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Deutschland drumherum (10) : Prostitutions-Hölle in Cheb

15.05.2013 10:55 Uhrvon
Wie steht's um uns Deutsche in Europa? Helmut Schümann umrundet unser Land mit dem Rucksack auf dem Rücken.Bild vergrößern
Wie steht's um uns Deutsche in Europa? Helmut Schümann umrundet unser Land mit dem Rucksack auf dem Rücken. - Foto: privat

Tagesspiegel-Autor Helmut Schümann reist durch Tschechien und berichtet auf tagesspiegel.de über seine Erfahrungen. In seinem zehnten Beitrag reist er nach Cheb und erzählt von der Prostitutions-Hölle im tschechischen Grenzgebiet.

Vom lauschigen Kadan bin ich nach Cheb gelaufen, oder Eger, wie hier aber keiner sagt, warum auch? Ich bin erst gelaufen, die Hexe im Kreuz hat längst klein bei gegeben und sich getrollt, dann ein Stück mit dem Regionalzug gefahren, ich wollte die böse böhmische Hexe nicht provozieren. Ich bin aber nur eine Strecke von 1,48 Euro gefahren, wie hier aber keiner sagt, hier zahlt man 37 Kronen.

Nach Cheb bin ich gereist, weil Cheb verrufen ist, ach, verrufen ist viel zu harmlos für den Ruf von Cheb. Cheb ist verschrieen als das Armageddon, als das Jüngste Gericht, nur ohne Fegefeuer, von Cheb aus geht es nicht mehr in die Hölle, Cheb ist in manchen Teilen die Hölle, die letzten Tage der Menschheit.

Man kennt die Bilder, ich kenne die Bilder von Horden deutscher Freier, die gleich hinter der Grenze über junge Mädchen herfallen, die sich in Kolonne an den Ausfallstraßen prostituieren. Herr S., der mich schon einmal anschrieb und abmahnte, weil der abfallende Putz in dieser Region nur Ausdruck sei von der Unlust der nach dem Krieg zwangsumgesiedelten Bevölkerung (auch noch in der dritten Generation), hier in Böhmen zu leben, Herr S., der Deutscher ist und seit langem in Tschechien lebt aber meint, dass das alles übertrieben sei und das Problem der Prostitution im tschechischen Grenzgebiet mit dem Bau der Autobahn zwischen Dresden und Prag praktisch nicht mehr existent sei. Wer anderes behaupte, schrieb mir Herr S., wie zum Beispiel die deutsche Organisation KARO, sei Gutmensch, der von deutschen und Eu-Geldern lebe und - „sorry“ - zu faul sei, einer anderen Arbeit nachzugehen.

„Laufen Sie einfach durch die Gassen“, hatte Cathrin Schauer, Gründerin von KARO e. V., am Telefon gesagt, „Sie werden es überall sehen.“ Ich bin an diesem Tag, es war der Montagabend, durch die Gassen gelaufen, ein Stück die Evropa, die Hauptdurchgangsstraße durch Cheb, entlang, rechts und links abgezweigt, und, was soll ich sagen von diesem Spaziergang durch das Innenstadtviertel? Herr S. hat recht. Das Nachtleben von, sagen wir Paderborn, dürfte sündiger und verruchter sein.

Am nächsten Tag treffe ich Cathrin Schauer und Michael Heide, einem weiteren Mitarbeiter von KARO, ein Verein, der sich seit 1994 mit dem Problem der Prostitution im Grenzbereich beschäftigt. Problem, würde möglicherweise Herr S. sagen, welches Problem? Die Mädels machen es doch freiwillig, verdienen gutes Geld und haben wahrscheinlich auch noch Spaß daran. Cathrin Schauer und Michael Heide berichten aus der nun fast zwanzig Jahren Erfahrung von KARO Was jetzt folgt, ist für Kinder und Jugendliche nicht geeignet, aber auch nicht für Erwachsene. Wer zart oder einfühlsam veranlagt ist, sollte den folgenden Abschnitt überspringen.

Schauer und Heide erzählen von Sommercamps, die sie veranstalten und bei denen Kinder zu ihnen kommen, die abends am Lagerfeuer erst stockend, dann Vertrauen fassend, von Dingen erzählen, die man nicht hören will. Von elfjährigen Mädchen, die Körperteile angefasst haben und in sich reinstecken ließen, die nicht in ein elfjähriges Mädchen gehören. Sie gehören in keinen Menschen, auch später nicht, der das nicht will oder es nur macht, weil Geld dafür bezahlt wird, Euro, weil deutsche Freier sich nicht die Mühe machen, ihr Geld erst in Kronen umzutauschen. Lausig wenige Euro.

Es sind auch Mädchen dabei, die die elf Jahre noch nicht erreicht haben. Schauer und Weide berichten von dokumentierten Fällen, in denen Mütter Babys durch Autofenster mit deutschem Kennzeichen gehalten haben. Und sie wieder entgegennahmen nach Vollzug. Von einem kleinen Jungen, der erstmals mit drei Jahren als fröhliches Kind zu ihnen ins Sommercamp kam und mit fünf Jahren den Kot nicht mehr halten konnte. Ein Camaro mit deutschen Kennzeichen fährt nun schon das fünfte Mal um die Ecke, darin ein junge Mann, so oft kann man sich in Cheb nicht verfahren. Möglicherweise sucht er etwas.

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