Der "wahre" James Bond : Sie nannten ihn „Biffy“

Der Historiker Keith Jeffrey hat die erste offizielle Geschichte des echten James Bond und des MI6 geschrieben. Als Filmschauspieler wäre Commander Wilfred Dunderdale, genannt "Biffy", nicht geeignet gewesen.

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Da kann das Original nicht mithalten. Pierce Brosnan mit starken Frauen als Agent 007 in „Goldeneye“. Der echte Agent sah nicht ganz so gut aus.
Da kann das Original nicht mithalten. Pierce Brosnan mit starken Frauen als Agent 007 in „Goldeneye“. Der echte Agent sah nicht...Foto: CINETEXT

James Bond hieß in Wirklichkeit Wilfred, wurde von Kollegen wegen seiner Boxkünste „Biffy“ (Boxer) genannt und ist 1990 im biblischen Alter von 90 Jahren im englischen Surrey gestorben. Dies ist nur eine von vielen teils wunderlichen Enthüllungen der ersten offiziellen Geschichte des britischen Auslandsgeheimdienstes „MI6“. Das Buch wurde vom Belfaster Historiker Keith Jeffrey geschrieben, der Zugang zu allen Archiven des „Secret Intelligence Service“ (SIS), so der offizielle Name, erhielt – aber nur bis 1949. „Dann begann der Kalte Krieg und man legte die Grundlagen für langfristige Operationen, die bis 1989 gingen. Das nächste Buch wird vielleicht die Periode 1949 bis 1989 abdecken, aber dafür ist es noch viel zu früh“, sagt Professor Jeffrey.

„Biffy“, mit vollem Namen Commander Wilfred Dunderdale, wäre als Filmschauspieler nicht geeignet gewesen, geht man von dem Passfoto in einem falschen Pass aus, aber Jeffrey bestätigt. „Als er in den 30er Jahren Spionagechef in Paris war, entwickelte er eine Vorliebe für schnelle Autos und Frauen“. Dunderdale war in späteren Jahren ein Freund von 007-Autor Ian Fleming und manche seiner Geschichten fanden den Weg in Flemings Bücher. „Er war charmant, voller savoir-vivre und im Alter ein unverbesserlicher Geschichtenerzähler“. Dunderdales Lieblingsanekdote erzählte, wie er als junger Mann für einen weißrussischen General als Dolmetscher arbeitete, und vor der Eisenbahn-Schlafwagentür stehend für den General übersetzen musste, der drinnen eine junge Engländerin verführte.

Der britische Geheimdienst wurde 1909 als „Secret Intelligence Bureau“ gegründet, als Reaktion auf den wachsenden Argwohn, dass alle Deutschen in England Spione seien. 1911 wurde der Dienst in eine Abteilung für das Inland (MI5) und eine für das Ausland (MI6) geteilt. Erster MI6-Chef wurde George Mansfield Smith-Cumming. Da er Dokumente nach dem Lesen mit grüner Tinte und einem „C“ abzeichnete, heißen MI6-Chefs bis heute „C“. Einer der letzten „Cs“, John Scarlett, gab die offizielle Geschichte in Auftrag. Bei der Präsentation im Außenministerium gab er zu: „Mansfield Cumming glaubte leidenschaftlich an Geheimhaltung. Er wäre verwundert, wenn er sehen würde, dass ich heute ein Buch über die Geschichte seines Dienstes vorstelle. So etwas hat es noch nie gegeben und wird es nicht so schnell wieder geben.“

Jeffrey stieß auf Pläne, mit denen die Briten 1947 die zionistische Einwanderung nach Palästina bremsen wollten, damit das Bevölkerungsgleichgewicht zwischen Juden und Palästinensern nicht zu sehr gestört werde. Unter anderem gab es 1947 fünf Sabotageaktionen gegen Einwandererschiffe in italienischen Häfen. Bei einer Aktion kamen drei Menschen ums Leben. Um den Verdacht auf andere zu lenken, wurden im „Casanova“-Nachtclub in Wien, der von sowjetischen Spionen frequentiert wurde, Dokumente platziert, die behaupten, jüdische Auswanderer seien eine wichtige Informationsquelle für den britischen Geheimdienst. Frühe Analysen Hitlers durch MI6-Spione waren korrekt. Dienstchef Sir Hugh Sinclair schrieb in einem Bericht von Hitlers „Fanatismus, Mystizismus, Rücksichtslosigkeit, Schläue, Eitelkeit, Stimmungswechsel von Hochgefühl und Depression und was ich nur als Verrücktheit bezeichnen kann“. Alles deute darauf hin, dass Hitler „früher oder später“ nach Polen einmarschieren werde.

Die berühmte „Lizenz zum Töten“ gab es Keith Jeffrey zufolge nie. Aber es gab Pläne, hohe Nazis durch Mord aus dem Wege zu räumen, die dann aus Angst vor Vergeltungsaktionen nie durchgeführt wurden. Das „Ass der Spione“, ein Agent namens Sidney Reilly, plante 1918 einen Anschlag auf die gesamte im BolschoiTheater versammelte sowjetische Führung. Verräter wurden liquidiert, wie „Bla“, ein französischer Bauer, der im Zweiten Weltkrieg für die Briten arbeitete. Als er bei einem Verhör zugab, dass er „alles den Boches verraten hatte“, war sein Schicksal besiegelt. Als der Versuch scheiterte, ihn durch Vergiftung zu töten „ohne dass er es merkt“, wurde er erschossen. „Er hat uns durch die Ruhe beeindruckt, mit der er seine Strafe hinnahm“. heißt es im Dienstbericht.

Das Buch ist voller Anekdoten, wie über den Holländer, der 1940 im Taucheranzug beim Kasino von Scheveningen abgesetzt wurde. Darunter trug der einen Smoking und er war mit bestem Cognac besprenkelt, um seinen Auftritt im Kasino authentischer zu machen. Das Buch bestätigt, dass Schriftsteller wie Graham Greene und W. Somerset Maugham MI6-Agenten waren. Das hat etwas mit den Rekrutierungsmethoden zu tun. Intelligenten Studenten in Cambridge und Oxford wurde von Professoren auf die Schulter getippt, wenn sie für den Einsatz im Dienste Seiner Majestät tauglich schienen.

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