Die Laminatfrage : Der Boden unter meinen Füßen

Sie wollte Parkett – und bekam Laminat. Unsere Autorin war entsetzt und fragte sich: Kann ich damit leben? Ein Report über Hölzer.

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Holzfußboden, das war die Bedingung. Die Wohnung, die ich wollte, hatte aber einen Linoleumbelag. „Sind da denn keine Dielen drunter?“, fragte ich. Nein, sagte die Vermieterin. Ich hätte ihr fast abgesagt.

Eine schöne Wohnung hat abgezogene Dielen oder versiegeltes Parkett, das war für mich selbstverständlich. Ich würde unrenoviert wohnen, Kohlen schleppen, das Klo im Treppenhaus haben, solange die Wohnung nur quietschende Dielen besäße. Oder all meine Ersparnisse für einen neuen Holzboden ausgeben und ihn selbst verlegen. Bis meine Mutter, die auf Parkett wohnt, einen erstaunlichen Satz sagte: „Es gibt doch so schönes Laminat!“

Laminat? Das ist dieser Parkett-Ersatz, dachte ich, das ist peinlich, kleinbürgerlich. Und ich bin nicht die Einzige, die solche Assoziationen hat. Der Schriftsteller Maxim Biller schilderte in einem Artikel den mitleidigen Blick von Besuchern seiner Wohnung, der sagt: schöne Wohnung, aber wirklich schade, das mit dem Laminat. Olli Dittrich sinnierte als Dittsche darüber, ob Christian Wulff, als er noch Bundespräsident war, als Demonstration seiner Bescheidenheit Laminat in Schloss Bellevue verlegen würde.

Und Kathrin Fischer, 44, schrieb nun ein ganzes Buch über dieses Gefühl mit dem falschen Fußboden: „Generation Laminat“ (erschienen bei Knaus). Darin heißt es: „Es fühlt sich nicht gut an, denn es wärmt den Fuß nicht, es hört sich nicht gut an, denn es knarrt nicht beruhigend, es sieht auch nicht gut aus, denn man sieht ihm an, dass es vorgibt, etwas anderes zu sein, als es ist.“

Fischer kritisiert unsere Gesellschaft, die früheren Wohlstand nicht mehr besitzt, sondern imitieren muss. Eine Gesellschaft, in der die Eltern auf Parkett wohnen und die Kinder zwar die bürgerlichen Vorstellungen, nicht aber das nötige Geld mitbringen, um es ihnen gleichzutun. Sie spricht von der „Laminatisierung der soliden Mitte“.

Ich merkte, dass ich diese Einschätzung teilte, ohne zu wissen, was Laminat eigentlich ist. Die Antwort ist so einfach wie verblüffend: fotografiertes Holz! Noch besser erklären kann es Günther Kelm, 78, der Mann, der Laminat nach Deutschland brachte. „Laminat ist eine Trägerplatte aus gepressten Holzspänen, auf die mit viel Druck und Hitze ein Dekorpapier geklebt wird. Das wird dann versiegelt, mit Melaminharz, einem der härtesten Kunststoffe“, sagt er.

Als dieser Fußbodenbelag Ende der 80er Jahre aus Schweden nach Deutschland kam, machte Kelm als Vertriebsleiter der Firma Pergo die Deutschen mit Laminat bekannt, er nennt sich deshalb der „Laminat-Verbrecher“. Kein Holzhändler wollte den Belag damals kaufen. „Das sah noch sehr verstaubt aus“, sagt Kelm. Buche oder Ahorn habe man damals im Schiffsbodenmuster produziert.

In den 90er Jahren seien dunklere Hölzer in Mode gekommen, sagt Kelm, auch exotische wie Teak wollte man am Boden haben und andere Dekors, die nach Marmor oder Schiefer aussahen. Die Deutschen mochten Eiche, weil sie an Eichentischen ihr Abendbrot aßen, die Amerikaner wollten Fliesen, die edlen Marmor imitierten.

Heute verkaufen die Holzhändler mehr falsches als echtes Holz. 2011 haben die 22 Unternehmen, die sich in dem Verband der Europäischen Laminatfußbodenherstellerer organisieren, 468 Millionen Quadratmeter verkauft. In Deutschland ist es der führende Bodenbelag, liegt auf 72 Millionen Quadratmetern in Wohnungen und Häusern, laminiert damit 33 Prozent aller Wohnfläche und hat sogar den Teppich überholt. Wahrscheinlich sind die Zeiten des Plüschs vorbei und die von klaren Flächen und Allergien gekommen. Ich habe Allergien, Laminat wäre gut für mich.

