Welt : "Der Lebenslauf der Liebe": Der Sprachausstatter wird monströs

Helmut Böttiger

Es gibt kaum einen, der die Wirkung von Literatur so begeisternd beschreiben kann wie Martin Walser. "Hölderlin auf dem Dachboden" heißt einer seiner großen frühen Texte, in dem er so genau, wie es nur möglich ist, der Frage nachgeht, was es mit dem Anderen der Literatur auf sich hat: wenn nämlich in einzelnen Wörtern oder Zeilen etwas aufscheint, was man nicht auf Anhieb versteht, was aber an etwas Tieferes rührt als die einleuchtende Erklärung. Es bleibt immer etwas offen, es gibt immer einen ungeklärten Rest, der einen umtreibt und nicht mehr loslässt.

Je berühmter Walser wurde - und das ging sehr schnell - desto schwieriger wurde es für ihn, diese Erkenntnisse über die Wirkungsmächtigkeit von Literatur in seinen eigenen Texten umzusetzen. Denn die Patrone der großen, existenziell aufrührenden Literatur, von Hölderlin bis zu Kafka und Robert Walser, wirkten mit ihren Texten, die immer knapper und spröder und aussparender wurden, zu Lebzeiten anders. Gerade Robert Walser, der Namensvetter, dessen "Unerbittlichkeitsstil" Martin Walser virtuos beschwor, lebte und schrieb aus einem ungeheuren Defizit heraus. Martin Walsers sich großflächig verbreiternde Kleinbürgerromane waren die Antwort darauf: mit ausschweifender Sprachlust wurden hier die Verzweiflung und das Unglück der Kraftfahrer und mittleren Angestellten zelebriert, die die Protagonisten von Walsers Romanen waren. Die Ohnmacht seiner Figuren: das war die Erkenntnis, die nur aus der Literatur kommen kann. Die Sprachkraft, mit der er sie ausstattete jedoch: das war sein produktiver Widerspruch dazu.

Walser entwickelte sich zum großen Sprachausstatter. Denjenigen, die normalerweise keine Möglichkeit haben, ihre Situation wortmächtig darzustellen, lieh er seine Sprache - eine Sprache der Größe, der Ironie und des verzweifelten Sich-Fügens und Darüberstehens. Die Figuren müssen zwangsläufig scheitern und sind darin ungemein sympathisch. Irgendwo in diesen Kleinbürgerromanen gibt es deswegen einen imaginären Punkt, an dem Martin Walser und Robert Walser aufeinandertreffen. Dies ist die große Sehnsucht Martin Walsers: das Defizit am Leben, das jeder, wenn auch in unterschiedlichen Abstufungen, verspürt, so martinwalserisch aufzuladen, dass hinterrücks ein veritabler Robert dabei herauskommt.

Schier thomasmännisch

Diese Konstruktion schien lange zu tragen. "Seelenarbeit" ist wohl der Roman, in dem das Scheitern des kleinen Mannes ästhetisch am kultiviertesten dargestellt scheint; da lugt immer derjenige durch, der auch Martin Walser hätte werden können, wenn ihn nicht seine schier thomasmännische Sprachbegabung dazu geführt hätte, dies Geschick sozial hinter sich lassen zu können. Xaver Zürn in "Seelenarbeit" ist suggestiv und warm, quasi von innen heraus beschrieben. Der neueste Roman Martin Walsers nun, "Der Lebenslauf der Liebe" geheißen, knüpft an jene Scheitern-Serie wieder an. Susi Gern aber, die neue Hauptfigur, scheint etwas ganz Anderes zu sein.

