Welt : Dass der Täter Kinder belästigte, war vielen Bürgern bekannt

Claudia Sebert[Lichtenberg]

Schwer und grau hängen die Regenwolken an diesem Dienstagvormittag über dem Frankenwald. Schon am frühen Morgen sind unzählige Fernsehteams, Radioreporter und Fotografen in dem kleinen Städtchen unterwegs, auf der Suche nach Einheimischen. Als die kleine Menschentraube, die sich an der Kasse eines kleinen Geschäfts gebildet hat und über den Fall diskutiert, die Journalistin mit der Fototasche erblickt, leert sich das Geschäft innerhalb von Sekunden. ,,Ihr geht uns alle tierisch auf die Nerven', ruft eine ältere Frau beim Hinausgehen und schlägt wütend die Ladentür zu. Fast eineinhalb Jahre lang lebten die Lichtenberger mit einem ständigen Begleiter: der Ungewissheit. Wie ein dunkler Schatten hatte sie sich über dem 1200-Einwohner-Städtchen ausgebreitet. Eineinhalb Jahre lang. Jetzt gibt es eine Antwort. Ulvi K., der geistig behinderte Gastwirtssohn aus Lichtenberg, hat gestanden, Peggy Knobloch umgebracht zu haben. Doch es scheint, als ließe sich mit dieser Antwort weitaus schlechter leben als mit der Ungewissheit. Der Ort scheint manche Dinge nicht wahrhaben zu wollen. Und nichts unternommen zu haben.

Eine ältere Frau betritt den Bäckerladen. ,,Mein erster Gedanke, als ich das heute gelesen habe, war, dass sie den Ulvi in der Psychiatrie weichgeklopft haben, damit sie den Fall endlich abschließen können. Ich traue das dem Ulvi nicht zu.' ,,Ich glaube das erst, wenn alles endgültig bewiesen ist', sagt die Verkäuferin. ,,In Lichtenberg ist seit Jahren unter der Hand bekannt, dass der Ulvi Kinder betatscht', sagt eine andere Lichtenbergerin. Als Mutter habe sie deshalb ihre Tochter gewarnt und ihr untersagt, sich mit ihm abzugeben. ,,Die älteren Leute wussten das vielleicht nicht oder haben es verdrängt, aber den meisten Lichtenberger Eltern war es bekannt.' Deshalb habe sich der Ulvi auch nur solchen Kindern nähern können, die oft alleine waren.

Und auch sein Vater sei in Lichtenberg beliebt. Schließlich ist er der Wirt von der ,,Schloßklause', dem Stammlokal des Sportvereins, bei dem etliche Bürger Mitglied sind. ,,Ich kann mir nicht vorstellen, dass er die Leiche versteckt hat und das dann so lange vertuschen kann', sagt die Frau. ,,Ich kann das wirklich erst glauben, wenn alles bewiesen ist.'

Pfarrer Markus Broska sagt, wie vielen Lichtenbergern sei auch ihm bekannt gewesen, dass Ulvi vor Kindern ornaniert haben soll. Doch von sexueller Belästigung bis zum Mord sei es noch ein weiter Weg. Auch wenn einige Lichtenberger Eltern ihre Kinder vor Ulvi gewarnt hätten, könne man nicht behaupten, dass er gefährlich gewesen sei. Für Markus Broska ist der Fall so lange nicht aufgeklärt, bis etwas ,,Handfestes' vorliegt, also zum Beispiel Ulvi oder sein Vater die Soko zur Leiche führen.

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