Ich versprach meiner Mutter, mir den Holzersatz im Baumarkt anzusehen. Dort lernte ich Marken kennen wie Parador und Kronospan, Resopal und Logoclic. Ich stellte fest, dass Laminat etwa drei Mal billiger als Parkett ist, günstiges bekommt man für unter 4 Euro den Quadratmeter, das teuerste kostet etwa 50, teures Parkett bis zu 200 Euro. Ich erfuhr, dass Laminat einfach zu verlegen ist, mit einem Klicksystem, mit Nut und Feder, die man ineinanderschiebt. Dass man es „schwimmend“ verlegt, mit Holzkeilen hält man es von den Wänden fern. Ich lernte das Vorurteil „Laminat ist laut“ zu verwerfen, es gibt welches mit eingebautem Trittschallschutz. Doch ich blieb skeptisch.

Denn der Kunststoff ist Ersatz, er würde mich immer daran erinnern, dass ich mir echtes Holz nicht leisten kann. Genau dieses schlechte Image war der Antrieb von Bethan Laura Woods. „Es ist mein Lieblingsmaterial“, sagt sie. Die britische Künstlerin macht Möbel und Schmuck daraus, setzt verschiedene Laminatstücke zu Armreifen und Regalen zusammen. „Super Fake“, superkünstlich, nennt sie diese Objekte. „Ich wollte Künstliches aus etwas Künstlichem machen.“ Und mit Laminat, weil es auch in England das zweifelhafte Image eines Billigmaterials genießt.

Beim zuständigen Verband in Deutschland haben sie genau davor große Angst. „Ich möchte nichts Negatives im Zusammenhang mit Laminat lesen“, sagt die Pressesprecherin. Was wäre etwas Negatives? „Ein Vergleich mit Parkett“, sagt sie.

In den Wochen, in denen ich mir die Laminatfrage stellte, verglich ich ständig. Parkett ist natürlicher, echter, wertvoller, umweltfreundlicher. Ich sagte meiner Mutter, dass man es abschleifen könne, wenn es Macken hat, dass ich beim Laminat gleich die ganze Leiste austauschen müsste oder den Holzkitt sehen würde. Meine Mutter antwortete: „Es ist doch nicht fürs ganze Leben.“ Aber, entgegnete ich, ich mag die Rillen von Echtholz.

Kein Problem, sagt Günther Kelm, der „Laminat-Verbrecher“, und redet über Synchronporendruck und Laserdruck. „Jetzt kann man den Boden so herstellen, dass er sich auch anfühlt wie Holz.“ „Eiche sägerau“ gibt es beispielsweise, die Oberfläche soll an frisch geschnittenes Holz erinnern. Geätzt, gebleicht, gelaugt, gebeizt kommt der Holzersatz daher.

Ich zweifelte weiter. Bis ich im Baumarkt Nino kennenlernte. Es war nicht die große Liebe, aber für ein paar Jahre konnte ich mir das mit uns vorstellen. Nino ist Pinie Natur, neun Millimeter dick, 17,99 kostet sein Quadratmeter. Er sieht aus wie Holz, fühlt sich genauso an, hat Jahresringe und Riffeln, aber er ist eben nur Laminat.

Wir brauchten zwei Tage, um Nino zu verlegen, er liegt weich gebettet auf Moosgummimatten, an manchen Stellen kann man sehen, dass wir keine Lust mehr hatten, Nut und Feder noch fester ineinanderzuhämmern. Dort klaffen kleine Lücken. Jeden Besucher kläre ich rasch auf, dass Nino kein echtes Holz ist. Nicht, dass er mich für eine Hochstaplerin hält.

Und dann beginne ich, halb verschämt, halb stolz, mein Laminat anzupreisen: „Wir können jetzt eine Zigarette auf Nino ausdrücken, mit Pfennigabsätzen tanzen, Rotwein verschütten, denn Nino ist porenfrei, stoßfest und abriebsicher“, höre ich mich sagen. Nur putzen muss ich ihn wie Parkett, nebelfeucht, damit keine Nässe in die Fugen dringt. Ich habe mich an Nino gewöhnt, ich vermisse nichts.

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