Sie ist eine Frau, und schon deswegen ein großes Risiko für einen Autor. Vor allem aber gehört sie jener sagenumwobenen Schicht der "oberen Zehntausend" an, die die bisherigen Protagonisten der Walserschen Romane immer nur ehrfürchtig von unten anschauen konnten. Das Merkwürdige ist nun, wie es Walser schafft, mehr als 500 Seiten aus der Perspektive dieser Susi zu schreiben, obwohl er sie offenkundig nicht so mag wie seine früheren Kleinbürger-Phantasien. Susi ist ein Parvenü, und ihr Mann, Edmund Gern, strotzt vor Geld, vor beruflichem Erfolg. Sie sind Kleinbürger, die es geschafft haben. Düsseldorf ist ebenfalls eine Stadt, die den bisherigen Walser-Aufführungsstätten ziemlich weggerückt ist: das Penthouse zumal, die knapp 400-Quadratmeter-Wohnung mit Dachterrasse und drei Kellergeschossen, einer Bibliothek mit fahrbarer Leiter, auf der Edmund gern ein bisschen sitzt und liest - Börsendaten meist, Unternehmensbilanzen, Wirtschaftsparagraphen.

Die Szenerie bekommt wie selbstverständlich satirische Züge, die Figuren rücken in eine Gespensterhaftigkeit, bilden ein Wachsfigurenkabinett. Was wir von ihnen erfahren, ist einigermaßen monströs. Edmund hält sich mindestens drei Frauen (zwei Ehefrauen und eine viel jüngere "Edelnutte", wie Susi sie nennt), mit denen er seine häufigen Dienstreisen bestreitet. Geschlechtsverkehr mit Susi findet seit den frühen Ehejahren nicht mehr statt. Dennoch ruft er sie jeden Tag auch von fern her an, nennt sie "Schnucke" und sagt: "Keine kann dir das Wasser reichen". Für das gesamte Restprogramm gilt hingegen der zweite Stempelsatz: "Soll ich mir denn meinen Schwanz abschneiden?" Susi bekommt in einer Nachbarstraße ihr eigenes Apartment, in dem sie ihrerseits diversen Männerbekanntschaften nachgehen kann, im Lauf der Zeit kriegt sie sie fast nur noch durch Zeitungsannoncen zustande. Wir bekommen einen Bilderbogen von Shankar über Lotfi und Selim bis zum unersättlichen Dirk Pfeil, den buckligen Julius und ein paar andere Gesellen, die zum Teil durch pittoreske sexuelle Vorlieben ein paar Zeilen zu füllen in der Lage sind. Das Ganze hat etwas von einem Jahrmarkts-Kaleidoskop, in die Düsseldorfer Finanzwelt übertragen, und das zeitgenössisch Multikulturelle gibt ein paar sozio-groteske Farbtupfer.

Dass die Kinder der Familie Gern missraten sind, versteht sich da wie von selbst. Andreas ist ein verschwimmendes Zerrbild des Vaters, ein egoistischer Nichtsnutz, der sich auch ein bisschen in zwielichtigen Bankgeschäften versucht, bis er als Klein-Zuhälter endet und mit seiner Nutte aus Lateinamerika dorthin ausbüchst - seine erste Frau Ksenija (die jugoslawische Komponente im bundesdeutschen Kleinwirtschaftsleben wird dadurch auch abgedeckt) hat sich zuvor melodramatisch von einer Brücke gestürzt. Das zweite Kind, Conny, ist geistig behindert und äußerst dick, fällt aber dadurch auf, dass es einige Sätze in Düsseldorfer Platt sagen kann. Was gern auch als Schlusspointe eines Kapitels fungiert.

Putzig-grausiges "Unglücksglück"

Das Leben hier ist also reich, grell und überzeichnet. Edmund wird folgerichtig krank: erst hinterlässt er überall Urin, bekommt in putzig-grausiger Weise deswegen ständig Windeln angezogen, dann Kot. Susis aufopferungsvolle Haushaltstätigkeiten nehmen immer breiteren Raum ein, von seinen Frauen lässt Edmund dennoch nicht ab. Natürlich hat sich Edmund gegen Ende auch gründlich verspekuliert - ob die Krankheit eine Reaktion auf den finanziellen Ruin ist oder umgekehrt, bleibt offen. Binnen kurzer Zeit ist das Kapital verspielt, Edmund stirbt symbolisch an dem Tag, an dem die Familie das Haus endgültig räumen muss. Bentley und Porsche sind dahin, zum Schluss lebt Susi in ihrem kleinen Männerapartment von der Sozialhilfe, nicht ohne als 67-Jährige noch eine Beziehung zu einem 29-jährigen Marokkaner aufzunehmen.

