Welt : Das mysteriöse Verschwinden von zwei Paddlern auf dem Rheinsberger See

Hans Monath

Es geschah vor einem Jahr - das Boot wird gefunden, die Sportler bleiben verschollenHans Monath

Mit diesem Boot ist es passiert. Wenigstens das ist wieder gefunden worden. Vor einem Jahr, am 16. Januar 1999, einem Sonnabend, entdeckte der Hund eines Spaziergängers das Faltboot mit der grau-grünen Außenhaut. Es lag voll gelaufen vor dem Schilfgürtel am Ufer des Rheinsberger Sees und ragte nur noch etwas aus dem Wasser heraus. Nun steht es in einem Lager an der Köpenicker Straße in Kreuzberg. Gebaut hat die zusammenklappbare Holzkonstruktion die Traditionsfirma "Poucher Boote" aus dem Ort Pouch bei Bitterfeld. Modell "RZ 85". Das bedeutet, die breiteste Stelle der Konstruktion misst 85 Zentimeter. "RZ" steht für "Reise-Zweier".

Wer mit diesem Boot noch einmal aufs Wasser wollte, müsste die zusammenklappbare Holzkonstruktion neu beziehen. An beiden Seiten des Bugs fehlt jeweils ein Streifen der Außenhaut. Spezialisten der Kriminalpolizei haben die Materialproben herausgeschnitten. Die rund 30 Zentimeter langen Stofffetzen sollten Auskunft darüber geben, was im Winter vor einem Jahr passiert war mit den beiden Paddlern Thomas Ronninger und Ulrich Baade. Seitdem sind die zwei jungen Männer verschwunden. Am 29. Dezember 1998 waren sie aufgebrochen zu einer Fahrt über die Seen nördlich von Berlin. Sie kamen nie zurück.

Wenn kalter Wind weht und Schneeregen fällt, verkriechen sich die meisten Menschen mit einem Buch oder der TV-Fernbedienung in der Hand in der gut geheizten Wohnung. Einige wenige aber nehmen sich ein Herz, packen sich dick ein, lassen ihre Kanus oder Faltboote zu Wasser und paddeln mitten im kalten Winter über Seen und Flüsse. "Das ist eine neue Erscheinung, immer mehr Leute betreiben Extremsportarten", sagt Peter Schröder, Sprecher der Wasserschutzpolizei-Direktion in Potsdam. Die Beamten fahndeten fast ein Jahr lang nach den zwei Paddlern - es war die längste Suchaktion in der Geschichte der Behörde.

Extremsportart? Frank Fischer, Mitinhaber von "Kanu-Connection" in Kreuzberg, hält diese Einschätzung für falsch. "Extrem ist höchstens das Wildwasser-Fahren", sagt der Wassersport-Spezialist. Im Kreuzberger Lager von Kanu-Connection steht heute das Faltboot der beiden Vermissten. Wenn Fischer von diesem Boot spricht, bekommt seine Stimme etwas Getragenes, Respektvolles. Das Boot in seinem Lager, sagt er, gehörte einem Freund der Paddler. Doch dass die Männer, die ab und an auch in seinem Laden vorbeischauten, sich am Ende jenes Jahres auf ein besonders gefährliches Unterfangen einließen, kann Fischer nicht finden.

Das Eis, scharf wie ein Messer

In seinem kleinen Laden auf einem Hinterhof, der vollgestopft ist mit Booten, Sportkleidung und Camping-Utensilien, beschreibt der junge Mann, warum es einige Menschen im Winter aufs Wasser zieht: Die lästigen und lauten Konkurrenten mit den Motorbooten bleiben wegen der Kälte zu Hause. Die Gewässer sind so still wie sonst nie. Man ist allein mit sich selbst und der Natur, das Paddeln auf den nebligen Gewässern wird zum meditativen Erlebnis. Der Sporthändler selbst bereitet gerade seinen Winterurlaub vor. Er will mit dem Zweier-Kajak vor der dänischen Küste kreuzen.

Zuletzt gesehen wurden Ronninger und Baade am 29. Dezember 1998. Vor dem Rheinsberger Schloss bauten sie das Faltboot zusammen und ließen es zu Wasser. Rund vier Kilometer sind es von da bis zu einer kleinen Insel in einem angrenzenden See. Dort, auf der Remus-Insel, soll in der Nacht zum 30. Dezember ein Zelt gestanden haben. Angeblich brannte ein Feuer. Aber das hat die Polizei erst später erfahren. Denn den beiden jungen Männern auf dem Wasser schenkte damals offenbar niemand viel Aufmerksamkeit. Nur ein Angler erinnerte sich später an ein Boot, das vorüberfuhr. Heute sind auf einer Karte im Dienstzimmer der Wasserschutzpolizei Rheinsberg die möglichen Stationen dieser Reise markiert - mit einer hellgrünen, einer dunkelgrünen und einer rosa Stecknadel.

