Welt : Concorde-Unglück: Katastrophen-Berichte

Holger Stark

Manchmal, sagen Anwohner, verirren sich Kinogäste hierher, wenn sie in unmittelbarer Nähe des Babelsberger Multiplex-Kinos keinen Parkplatz mehr gefunden haben. Einige Potsdamer kennen die ruhige Seitenstraße auch deshalb, weil sie direkt auf die Friedrichskirche führt. Ansonsten ist das ein typisches Wohngebiet, Tempo-30-Zone und so. Es war also zu hören, als in der Nacht von Donnerstag auf Freitag Metall auf Metall stieß. Anwohner beobachteten, wie sich gegen 23 Uhr 30 zwei Männer an einem der Mehrfamilienhäuser zu schaffen machten. Dann wurde es wieder ruhig. Die Nachbarn gingen ins Bett.

Am nächsten Morgen war die Straße belebt wie seit Monaten nicht mehr. Es waren vor allem Polizisten da. Die Ermittlungen galten dem Haus jener Nachbarn, die die Anwohner vom Grüßen her kannten - und seit kurzem auch aus der Zeitung. Denn Helga und Wolfgang S. saßen in jener Unglücks-Concorde, die am Dienstag vergangener Woche bei Paris abgestürzt war und deren Passagiere in vielen Zeitungen mit vollem Namen und Foto abgebildet wurden.

Helga und Wolfgang S. schafften es bis auf Seite eins der "Bild"-Zeitung. 28 der 96 deutschen Concorde-Opfer waren da mit Foto vertreten, daneben stand wie auf einer Anzeigentafel die vollständige Passagierliste von Air-France-Flug 4590. Das Porträt von Helga S. ist ein bisschen unscharf, ein besseres war wohl in der Kürze der Zeit nicht aufzutreiben, Wolfgang S. allerdings lächelt dynamisch und scharf in die Kamera. "Der Steinmetz verdiente Millionen mit dem Verkauf von Grundstücken im Potsdamer Neubaugebiet", hatte "Bild" unter die visitenkartengroßen Fotos des Ehepaares geschrieben. Weiter hinten titelten die Redakteure: "Das viele Geld brachte ihnen kein Glück."

Keiner weiß, ob die Einbrecher erst durch die Medien auf das leer stehende Haus des Ehepaares aufmerksam wurden. Fakt ist, dass am Abend nach den Veröffentlichungen in der Wohnung eingebrochen wurde und die Einbrecher Zimmer um Zimmer akribisch durchkämmten. Neben der "Märkischen Allgemeinen" hatte auch die Tagesspiegel-Tochter "Potsdamer Neueste Nachrichten" eine Frontaufnahme des Hauses mit dem Namen der Straße gedruckt.

Gerhart Baum, der ehemalige Bundesjustizminister, hätte auch ohne den Einbruch Beschwerde beim Deutschen Presserat eingelegt. Baum vertritt als Rechtsanwalt eine Reihe von Angehörigen der Concorde-Opfer und findet die Berichterstattung über das Unglück zum Teil rechtswidrig. Er erwägt jetzt eine Klage gegen "Bild" und auch gegen den Privatsender RTL.

Der Ex-Politiker steht mit seiner Kritik nicht alleine da. Siegfried Weischenberg, der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes, sagt, einige Medien hätten "in der Berichterstattung nicht sehr gut ausgesehen". Wer allerdings wisse, wie die Artikel entstünden, habe sich über die Schlagzeilen und Bilder nicht wundern können. "Da kam eins zum anderen: 113 Tote, der Mythos Concorde, die wohlhabenden Toten und schließlich das Sommerloch."

Glaubt man den Schilderungen einzelner Angehöriger, dann müssen Journalisten in mehreren Fällen fast wie Privatdetektive oder Ermittler agiert haben. Gegenüber einer engen Freundin einer Toten hätten Reporter behauptet, sie kämen von einer Behörde und bräuchten Fotos, berichtet ein Betroffener. Dass der Ausweis, mit dem sie herumwedelten, ein Presseausweis war, habe sich erst später herausgestellt.

Solche Fälle seien ihm nicht bekannt, sagt Michael Spreng, Chefredakteur der "Bild am Sonntag", "und wenn das so war, dann finde ich es nicht gut." Die "Bild am Sonntag" hat drei Tage nach dem Schwesterblatt noch einmal auf einer Doppelseite die Lichtbilder der Opfer dokumentiert. Spreng sagt: "Die Fotos der Opfer und ihre Namen gehören zu der Berichterstattung. Zwingend. Sonst bleibt eine Katastrophe dieser Art ein anonymes, technisches Ereignis." Im Übrigen verweist Spreng darauf, dass sich kein Angehöriger bei der "BamS" beschwert habe. "Sehr zurückhaltend und der Katastrophe angemessen", finde er die Berichterstattung, ließ sich der Chefredakteur der "Bild", Udo Röbel, in der "Süddeutschen Zeitung" zitieren.

Ob der Deutsche Presserat tatsächlich seine schärfste Form der Sanktion, die Rüge, verhängen wird, ist zweifelhaft. Man müsse trennen zwischen der ersten und weiteren Berichterstattungen, zwischen nüchternen Bildunterschriften und sensationellen Aufmachungen, sagt Lutz Tillmanns, der Geschäftsführer des Presserats. "Die Nennung der Namen und die Abbildung von Opfern sind in der Regel nicht gerechtfertigt", heißt es im Kodex des Presserates. Allerdings hätten einige Angehörige Fotos zur Veröffentlichung freigegeben. Ein Mönchengladbacher Unternehmer-Ehepaar hatte sogar eine Pressekonferenz einberufen, um über den Tod der Eltern zu berichten. Tillmanns spricht von einem "Grenzfall", der eingehend geprüft werden müsse.

Spreng und Röbel begrüßen beide, dass sich der Presserat mit der Berichterstattung beschäftigt. Das sei doch eine "sehr deutsche Debatte" sagt Michael Spreng. Zum Beleg führt der Boulevard-Journalist einen Kommentar in der englischen "Times" an. Die britischen Kollegen kritisierten die verhaltenen Veröffentlichungen über die Toten. Es gebe keine Entschuldigung dafür, schrieb die "Times", "dass die deutsche Presse in der entscheidenden Sache versagt hat: eine schnelle, verlässliche Berichterstattung für ihre aufgeregten Leser anzubieten".

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