus dem Weißen Haus hat einen historischen Moment eingefangen. Was verrät uns das Bild noch? Eine Besprechung.

Ulrich Sollmann
Sieht so jemand aus, der gerade hustet? Hillary Clinton im Situation Room des Weißen Hauses während des Einsatzes, bei dem Osama bin Laden getötet wurde.
Sieht so jemand aus, der gerade hustet? Hillary Clinton im Situation Room des Weißen Hauses während des Einsatzes, bei dem Osama...Foto: dapd/The White House

Zwei Fotos spiegelten die Brisanz des medialen Echos in der vergangenen Woche zum Tod von Osama Bin Laden: das nur imaginierbare, da zurückgehaltene, Foto vom getöteten Terroristen und das offiziell präsentierte Foto vom „Situation Room“ im Weißen Haus.

Sie tun dies durch das, was sie zeigen und das, was sie nicht zeigen.

Die Wirkung beider Fotos ist die gleiche. Die Reaktion auf beide Fotos ist emotional. Wen überrascht das wirklich? Wirken Fotos doch gerade durch ihr Angebot, sich unbewusst und ganz spontan mit dem einen oder dem anderen zu identifizieren.

Insoweit scheint es doch egal zu sein, ob man das Foto wirklich zu sehen bekommt oder nicht. Insoweit scheint es doch egal zu sein, ob Hillary Clinton sich die Hand wegen einer Niesattacke oder aus Angst vor den Mund hält. Beide Fotos sind emotional hoch aufgeladen. Beide Fotos sind, bevor sie überhaupt gezeigt oder hinreichend interpretiert worden sind, zu visuellen Zitaten geronnen. Vor 10 Jahren waren es die Fotos der einstürzenden TwinTower. Heute die besagten zwei im medialen Emotionsgewitter heiß diskutierten Fotos.

„Fotos sagen mehr als 1000 Worte“. Ja, wenn das so ist, dann macht es Sinn auch wirklich darüber zu reden. Mit mehr als 1000 Worten. Insoweit ist die gegenwärtige emotionale Debatte wirklich ein begrüssenswerter Schritt nach vorne. Werden doch die zahlreichen Wahrnehmungen, Interpretationen und Verschwörungstheorien offen auf den Tisch gelegt.

Ganz im Sinne einer Bildbetrachtung, wenn man das Bild tatsächlich sieht, oder im Sinne einer Fantasiereise ins Reich der inneren, emotional fantasierten Bilder, tauscht man sich über die eigenen Wahrnehmungen aus, ohne gleich eine Deutungshoheit zu beanspruchen. Man beschreibt das Bild. Man interpretiert das Bild. Man spekuliert darüber, was das Bild dem Betrachter sagen will.

Das aktuelle mediale Emotionsgewitter ist aber keine solche Bildbetrachtung. Dargeboten wie ein Kampf um die Deutungshoheit spiegelt es eher die unübersehbare, hohe Identifikation der Betrachter. Was da meint: das unverkennbare Sendungsbewusstsein, die eigene Deutung sei doch die „Richtige“.

Ganz im Sinne von: ich sehe das, was Du nicht siehst!

Dies erinnert an den zur Zeit nicht auflösbaren Streit zwischen Ausdrucks- und Eindruckspsychologie. Ist das, was ich sehe, ein Zeichen, ein Merkmal desjenigen, der auf dem Foto abgebildet ist (Ausdruck), oder Ergebnis des Zusammenspiels von Kontext und Deutung durch den Betrachter (Eindruck)?

Der Autor Ulrich Sollmann
Der Autor Ulrich SollmannFoto: privat

Beim Clinton-Foto spielt das keine Rolle. Geht es doch offensichtlich nicht um das Foto, nicht darum, ob Hillary Clinton Angst hatte, einen allergischen Schub oder sonst irgendwas. Das Clinton-Foto stiftet zur Identifikation an. Das ist nicht zu übersehen, das ist nicht zu überhören. - Warum also dieses Bildbetrachtungstheater? Warum nicht darüber reden, dass man selbst vielleicht in einer solchen Situation Angst gehabt hätte? Oder erstarrt wäre. Oder eine uneingestandene Freude, wie sie durch die Kanzlerin Merkel spontan in Worte gebracht worden war. Warum sich also nicht eingestehen, dass einen das ganze Bildtheater kalt lässt, weil es doch viel wichtigere Dinge zu berichten gibt?

Wofür ist diese spontane Identifikation Ausdruck? Was führt gerade bei diesen beiden Fotos zu dieser hitzigen, durch Identifikation getriebenen, Debatte? Was macht diese ja sicherlich sonst so besonnenen, reflektierten Menschen so emotional?

Wir alle waren nicht dabei. Weder in Pakistan, noch in Washington im Weißen Haus. Wir alle sind aber als Zeitzeugen vom 11.9.2001 sowie vom Tod Osama Bin Ladens Teil des weltweiten medial induzierten Affekts. Beteiligt und doch hilflos dem ausgeliefert, was da passiert, passiert ist.

Einem solchen Affekt ausgeliefert zu sein, ohne selbst dabei (gewesen) zu sein, weckt spontan nach einer anfänglichen Schockreaktion die Bezugnahme auf ein Gegenüber. Dies geschieht, weil man diesen Zustand von Ohnmacht nicht mehr aushalten kann. Indem man sich an jemanden wendet, der in unmittelbarer Nähe ist, um sich mitzuteilen, entlastet man sich emotional. Man fühlt sich weniger einsam und den Emotionen ausgeliefert. Indem man die Situation zu erklären, zu verstehen beginnt, bemüht man sich nicht mehr nur Opfer dieses Affekts zu sein.

Die Interpretationsbemühungen zum Clinton-Foto sind sowohl Ausdruck des Bemühens, selbst wieder ins emotionale Lot zu kommen. Sie sind aber auch eine notwendige Analyse von Clintons nonverbaler Wirkung, nämlich ihre Körpersprache zu entziffern.

Körpersprache zu enträtseln meint hier nicht, von diesem Bild ablesen zu können, ob sie Angst hatte oder einen Allergieschub. Körpersprache zu entziffern meint hier vielmehr, danach zu forschen, welches Clintons nonverbale Wirkungsmuster sind und wie sich die mit ihrer politischen Rolle vertragen.

Und ob ich als Betrachter das bei einem Politiker gut heißen mag.

Ulrich Sollmann (www.sollmann-online.de) arbeitet als Berater und Coach in Wirtschaft, Politik und Industrie. Er ist Inhaber einer Praxis für Körper-Psychotherapie und bioenergetische Analyse in Bochum. Sollmann ist Begründer von charismakurve.de, einer Website, auf der Internetuser die Ausstrahlung von Spitzenkandidaten im Bundestagswahlkampf bewerten. Zudem publiziert er in verschiedenen Medien.

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