Nach Mecklenburg-Vorpommern wollten der 25-jährige Student Ronninger und der 31-jährige Gewässerökologe Baade damals. Am 5. Januar, eine Woche nach dem Start der beiden, gab es noch immer kein Lebenszeichen. Auf der Polizeistation von Altenburg in der sächsischen Heimat von Ulrich Baade erschien fünf Tage später dessen Vater und erstattete eine Vermisstenanzeige.

Mit dem Zug, das Faltboot zusammengepackt wie ein Seesack, wollten die Paddler nach Rheinsberg fahren und von dort aus auf dem Wasser nach Norden. Die Polizei befragte Bahnangestellte und Fischer nach den Paddlern. Und sie fand eine Spur: Eine Schaffnerin in Oranienburg hatte in einem Regionalzug am 3. Januar zwei junge Männer mit sperrigem Gepäck gesehen - die Beschreibung passte auf die Vermissten.

Waren die beiden also an ein ganz anderes Gewässer gefahren als zu jenem, an dem die Wasserschutzpolizei sie seit Tagen suchte? Zwei Wochen später, am 16. Januar, meldete ein Spaziergänger, was sein Hund entdeckt hatte: Am Nordwestufer des Rheinsberger Sees trieb ein Faltboot. Im Umkreis von fünfzig Metern entdeckte die Wasserschutzpolizei Paddel und Rucksäcke. Die Beamten fanden in dem eiskalten Wasser ein Zelt, Campinggeschirr, Lebensmittel - sowie den Ausweis und die Scheckkarte des vermissten Ronninger.

Den Polizisten fiel auf, dass am Bug des Bootes an beiden Seiten Risse klafften. Mit dieser Beobachtung begann die Rekonstruktion einer Tragödie ohne Zeugen. Denn an dem Tag, als das Boot wieder auftauchte, notierten die Beamten auch, dass sich an den Ufern des Sees Eis gebildet hatte.

Rund 600 Meter sind es von der Fundstelle bis zu der Insel, auf der ein Zeuge in der Nacht zum 30. Dezember das Zelt gesehen hatte. Doch rund um die Insel hatte sich auch an dem Tag, an dem sich das Boot fand, kein Eis gebildet. "Eine Randeisbildung sehen Sie nicht gleich", sagt Peter Schröder von der Wasserschutzpolizei. Hauchdünn sei die Eisschicht, wenn ein Gewässer zufriere, und manchmal so scharf, dass man sich die Hand daran aufschneiden könne. Und was passiert, wenn ein beladenes Faltboot mit einer solchen Eisplatte zusammenstößt? "Dann geht es relativ schnell", sagt Schröder, "das Boot läuft voll Wasser."

Geld vom Konto des Vermissten

Aus dem Wetterbericht des "Tagesspiegel" vom 28. Dezember 1998: "Morgen und auch an den Tagen bis Freitag herrscht meist nur geringe Bewölkung, und die Sonne scheint zeitweise. Dabei kann sich vor allem in den Vormittagsstunden teils zäher Früh- und Hochnebel halten. Nach dessen Auflösung steigt die Temperatur tagsüber auf Werte um 6 Grad, nachts droht örtlicher Frost."

Etwa drei Grad, so haben die Ermittler rekonstruiert, muss das Wasser am Morgen des 30. Dezembers gehabt haben. Falls das Unglück in der Mitte der Strecke zwischen Ufer und Insel passierte, sagt Hauptkommissar Hans-Joachim Kolm in der Rheinsberger Wache, dann hatten die beiden Sportler zwei Möglichkeiten: entweder 300 Meter zurück zur Insel zu gelangen - oder die 300 Meter bis zum anderen Ufer zu schaffen. Aber selbst trainierte Sportler, das haben die Beamten sich von Medizinern erläutern lassen, überleben in dem kalten Wasser nur wenige Minuten lang.

