Die Folgen des El Niño : Der Hunger kehrt nach Afrika zurück

Nach Jahren wirtschaftlichen Erfolgs in Afrika sind 45 Millionen Menschen bedroht. Warum ist die Not nun wieder so groß? Und wird die Migration nach Europa dadurch zunehmen?

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Die Nomaden im Grenzgebiet zwischen Somalia und Äthiopien leiden unter der Dürre. Hilfsorganisationen warnen vor Millionen Hungernden in Ostafrika.
Die Nomaden im Grenzgebiet zwischen Somalia und Äthiopien leiden unter der Dürre. Hilfsorganisationen warnen vor Millionen...Foto: Stuart J. Sia/Save the Children/dpa

In einer krisensatten Welt kommt eine neue Hungersnot im Süden und im Osten Afrikas ungelegen. Doch nun tritt ein, wovor Hilfsorganisationen und die Vereinten Nationen schon seit März 2015 gewarnt haben: Die Auswirkungen des pazifischen Klimaphänomens El Niño treffen die Region am Horn von Afrika und das südliche Afrika brutal. Mehr als 45 Millionen Menschen sind jetzt oder schon bald auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen.

Wie wirkt sich El Niño in Ostafrika aus?

Ausgerechnet Äthiopien, das sich seit Jahren selbstbewusst als boomende Wirtschaft mit zweistelligen Wachstumsraten präsentiert, geht gerade wegen einer Jahrhundertdürre in die Knie. Es sei die schlimmste Trockenperiode seit mehr als 50 Jahren, analysiert das von den USA finanzierte Hunger-Frühwarnsystem Fewsnet.

Vor Kurzem hat die Regierung in Addis Abeba einen Hilfsappell an die Welt gerichtet, weil zehn Millionen Menschen an der Schwelle zur Unterernährung stehen – oder schon darüber sind. Rund sechs Millionen Kinder laufen Gefahr dauerhafte Schädigungen davon zu tragen, wenn es nicht gelingt, sie in den kommenden Monaten ausreichend zu ernähren. Und schon sind sie wieder da, die Bilder vom Hungerkontinent, von Äthiopien Mitte der 1980er Jahre.

„Wir brauchen etwa 120 Tage, um ausreichend Nahrungsmittel zu kaufen und von Djibouti aus nach Äthiopien zu transportieren. Deshalb müssen wir jetzt sofort handeln“, sagt John Graham, Äthiopiens Länderdirektor der Hilfsorganisation „Save the Children“. Er sagt: „In meinen 19 Jahren in Äthiopien habe ich so eine Situation noch nicht erlebt.“ Er könne nachts nicht mehr schlafen, weil er fürchte, dass die Krise kaum noch aufzuhalten ist.

Er hat allen Grund, sich Sorgen zu machen. Von den rund 1,2 Milliarden Dollar, die das Welternährungsprogramm (WFP) braucht, um die Menschen in Äthiopien über die Dürre zu bringen, ist noch nicht einmal die Hälfte finanziert. Und angesichts der Not in Syrien und in den Flüchtlingslagern der Nachbarländer Libanon und Türkei dürfte es den Hilfsorganisationen nicht leichtfallen, das Geld aufzutreiben.

Nicht weniger schlimm ist die Lage in Somalia. Dort kommen 25 Jahre Dauerkrise und der El Niño zusammen. Fast die Hälfte der Bevölkerung, mehr als vier Millionen Menschen, ist auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Ganz besonders betroffen sind die intern Vertriebenen, die wegen der Terroranschläge der islamistischen Miliz Al Schabaab nicht in ihre Dörfer zurückkehren können. Vor allem im Norden Somalias, in den Regionen Puntland und Somaliland, ist die Dürre nach Angaben der UN dramatisch.

Weiter im Süden in Tansania, Kenia, Burundi und Ruanda dagegen wechseln sich Trockenheit und Überflutungen ab und haben eine Vielzahl von Erdrutschen ausgelöst. Dort ist viel mehr Regen gefallen als für die Jahreszeit normal ist und hat eine Vielzahl von Erdrutschen ausgelöst. Allen gemeinsam ist, dass ihre Ernten zerstört wurden und sie noch monatelang nichts zu essen haben werden.

Was sind die Folgen der Dürre im Süden?

Auch im Süden Afrikas sind Millionen Menschen von einer lang dauernden Dürre betroffen. Es ist schon das zweite Jahr, dass es in Südafrika, Simbabwe, Sambia, Malawi, Lesotho und Swaziland kaum regnet. Simbabwes Präsident, Robert Mugabe, der noch im Dezember behauptet hatte, sein Land verfüge über Vorräte für mehrere Monate, hat vor wenigen Tagen dann doch den Katastrophenfall ausgerufen.

