Welt : Der fette Deutsche

Die Bundesrepublik liegt beim Übergewicht auf Platz eins in Europa – aber was kann man dagegen tun?

Adelheid Müller-Lissner

Die Deutschen sind in Europa auf Platz eins – beim Übergewicht. Das bestätigt erneut eine Studie, die am morgigen Sonntag vorgestellt wird. Die Daten über dicke Europäer, die die International Association for the Study of Obesity (IASO) zusammengestellt hat, beruhen unter anderem auf Daten, die, wie berichtet, kürzlich von der EU veröffentlicht worden waren. Was Eurostat, das Statistische Amt der Europäischen Gemeinschaft, in seinem Jahrbuch berichtete, alarmierte vor allem mit Blick auf die deutschen Männer, die in Sachen Übergewicht den Europarekord halten: 48 Prozent der Männer sind demnach übergewichtig, sie haben einen Body-Mass-Index zwischen 25 und 29 (Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch Größe in Metern im Quadrat), fast 19 Prozent sind mit einem BMI über 30 sogar als fettleibig einzustufen. Die IASO, die zusätzliche Quellen hinzugezogen hat, spricht sogar von 52,9 Prozent übergewichtigen und 22,5 Prozent fettleibigen Männern und 35,6 Prozent übergewichtigen und 23,3 Prozent fettleibigen Frauen. Zählt man beide Kategorien zusammen, dann sind drei Viertel der deutschen Männer und etwas mehr als die Hälfte der deutschen Frauen betroffen: Sie alle wiegen zu viel, jedenfalls nach medizinischen Kriterien. Denn sie erhöhen damit ihr persönliches Risiko für Krankheiten wie Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall, verschiedene Formen von Krebs oder auch Gelenkschäden. Nicht nur weil die Deutschen älter werden, sondern auch, wenn sie weiter zunehmen, werden wir nach Einschätzung von Experten in zehn Jahren doppelt so viele Diabetiker haben wie heute. Schon heute werden sechs Prozent der Gesundheitsausgaben auf die Folgen von Übergewicht zurückgeführt.

Einen europäischen Spitzenplatz nimmt Deutschland „nur“ bei der Gesamtwertung ein, also beim Anteil, den alle Schwergewichte zusammengenommen an der Bevölkerung haben. Was speziell die fettleibigen Männer mit einem BMI über 30 betrifft, so liegen wir auf EU-Platz sechs, mit den Frauen auf Platz vier. Hier führen Malta und Großbritannien die Eurostat-Tabelle an – weltweit haben die USA in Sachen Fettleibigkeit einen führenden Platz. Ob die Daten, die in den EU-Mitgliedstaaten getrennt erhoben wurden, in jeder Hinsicht vergleichbar sind, ist allerdings fraglich. Deutschland hatte für die EU-Auswertung Zahlen weitergegeben, die aus dem Gesundheitsbericht des Gesundheitsministeriums, aus einem telefonischen Gesundheitssurvey und vom Bertelsmann-Gesundheitsmonitor stammen. „Die Zahlen der einzelnen Länder wurden jetzt zu Vergleichzwecken von der IASO übersichtlich zusammengestellt“, erläuterte Joachim Westenhöfer, Sekretär der Deutschen Adipositas-Gesellschaft, dem Tagesspiegel. In der IASO hat sich seine Fachgesellschaft mit den anderen nationalen Adipositas-Gesellschaften zusammengeschlossen.

Sie alle arbeiten inzwischen an Strategien, mit denen das Ess- und Ernährungsverhalten der Europäer verändert werden kann. „Dabei darf es nicht bei Aufklärung über die richtige Ernährung bleiben, das haben wir schließlich lange genug gemacht“, mahnt Psychologieprofessor Westenhöfer, der an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg lehrt. Der Entwurf für einen nationalen Aktionsplan, den die Adipositas-Gesellschaft den Ministerien für Gesundheit und für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz am 23. März präsentiert hat, schlägt denn auch 30 konkretere Maßnahmen vor. Unter anderem soll die Lebensmittelindustrie bei Packungsgrößen und in der Werbung in Zukunft weniger mehr sein lassen. Außerdem will man sich verstärkt dem Thema Bewegung widmen. Denn wer zunimmt, nimmt zu viele Kalorien zu sich – und zwar relativ, im Verhältnis zu seinem Verbrauch. Der Energieverbrauch aber hat im Unterschied zu den Menschen selbst in den letzten Jahrzehnten in den Industrienationen rapide abgenommen. „Wir brauchen unbedingt Richtlinien für körperliche Aktivität, und wir brauchen dafür mehr attraktive Freizeitmöglichkeiten“, sagt Westenhöfer. Es sei deshalb ein politischer Skandal, wenn Hallenbäder aus Kostengründen geschlossen werden. Auch Bundesernährungsminister Horst Seehofer will sich des Themas annehmen: Für Mitte Mai sind Eckpunkte der Bundesregierung zur Förderung von gesunder Ernährung und mehr Bewegung angekündigt. In letzter Instanz bleibt zwar jeder Einzelne selbst dafür zuständig. Westenhöfer: „Wir sollten aber wenigstens den gesellschaftlichen Rahmen dafür schaffen, dass die gesünderen Verhaltensweisen zugleich auch die sind, die nahe liegen und leicht fallen.“

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