Wer einen Menschen verliert und keine Gewissheit über dessen Tod bekommen kann, klammert sich oft an jede Nachricht, die noch Hoffnung zulässt. Auch nach dem Verschwinden von Ronninger und Baade fanden die Angehörigen und Freunde manchen Anlass, Mut zu schöpfen. Erst im März, nachdem die ORB-Sendung "Täter, Opfer, Polizei" über den Vermisstenfall berichtet hatte, klärte sich die Beobachtung der Bahnmitarbeiterin aus Oranienburg auf. Zwei Paddler meldeten sich, die Anfang Januar im Regionalzug in Oranienburg unterwegs gewesen waren. Die Zeugin erkannte sie wieder: Sie hatte sie damals für die Gesuchten gehalten.

Verstörender war eine zweite mysteriöse Nachricht über den vermissten Thomas Ronninger: Vom Konto des Studenten, den die Polizei längst für ertrunken hielt, wollte jemand Geld abbuchen, vier Mal 150 Mark in US-amerikanischer und australischer Währung. Trotzdem sah die Polizei keine Anhaltspunkte dafür, dass der Student ein Unglück vorgetäuscht hatte. Es gibt sogar, sagt Wasserschutzpolizei-Sprecher Schröder, eine Erklärung: Die Illustrierte "Super-Illu" hatte einen Bericht über das Verschwinden der Sportler veröffentlicht, auf Fotos waren der Ausweis und die Scheckkarte Ronningers zu sehen - mit gut lesbarer Karten-Nummer. Nur einen Tag nach dem Erscheinen des Artikels versuchte ein Internet-Nutzer Ronningers Konto anzuzapfen. Das aber war schon nach der Entdeckung des Faltbootes gesperrt worden.

Nach einem Jahr Suche ist in der Direktion der Wasserschutzpolizei und in der Rheinsberger Wache Stolz darüber zu spüren, dass die Beamten sich die ganze Zeit über Mühe gegeben haben, auf die Gefühle der Angehörigen Rücksicht zu nehmen. Noch heute schotten sie die Familien vor den Nachfragen der Presse ab. Jeder Schritt, jeder neue Suchvorgang wurde mit den Angehörigen Baades und Ronningers abgesprochen. Und es gab viel zu berichten: Die ersten Taucher wagten sich schon drei Tage nach dem Fund des Bootes in das kalte Wasser des Sees, der bis 35 Meter tief sein soll. Hubschrauber wurden angefordert und suchten die Wasseroberfläche ab. Schließlich rüsteten die Beamten ein Boot mit einem neuen Echolot aus. Allerdings erwiesen sich die Schatten, die darauf erkennbar waren, als Baumstämme, als ein gesunkenes, durchgerostetes Boot oder als Feldsteine.

Von Wildschweinen zerwühlt

Ob Wasserleichen überhaupt wieder auftauchen, kann niemand vorhersagen. Strömung, Tiefe des Gewässers und Temperatur entscheiden darüber. Je kälter das Wasser ist, um so langsamer verläuft der Verwesungsprozess - und damit die Gasbildung, die gewöhnlich Leichen an die Oberfläche treibt. "Stattdessen tritt die Fettwachsbildung ein, bei der die Weichteile in Wachs umgesetzt werden", sagt Dietmar Schroepfer vom Potsdamer Landesinstitut für Rechtsmedizin: "So bleiben die Körper äußerlich kaum verändert im Wasser liegen." Die Brandenburger Wasserschutzpolizei, die pro Jahr rund 30 Wassertote verzeichnet, hat mit solchen Fällen Erfahrung. Ein ertrunkener Angler im Großen Zechliner See trieb vier Monate lang unter der Wasseroberfläche. Ein Mädchen, das im Sakrower See ertrunken war, blieb 13 Jahre lang verschollen. Als sie im März vergangenen Jahres wieder auftauchte, sagt Peter Schröder, war ihr Körper "fast konserviert".

Vor sechs Wochen lud Monika Scheufler, die Präsidentin der Wasserschutzpolizei, die Eltern der Vermissten zu einem Gespräch mit dem Polizeiseelsorger nach Rheinsberg. Die Suche sei nun eingestellt, sagte sie den Eltern. Gemeinsam hielten sie eine Andacht in der Rheinsberger Laurencius-Kirche.

Gut eine halbe Stunde Autofahrt durch einen sehr stillen Wald ist es vom Ort Rheinsberg bis zu der Stelle, wo vor einem Jahr das Boot gefunden wurde. Die Uferböschung ist von Wildschweinen zerwühlt, an den Schilfhalmen im Wasser haben sich Eisringe fest gesetzt. Die Frage, warum es keine Gedenktafel für die Paddler gebe, ärgert Kommissar Kolm, der ein Jahr lang an dem Fall gearbeitet hat. "Sie sind vermisst", sagt er, "man darf sie nicht für tot erklären."

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