Der Fall Anders Breivik : Prozess der Psychiater

18.06.2012 11:54 Uhrvon
Seit April wird der Fall Breivik verhandelt. Der Angeklagte ist geständig, aber kann er auch verurteilt werden? Foto: dpa
Seit April wird der Fall Breivik verhandelt. Der Angeklagte ist geständig, aber kann er auch verurteilt werden? - Foto: dpa

Schuldfähig oder nicht? Das ist die große Frage im Fall Anders Breivik. Seit zwei Monaten läuft das Gerichtsverfahren, und es wird immer mehr zu einem zähen Kampf der Gutachter.

Er grinst jetzt ziemlich häufig. Manchmal lacht er sogar stumm, und seine Schultern wackeln im schwarzen Anzug. Oft trinkt er dann schnell einen Schluck Wasser. Es wirkt, als könne er sein Lächeln abwaschen. Wenn er den weißen Plastikbecher absetzt, ist er wieder ernst und unbewegt.

Aus schmalen Augen schaut Anders Behring Breivik in den voll besetzten Saal des Osloer Bezirksgerichts. Er fixiert jene, die dort im Zeugenstand stehen. Es sind Experten, forensische Psychiater.

Es ist nun die Zeit, in der das Gericht in Anders Breiviks Innerstes blicken will. Er macht sich Notizen, leicht aber macht er es ihnen nicht.

Wahnsinn macht unverwundbar, heißt es. Ist Breivik wahnsinnig? Vor allem: War er es am Nachmittag des 22. Juli 2011, als er in Oslos Innenstadt eine Bombe zündete, auf der Insel Utøya Jugendliche erschoss? 77 Menschen starben an diesem Nachmittag, was Breivik noch immer recht enttäuschend findet, er hatte auf mehr gehofft.

Er besteht darauf: Seine Taten waren ein politischer Akt, ein verzweifelter Versuch, Norwegen zu retten vor Islamisierung und Multikulturalismus. Mitte der Woche meldet er sich zu Wort. Er wirft den Experten Inkompetenz vor und dass sie sich nicht ausreichend auskennen mit der Psyche eines Terroristen.

Ist er das, ein rechtsextremer Terrorist, größenwahnsinnig vielleicht, narzisstisch, gefährlich – doch geisteskrank, das nicht?

Zwei Gutachten hat das Gericht anfertigen lassen, beide kommen zu unterschiedlichen Schlüssen. Die Psychiater Synne Sørheim und Torgeir Husby waren die ersten, die mit Breivik sprachen. 13-mal trafen sie den Angeklagten im Gefängnis in Ila, mehr als 35 Stunden dauerten ihre Gespräche. Vor Gericht erzählen sie, dass er gern mit ihnen gesprochen habe. Breivik lächelt.

Sørheim und Husby glauben, dass er paranoid ist und schizophren und deswegen schuldunfähig. Ginge es nach ihnen, dann käme Breivik nicht in ein Gefängnis, sondern in die Psychiatrie.

Als sie ihr Ergebnis im November des vergangenen Jahres vorstellten, war die norwegische Öffentlichkeit entrüstet. Sie wünschte eine Strafe für den Massenmörder – keine Therapie.

Die Psychiater Agnar Aspass und Terje Tørrisen waren dann die nächsten, die mit Breivik sprachen. Auch sie redeten mehr als 35 Stunden mit ihm, da wusste er schon vom Ergebnis des ersten Berichts. Auch er war entrüstet.

Aspass und Tørrisen glauben, dass Breivik nicht schizophren ist und auch nicht psychotisch. Er hört keine Stimmen, er halluziniert nicht. Dass er größenwahnsinnig ist und narzisstisch, dass er schwere Persönlichkeitsstörungen hat, das meinen sie wohl. Doch frei von Schuldfähigkeit spreche ihn das nicht.

Die vier Gutachter sind nicht die einzigen, deren Meinung zählt. Vor Gericht erscheinen auch Vertreter derer, die den Angeklagten rund um die Uhr in Untersuchungshaft bewacht hatten. Das sind noch einmal 18 Psychiater und Psychologen. Von denen glauben immerhin 16 Aspass und Tørrisen.

Der Prozess um Anders Behring Breivik ist jetzt ein Prozess der Psychiater. In diesem gibt es viele Wahrheiten mit unterschiedlichen Begründungen, doch nur eine soll es sein.

Schleppend manövriert das Osloer Gericht durch die Grauzonen der Diagnostik. Der Prozess soll in dieser Woche enden, das Urteil Wochen später fallen. Das Gesetz verlangt klare Antworten, die Psychiatrie kann und will so eindeutig nicht sein.

Breiviks Ideen von einem ethnisch bereinigten Volk, von der Deportation aller Muslime, sind absurd. Der Erste mit solchen Gedanken ist er nicht. Ideologie und Psychologie – das Osloer Gericht sucht zu trennen, was miteinander verschmilzt.

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Unser/e Leser/in blinder meint zum Artikel: Besuch im Reichstag bleibt umständlich:
Da von den aktuell 620 Abgeordneten bei den Sitzungen sowieso nur 20% anwesend sind, bleiben fast fünfhundert Sitze unbelegt. Hier könnte man doch die wartenden Besucher nach der obligatorischen Einlasskontrolle "zwischenparken".
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