Welt : Der Mega-Flughafen am Schwarzen Meer

Die Türkei plant einen riesigen Airport bei Istanbul Schon in drei Jahren sollen die ersten Flieger starten.

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Istanbul - Während in Deutschland über die Pannen beim Berliner Großflughafen diskutiert wird, wagt sich die Türkei an ein noch ehrgeizigeres Projekt. Im Norden Istanbuls soll der größte Flughafen der Welt entstehen, nach fertigem Ausbau sollen 150 Millionen Passagiere pro Jahr befördert werden. Planer sprechen von dem Ziel, Istanbul zu einem Drehpunkt mit Weltgeltung zu machen – in einer Liga mit Hongkong oder London. Schon in gut drei Jahren sollen die ersten Maschinen auf dem Gelände am Ufer des Schwarzen Meeres landen, das derzeit vorwiegend aus Wald, Lehm- und Kohlengruben sowie aus Feldern und Weiden besteht. Doch in den Dörfern, die dem Riesen-Airport weichen sollen, regt sich Widerstand. Bei ersten Informationsveranstaltungen schlug den Behördenvertretern wütender Protest entgegen. Auch Umweltschützer melden Bedenken an.

Die Dimensionen des geplanten Flughafens sind gewaltig: Sechs Startbahnen auf einem Gelände von 9000 Hektar, Kosten von sieben Milliarden Euro, allein das Gebäude des Hauptterminals soll 750 000 Quadratmeter groß werden. Anders als derzeit werden auf dem neuen Airport, der noch keinen Namen hat, auch die Riesen-Airbusse vom Typ 380 abgefertigt werden können. Selbst die in der ersten Bauphase angepeilten 100 Millionen Passagiere pro Jahr bedeuten fast eine Verdreifachung der Kapazität des derzeit größten türkischen Flughafens, des Istanbuler Atatürk-Airports, der mit 37 Millionen Fluggästen im Jahr an seine Grenzen stößt.

Der Riesen-Flughafen ist Bestandteil der Zukunftvision von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan für die Metropole Istanbul. Unter dem – von Erdogan selbst gewählten – Titel „Tolldreiste Projekte“ schweben dem Regierungschef eine ganze Reihe von monumentalen Bauvorhaben vor. So will Erdogan westlich von Istanbul einen neuen Schiffskanal graben lassen, der das Schwarze Meer mit dem Marmara-Meer verbindet und so den Bosporus entlastet. Gleich neben dem neuen Flughafen will er eine neue Stadt aus dem Boden stampfen lassen, in der 2020 die Olympischen Spiele stattfinden sollen – wenn sich Istanbul 2013 in der Endausscheidung gegen Tokio und Madrid durchsetzen sollte. Eine Hochgeschwindigkeitsbahn soll die neue Stadt und den Flughafen mit dem 50 Kilometer entfernten Istanbuler Stadtzentrum verbinden.

Von Erdogans großen Plänen einmal abgesehen, braucht Istanbul dringend einen Flughafenausbau. Das Passagieraufkommen an türkischen Flughäfen insgesamt stieg allein 2011 um 14,4 Prozent auf 118 Millionen Menschen; davon entfiel fast die Hälfte auf die beiden Istanbuler Flughäfen, Atatürk und Sabiha Gökcen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Flugpassagiere in der Türkei mehr als verdreifacht. Und der steile Anstieg dürfte in den kommenden Jahren weitergehen. Die türkische Fluggesellschaft Turkish Airlines wächst so schnell wie kaum eine andere Airline in der Welt. Das halbstaatliche Unternehmen will die Zahl seiner Maschinen bis zum Jahr 2020 von derzeit 185 auf 350 erhöhen. Turkish Airlines hat Istanbul in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Drehkreuz in der Region ausgebaut – jetzt streben die Türken mit dem neuen Airport nach Weltgeltung.

Doch der erhoffte Aufstieg in die Weltliga der großen Flughäfen wird von Bauern und Umweltschützern erschwert. Zwei Dörfer im Einzugsbereich des neuen Flughafens sollen geräumt werden – und wie eine kürzliche Bürgerversammlung in der Grundschule eines dieser Ort zeigte, sind die Menschen überhaupt nicht angetan von den Plänen. Bei der Versammlung in Tayakadin mussten sich die angereisten Behördenvertreter viel Kritik anhören. Niemand weiß derzeit so genau, was aus den Menschen werden soll, die in den todgeweihten Dörfern leben oder die in den Lehm- und Kohlegruben arbeiten. Grundstücksspekulanten treiben schon jetzt die Preise in der Gegend nach oben. Umweltschützer weisen darauf hin, dass der geplante Flughafen mitten in einem Zugvogelgebiet liegt: Das Projekt sei deshalb nicht nur schädlich für die Natur, sondern auch gefährlich für die Passagiere. Thomas Seibert

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