Welt : Das Eva-Prinzip

Auszeit von der „Tagesschau“ – weil Sprecherin Herman mit ihrem Buch selbst zur Nachricht wurde

Ulrike Simon

Zum letzten Mal hat Eva Herman am Donnerstag die „Tagesschau“ gesprochen. Vorerst zumindest. Grund für ihren Abschied auf Zeit ist ihr neuestes Buch über Emanzipation, das „voraussichtlich für kontroverse Diskussionen in der Öffentlichkeit sorgen wird“. Aus diesen Debatten soll die „Tagesschau“ herausgehalten werden, schließlich handelt es sich dabei nicht nur um das Flaggschiff und Aushängeschild der ARD, sondern um einen Imageträger. Die „Tagesschau“ will neutral erscheinen, vor allem aber: seriös.

Eva Herman hat ihr Bestes getan, damit ihr Buch kontroverse öffentliche Diskussionen provoziert. Es begann mit einem Beitrag in der Mai-Ausgabe von „Cicero“, einer Zeitschrift, die sich als Anführer aufkeimender Debatten verstanden haben möchte. In diesem Artikel stellte die in vierter Ehe verheiratete Mutter eines Sohnes die These auf, die Emanzipation sei schuld an einer kinderarmen, überalterten Gesellschaft. Im Übrigen habe die Emanzipation der Frau geschadet, denn Karriere mache unglücklich, während das Umsorgen einer Familie die schöpfungsgeschichtlich wahre Bestimmung sei. Zu dieser Zeit war Eva Hermans Buch „Das Eva-Prinzip“ noch lange nicht erschienen.

„Teaser“ nennt man in der Marketingsprache solche häppchenartigen Vorankündigungen, die den Konsumenten auf ein neues Produkt aufmerksam machen, ihm aber noch nicht alles darüber verraten. Das Produkt wird „angeteasert“, um Neugier auf mehr zu wecken. Die besten Teaser sind jene, die auffällig und zugleich so erklärungsbedürftig sind, dass die Leute darüber reden. So hat es zum Beispiel die Werbeagentur von Hansenet gemacht, als sie die ganze Stadt mit überdimensionalen Plakaten zupflasterte, auf denen neben einer attraktiven jungen Frau der Satz „Alice kommt“ zu lesen war. Alle rätselten, was das soll – die Werbung für das neue Produkt des Telekommunikationsanbieters hat bestens funktioniert.

Auch bei Eva Hermans Thesen fragt man sich, was das soll. Aber Aufmerksamkeit erregt man nun mal am besten über Provokation. Das gelang Herman gut. Ihre Äußerungen ließen eine Debatte aufkochen, die längst überholt schien. Es bestand zumindest weitgehend der gesellschaftliche Konsens, dass Frauen ihr Leben so leben dürfen, wie sie es wollen: Kinder kriegen oder nicht, zu Hause bleiben oder berufstätig sein, oder eben zugleich Mutter und beruflich aktiv wie erfolgreich sein. Jetzt kehrt die leidige Debatte zurück, der Konsens ist gefährdet – und Herman spielt die Rolle der Märtyrerin, die den Stimmlosen eine Stimme gibt: Sie werde ja nur angegriffen, weil sie ausspreche, was „die schweigende Mehrheit“ denkt.

Der „Cicero“-Artikel war fast vergessen, als Eva Herman nun via „Bild“ ihren Rückzug bei der „Tagesschau“ ankündigte. Die Nachricht war das Öl für die PR- Maschine und brachte sie wieder zum Laufen. Passend zum Abschied bei der „Tagesschau“ kündigte gestern der Pendo-Verlag an, der Erscheinungstermin von Hermans Buch werde um eine Woche auf den 8. September vorgezogen. Ohne eine Eva Herman mit Günter Grass vergleichen zu wollen, drängt sich der Eindruck auf, als sei in beiden Fällen viel Wert auf verkaufsfördernde Aspekte gelegt worden. Beide Bücher erschienen früher als geplant, beide Autoren verwiesen Kritiker darauf, doch erst mal das Buch zu lesen. Am Donnerstag bestätigte der Pendo-Verlag, dass die zweite Auflage von Hermans Buch schon in Vorbereitung ist. Die erste mit 50 000 Exemplaren sei „so gut wie vergriffen“.

Sie habe ohnehin zuletzt im Durchschnitt nur an vier Tagen im Monat die „Tagesschau“ gesprochen, sagte Chefsprecher Jan Hofer gestern über Eva Herman. Die Redaktion muss nicht einmal ihre Nachfolge regeln, das werde „vom Team aufgefangen“, sagte Hofer. Zudem, fügte er hinzu, habe sie wegen des Buchs nun „eine Menge an Terminen zu erledigen“. Er gehe davon aus, „dass sie in einem Jahr wieder auf der Matte steht“. Der Norddeutsche Rundfunk sah folglich keine Notwendigkeit, Eva Herman förmlich zu verabschieden. Aller Erfahrung nach ertragen Fernsehprominente Bildschirm-Abstinenz nicht wirklich lange. Und so ganz abstinent wird die 47-Jährige ja nicht sein. Die beiden im Dritten ausgestrahlten Sendungen „Herman & Tietjen“ und „Wer hat’s gesehen?“ wird sie weiter moderieren.

Ursprünglich hatte Eva Herman erklärt, sie wolle bei der „Tagesschau“ für ein bis zwei Jahre pausieren. Es beruhigt, dass Hofer mit einem früheren Wiedersehen rechnet. Das könnte bedeuten, dass die überflüssige Diskussion, ob Frauen nicht doch besser zu Hause am Kinderbett den Rücken des arbeitenden Mannes stärken sollten anstatt den Mangel an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen zu erhöhen, bald wieder vorbei ist.

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