Sein Landwirtschaftsminister bittet um rund 1,5 Milliarden Dollar internationale Hilfe, um Mais zu kaufen und Viehfutter. Schon jetzt sind nach Informationen des Hilfswerks World Vision rund 17.000 Rinder verendet und 12.000 Trinkbrunnen ausgetrocknet. Die Wasserversorgung in der Hauptstadt Harare ist gefährdet und die Stromversorgung ist in der gesamten Region fast zusammengebrochen, weil die Wasserkraftwerke nicht mehr produzieren. Die Viehzüchter im Matabeleland, der Region um die zweitgrößte Stadt Bulawayo nahe der sambischen Grenze, verkaufen ihre Rinder inzwischen für 50 Dollar. Zu normalen Zeiten hätten sie bis zu 500 Dollar eingebracht. Die Nahrungsmittelpreise sind dramatisch gestiegen. Die Simbabwer, die unter ihrem erratischen 91-jährigen Präsidenten leiden, unter seinen Launen und denen seiner Frau Grace, die ihn gerne beerben will, haben kaum noch Reserven.

In Südafrika weigert sich derweil Präsident Jacob Zuma beharrlich, die dramatische Dürre als Katastrophe wahrzunehmen. Obwohl sein Land rund sechs Millionen Tonnen Mais im Ausland einkaufen muss und schon zehntausende Tiere verendet sind. In Malawi, wo schon vor dem El Niño knapp die Hälfte der Kinder unterernährt war, verschlimmert die Dürre die anhaltende Krise noch weiter.

Warum hungern Menschen im Südsudan?

Die Vereinten Nationen haben am Dienstag einen dramatischen Appell an die Welt gerichtet, Hilfsgelder für den Südsudan bereitzustellen. Dort sind aktuell 2,8 Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe angewiesen. Und wenn es den UN nicht gelingt, die 1,3 Milliarden Dollar schnell aufzutreiben, die nötig sind, um etwa ein Viertel der Bevölkerung des jüngsten Staates der Erde am Leben zu erhalten, dürfte es schwer werden. In wenigen Wochen beginnt im Südsudan die Regenzeit. Es gibt kaum Straßen, und die wenigen, die es gibt, sind dann nicht mehr passierbar.

Im Südsudan hat die Hungerkrise allerdings wenig mit dem stärksten El Niño seit 15 Jahren zu tun. Die Verursacher dieser Hungerkrise sind die Helden der Unabhängigkeit: Präsident Salva Kiir und sein ehemaliger Vize-Präsident Riek Machar, die seit Dezember 2013 in einem Bürgerkrieg verhakt sind. Nach einem halben Dutzend gebrochener Waffenstillstände hatten sich viele Südsudanesen große Hoffnungen gemacht, als die beiden Politiker im August 2015 einen Friedensvertrag schlossen. Aber beide Seiten setzen ihn nicht um, obwohl Kiir dann doch Machar wieder zu seinem Vize-Präsidenten ernannt hat.

Nach Angaben des humanitären Koordinators der UN, Eugene Owusu, sind mindestens 40.000 Menschen akut vom Hungertod bedroht. Dennoch gibt es wenig Hoffnung, dass die politische Krise in der Hauptstadt Juba in absehbarer Zeit gelöst werden könnte.

Welche Folgen hat El Niño auf die politische Stabilität in Afrika?

Die Wetterkatastrophe trifft Staaten mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. In Somalia besteht das Risiko, dass die Versuche eines Wiederaufbaus des Staates, die in den vergangenen fünf Jahren durchaus viel versprechend waren, mit der Dürre wieder ausgelöscht werden könnten. Wie hoch das Risiko ist, hängt nicht zuletzt davon ab, wie gut es Al Schabaab gelingt, die eigenen Kämpfer zu versorgen. Sollte ihre Logistik besser sein als die der Regierung und der Friedenstruppen der Afrikanischen Union, könnte es ganz schnell wieder zum Staatszerfall kommen.

In Äthiopien trifft die Dürre auf eine autoritäre Regierung, die in den vergangenen Jahren das chinesische Rezept befolgt hat: Wirtschaftswachstum gegen Freiheit. Gelingt es ihr nicht, die Krise in den Griff zu bekommen, könnte es mit der äthiopischen Stabilität auch relativ schnell bergab gehen. Kenia wiederum ist ein Jahr vor der nächsten Wahl schon wieder im Dauerwahlkampf, weshalb die Politik die Krise weitgehend ignoriert.

Ist nun mit einer verstärkten Migration in Richtung Europa zu rechnen?

Das dürfte wohl kaum passieren. Zwar wird die Armut auf dem Nachbarkontinent oft als einer der Treiber für die Flucht nach Europa genannt. Sie ist aber nicht die Haupttriebfeder. Menschen, die nicht genug zu essen haben, haben weder die Kraft noch das Geld, sich auf eine Reise durch die Sahara und schließlich über das Mittelmeer zu machen. Dafür müssten sie zwischen 1000 und 3000 Dollar aufbringen können.

Christine Mungai schreibt in der südafrikanischen Zeitung „The Mail & The Guardian“, dass nun gerade diejenigen das Weite suchten, die ökonomisch besser dastehen. Das sei nicht „paradox, sondern wirtschaftlich klug“. Der Welt-Migrations-Bericht der Internationalen Migrationsorganisation (IOM) gibt ihr recht. Seit 2007, also seitdem die Volkswirtschaften in Afrika fast alle schneller wachsen, stieg die Zahl der Auswanderer dramatisch an. Es gehen also diejenigen, die sich ein besseres Leben anderswo vorstellen können, nicht diejenigen, die jeden Tag von der Hand in den Mund leben müssen.

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