Die Umweltkatastrophe von morgen : Der Sand wird knapp

Sand ist mehr als eine Urlaubskulisse am Strand. Er steckt im Handy, im Wein, im Haarspray. Weltweit wird er als Baustoff gebraucht. Da Wüstensand nicht für Beton taugt, gerät der Meeresboden ins Visier. Arte zeigt am Dienstag eine aufrüttelnde Dokumentation.

Wertvoller Sand. Diese Männer holen an der Grenze zwischen der Demokratischen Republik Kongo und der Zentralafrikanischen Republik den Sand vom Flussboden. Er wird für die Bauindustrie gebraucht.
Wertvoller Sand. Diese Männer holen an der Grenze zwischen der Demokratischen Republik Kongo und der Zentralafrikanischen Republik...Foto: AFP

Sand ist in alle Ritzen unseres Alltags eingedrungen. Man verarbeitet ihn zu Glas. Aus Sand wird aber auch Siliciumdioxid gewonnen. Das ist eine chemische Verbindung, die in Weinen enthalten ist, aber auch eine wichtige Rolle bei der Herstellung von vielen Alltagsprodukten spielt: Wasch- und Reinigungsmittel, Papier, getrocknete Lebensmittel, Haarspray, Zahnpasta, Kosmetika und und und. „Ich bezeichne den Sand gern als den unbekannten Helden unserer Zeit; denn er ist in unserem Alltag allgegenwärtig, ohne dass wir uns dessen wirklich bewusstwerden“, sagt Geologe Michael Welland in der faszinierenden Arte-Dokumentation „Sand - Die neue Umweltzeitbombe“ am Dienstag um 20.15 Uhr. Der Film zeigt, wie abhängig wir schon sind und was für eine Ökokatastrophe durch weltweiten Sand-Raubbau droht.

Ohne Sand gibt es keine Elektronik

„Im Sand sind wichtige Minerale enthalten - wie Silicium, Thorium, Titan und Uran“, sagt die britische Umweltexpertin Kiran Pereira in dem Film. „Denken Sie nur an Computer und Elektronik. Ohne hochwertigen Sand könnten überhaupt keine Chips hergestellt werden.“ Doch nicht nur die Informationsgesellschaft ist auf Sand gebaut. „Wer von einem Ort zum anderen reist, denkt nicht daran, wie viel Sand in unseren Verkehrsmitteln steckt“, schildert Pereira. Zum Beispiel in einem Flugzeug - vom Kunststoff über den Leichtmetall-Rumpf, die Triebwerke und die Farben bis hin zu den Reifen. „Das ist wie mit der Luft, die wir atmen. Wir denken nicht an sie. Aber ohne sie könnten wir nicht leben“, fasst Pereira zusammen. Und das hat Folgen.

Weltweiter Bauboom bedroht die Vorräte

Denn das unverzichtbare Material ist bedroht, vor allem durch den weltweiten Bauboom. Stahlbeton besteht zu einem Drittel aus Zement und zu zwei Dritteln aus Sand. Es sei nur als Größenordnung erwähnt: In einem Einfamilienhaus werden 200 Tonnen Sand verbaut. Nun könnte man meinen, in der Sahara gebe es ja Sand genug. Wüstensand ist aber zu glatt und daher nicht zur Betonproduktion geeignet. Deshalb haben Baukonzerne lange Zeit Sand aus Flussbetten oder Kiesgruben abgebaut.
Da dieser Vorrat aber langsam zur Neige geht, hat die Bauwirtschaft den Meeresboden ins Visier genommen - eine ökologische Zeitbombe. Der Dokumentarfilm des Franzosen Denis Delestrac zeigt Schauplätze rund um den Globus. In Marokko befeuert der Tourismus den illegalen Sandabbau und führt unweigerlich zum Verschwinden ganzer Strände.


Singapur importiert ungeachtet aller Verbote weiterhin Sand aus den Nachbarländern. In Indonesien verschwinden ganze Inseln wegen des illegalen Abbaus. In Dubai haben Protz-Bauten die eigenen Ressourcen aufgezehrt, nun wird Sand aus Australien importiert. In Indien kontrolliert die Mafia die Bauwirtschaft, während die eigene Bevölkerung weiter in Slums hausen muss. In Florida werden Strände aufgefüllt, die zu neun Zehntel weggespült waren. In Frankreich kämpft die Bevölkerung gegen Konzerne, die sich Standorte in Küstennähe sichern, um in Schutzgebieten den Meeresboden abzubauen.
„Der Dokumentarfilm erläutert die Zusammenhänge und Hintergründe einer verheerenden Wertschöpfungskette und fördert mit Unterstützung von Wissenschaftlern und Nichtregierungsorganisationen eine beispiellose menschliche, soziale und ökologische Katastrophe zutage“, fasst Arte zusammen. Wer diesen Film gesehen hat, denkt bei diesem Thema in Zukunft nicht mehr nur an Strand und Urlaub. (dpa)


Die Arte-Dokumentation „Sand - Die neue Umweltzeitbombe“ läuft am Dienstag (22. April) um 20.15 Uhr.

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