Welt : Der größte Diebstahl von Altpapier

Nach dem Bankraub verändert Nordirland das Aussehen der Geldscheine – damit die Beute wertlos wird

Martin Alioth[Dublin]

Fast drei Monate nach dem größten Bankraub der britischen, ja vielleicht sogar der Weltgeschichte sind die neuen Banknoten bereit: Die Geldautomaten der Northern Bank, der größten Geschäftsbank Nordirlands, spucken seit dem gestrigen Samstag völlig neue Noten aus – ab Montag gibt es auch an den Bankschaltern kein altes Geld mehr. Die Bank hofft, dass die Bankräuber auf ihrer Beute sitzen bleiben. „Es wird der größte Diebstahl von Altpapier werden“, hatte Nordirlands Polizeichef Hugh Orde schon vor Wochen hoffnungsvoll verkündet.

Am 20. Dezember hatte eine perfekt organisierte Bande – bis zu 20 Leute sollen beteiligt gewesen sein – Pfundnoten im Wert von 38 Millionen Euro aus dem Hauptquartier der Northern Bank im Stadtzentrum von Belfast geraubt. Die Bank war damals noch in australischem Besitz und ist seither an eine dänische Bank verkauft worden. Die Diebe hatten zwei Bankangestellte und ihre Familien am Vorabend als Geiseln gehalten – offenbar setzte kein einziger Räuber seinen Fuß ins Bankgebäude.

Am 7. Januar verkündete Polizeichef Orde, die Irisch-Republikanische Armee (IRA) stehe hinter dem Überfall. Er legte keine Beweise vor und bis heute ist niemand angeklagt worden, aber in Belfast, Dublin und London sind sich Polizisten und Politiker einig: Es war die IRA.

Die nordirische Polizei und die IRA spielten Katz und Maus. Im Januar wurde gemeldet, die ersten identifizierbaren Banknoten aus der Beute seien in der Eishalle in Dundonald bei Belfast aufgetaucht. Mancher Zeitungsleser schmunzelte heimlich, denn Dundonald gehört zum Einflussbereich von Pfarrer Ian Paisleys Stellvertreter Peter Robinson. Wie kam die Beute in den Hinterhof von strengen Protestanten, wenn die IRA hinter der ganzen Sache stand? Später musste die Polizei zugeben, dass sie selbst dieses Gerücht ausgestreut hatte, um anschließend die Mobiltelefone der Tatverdächtigen abzuhören. Die rächten sich, indem sie 50 000 Pfund, sauber in fünf Zelophanpäckchen verschnürt, in der Toilette eines Klubs deponierten, der vornehmlich von Polizeibeamten besucht wird. Und das bleibt bislang der einzige geborgene Teil der Beute. Die irische Polizei, die im Februar Razzien gegen einen angeblichen Geldwäscher-Ring der IRA unternahm, ist überzeugt, einen Teil der Beute in Cork gefunden zu haben, hat dies aber noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen.

240 Millionen Pfund Sterling will die Bank in den nächsten Wochen austauschen. Eine Sprecherin der Bank nannte das ein beispielloses Projekt. Die neuen Noten haben andere Farben, der Name der Bank ist neuerdings kursiv gedruckt, aber die Bilder bleiben dieselben. Auf der beliebten 20-Pfund-Note ist noch immer Harry Ferguson, der berühmte Traktor- Ingenieur aus Belfast, zu sehen. Wer mehr als 500 Pfund umtauschen will, muss seine Identität nachweisen, bei mehr als tausend Pfund darf man nur sein eigenes Konto benutzen.

Werden die Räuber auf einem Großteil ihrer Beute sitzen bleiben? Das gestohlene Bargeld bestand nämlich fast ausschließlich aus nordirischen Noten, der Hauptteil davon in druckfrischen Scheinen von der Northern Bank selbst. Diese Seriennummern sind der Polizei bekannt. Vier Geschäftsbanken drucken das gesamte Geld in Nordirland. Es handelt sich zwar um waschechte britische Pfund Sterling, aber die Zeitungsverkäufer in Leeds, Glasgow oder Cardiff weigern sich normalerweise, das Geld zu akzeptieren. Denn der vertraute Kopf der Queen ist nirgends zu sehen, dafür steht da zum Beispiel „Bank of Ireland“ über keltischem Rankenwerk. Keine Chance bei den skeptischen Engländern, Schotten und Walisern.

Der äußerst beschränkte Umlaufbereich der nordirischen Banknoten wirft Fragen auf: Was dachten sich die Räuber bei ihrem Unterfangen? Sie mussten wissen, dass die Verwertung ihrer Beute unglaublich schwierig sein würde. Die in Nordirland besonders zahlreich vertretenen Verschwörungstheoretiker haben den Bankraub deshalb politisch gedeutet: Es handle sich um ein Signal der Betonköpfe in der IRA an ihre versöhnlicheren Genossen, dass sie auf ihren handgreiflichen Methoden bestehen. Das britische Unterhaus hat am Donnerstag die Konsequenzen gezogen: Zur Strafe für den Bankraub erhalten die vier Abgeordneten der Sinn Fein-Partei, des politischen Flügels der IRA, künftig keine parlamentarische Büropauschale und keine Spesenvergütungen mehr. Da die vier ihre Sitze ohnehin nicht einnehmen, waren diese Zahlungen – in der Höhe von etwa 400 000 Pfund pro Jahr – ohnehin immer etwas eigenartig.

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