Es ist klar, dass man Martin Walsers neuen Roman als psychologische Studie der Hauptfigur Susi lesen soll: wie sie lebt in einer Ehe, in der früh der Vertrag geschlossen wurde, dass der eine dem anderen nichts verheimlichen darf, wie sie lebt, wo sie doch einfach einen Mann ganz für sich haben wollte. "Unglücksglück", das ist die Formel, die sie einmal für ihr Leben findet. Und die ist ziemlich allgemeingültig.

Susi ist nicht sympathisch. Sie ist oberflächlich, ein Luxusweibchen. Aber sie ist mit derart vielen Suggestionen angereichert - die qualvollen Männer, die liebevolle Bindung zum behinderten Kind - dass der Leser ihr über Hunderte von Seiten ziemlich locker folgt. Es ist eine Endfarce der bürgerlichen Gesellschaft, es ist die Farce zwischen Mann und Frau, und die Einlassungen über das Altern, die Sexualität einer Endsechzigerin, sind in genau demselben Farcen-Ton gehalten, der das gesamte Buch über anhält.

Mit der Energie, eine an sich eher unangenehme Heldin emotional so hoch auszustatten, ja, sie gelegentlich sogar einen Identifikationssog auf den Leser ausüben zu lassen, muss es etwas auf sich haben. Susi passt zum Schluss in das Schema des Scheiterns, das Walser von der großen Literatur schon immer ausgeliehen hat, es ist ein nichtgelebtes Leben, dessen tragische Züge durch kabarettistische Verrenkungen überdeckt werden. Auch bei Edmund, jenem Abziehbildchen eines skrupellos erfolgsbolzenden Hochfinanzjuristen, blitzt ab und zu etwas Nachdenkliches durch: einmal in der Woche spielt er Schach mit "Mr. Jingling", einem Juden, und in dessen bewegendem Abschiedsbrief (der zweifellos von Walser stammt, dem Ausstattungsvirtuosen) erklärt er, nicht in Deutschland begraben werden zu wollen - wie Ignaz Bubis, mit dem Walser in der sogenannten "Walser-Bubis-Debatte" nach seiner jenningerhaften Friedenspreisrede zu tun hatte. Mr. Jingling, so bleibt es beim Leser hängen, ist wahrscheinlich der einzige, der so etwas wie ein Gefühl für Edmund hat.

Hier, inmitten aller Masken und Couvrierungen, platziert Walser eine Botschaft, die ihm im üblichen publizistischen Duktus wohl nicht so leicht gelänge. Walser scheint die Distanzierung, die Verzerrung ins Groteske, die satirische Überspitzung, die Perspektivverlagerung in eine weibliche Hauptfigur als ästhetisches Mittel zu brauchen, um sich die zentralen Themen - Arriviertheit und Altern - ein bisschen vom Leib halten zu können. Deswegen muss der Roman wohl so ausufern. Deswegen muss er sich derart ins Kolportagehafte hineinsteigern.

Stammtisch in Schriftform

Hier gibt es keinen Rest, geschweige denn einen ungeklärten. Gerade die Abschnitte, die an Abgründe rühren, die auch Differenzierteres in der Psychologie der Figuren aufscheinen lassen, werden am vehementesten im Walserschen Überwältigungsstil präsentiert: fast in mündlicher Rede, Stammtisch in Schriftform, in einer rhetorischen Übertreibungsprosa. Wo eigentlich die Worte fehlen, das Schweigen aufklafft, wo Robert Walser aufhörte, da setzt Martin Walsers Sprachlust erst an: voller Saft und Kraft, immer in demselben Sound. Da ist immer eine Stärke, die eigentlich das Schwache meint. Die Strategie, Susi, die oberen Zehntausend und den Alterssex in dieser Weise in Szene zu setzen, ist Distanzierungs-Kunst. Das Nahe nicht so nah an sich herankommen lassen. Verzweiflung ausstaffieren mit Rede-Gesten. Das, was einen unmittelbar angeht, wegschieben in die Kunst des soundsovielten Satzbaus. Robert Walser meinen, aber wie Thomas Mann schreiben. Das ist das Dilemma.

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