Welt : "die verlegung des zimmers": Das Zittern der Pfützenspiegel

Volker Sielaff

Nicht zufällig stellte Andreas Altmann an den Beginn seines 1998 erschienenen Gedichtbandes "wortebilden" ein Zitat des Philosophen Vilem Flusser, der sich immer wieder mit dem Verhältnis von Natur und Kultur auseinander gesetzt hat. "Die Tropfen, die vom stürmischen Wind gegen das Fensterglas schlagen, in den Raum aber nicht eindringen können, bilden den Sieg der Kultur über die Natur", schreibt Flusser in einem Text, der "Regen" betitelt ist. Der von Denkgewohnheiten ungetrübte Blick auf die Dinge steht bei ihm am Anfang jeder philosophischen Erörterung.

Auch Andreas Altmanns Gedichten ist abzulesen, dass sie im Sinnlich-Konkreten ansetzen: "der körper sammelt seine wege auf. / im weiher fallen tropfen in die kreise. / Ich lauf in blicken, die vergilbten / fotos gleichen."

Obwohl seit Jahren in Berlin ansässig, ist Altmann kein Dichter des urbanen Raumes. Es ist der Mikrokosmos der kleinen, vergessenen Orte, es sind die Ränder der Zivilisation, die diesem Dichter seine Sprache geben. Der "erste Blick" ist für den Schreibprozess dieses Autors tatsächlich entscheidend, er ist es, woraus seine Texte ihre eigentümliche Poesie schöpfen.

Jeder hat wohl schon einmal in einen Teich geschaut; bei Altmann liest sich das so: "die pfützenspiegel zittern im Gesicht. / darüber scheint der himmel / unten durch". Der Himmel kann bei ihm auch "rostig" (oder "gealtert" wie ein Einschussloch in einer Wand) erscheinen. Und über zwei Gläser, die im Freien auf einem Holztisch stehen, heißt es einmal lapidar: "der regen, unterscheidet sie nicht". Will heißen: die Natur kann, ähnlich wie der Nachtfrost in dem Gedicht "rauschen", wohl eine ganze "gegend gelöscht" haben, sie kann mit roher Gewalt alles zerstören, aber sie wertet nicht, ist niemandes Richter.

Joachim Sartorius hat vom "Eindruck des Stillstandes" in diesen Gedichten gesprochen, ihnen zugleich aber auch eine "innere Bewegung" bescheinigt. Zwar sind an Altmanns Dichterorten manchmal noch die Schatten "geduldig", weil sie gerade "nicht aus den körpern" kommen, aber der Autor ist zu raffiniert in der Anwendung seiner Mittel, um sich bloß in allgemeiner Tristesse zu erschöpfen.

Kultur und Natur: Elegant verwischt Altmann die Konturen. Sein Blick ist dem Gesehenen verschworen, und noch den Täuschungen unserer Sinne vertraut dieser Dichter, um aus ihnen Poesie zu schlagen, als wollte er uns sagen, das wenigstens für den Augenblick wahr ist, was wir sehen. So wird ein zu früher Frühling bedichtet mit den Worten: "der aprilschnee des kirschbaums / war auseinander gesprungen gleich wieder / erfroren" (dorf april).

Bereits im Titel seines neuen, mittlerweile dritten Gedichtbandes, "die verlegung des zimmers", wird auf einen kleinen Kunstgriff angespielt, den Altmann wie kaum ein anderer beherrscht: die poetologische Umkehrung des Sinns. Der Dichter rüttelt am trägen Zeitlauf seiner Orte: "Ich habe dir lange beim schlafen zugesehen. / dann wurdest du müde davon, / wie die tür ein und ausging und ich / immer zwischen ihr stand und die stühle / den tisch drehten und uns gegenüber saßen".

Oft ist von den Jahreszeiten die Rede, Schnee, so hat Altmann einmal gesagt, erinnere ihn an Kindheit. Und auch die Zwischenfälle dieses neuen Bandes verweisen auf Elementares: Schatten, Zimmer, Gesichter und Züge. Erst das fünfte und letzte Kapitel ist ganz einem Dorf gewidmet; nicht Hainichen, wo Altmann 1963 geboren wurde und das immer wieder in seinen Texten auftaucht, sondern Bomsdorf.

Ob es diesen Ort wirklich gibt oder es sich hier um eine dichterische Erfindung handelt, ist ganz nebensächlich, solange das Unfertige, Unvollkommene, mit Wallace Stevens, "so heiß in uns ist, / In brüchigen Worten, in störrischen Lauten", wie bei Andreas Altmann. Den amerikanischen major poet hat er sich übrigens zum Patron seiner neuen Gedichtsammlung erwählt.

"ich fuhr mit dem bus durch den wald, / war zu groß für die bäume, zu schnell", so beginnt die "geschichte des Schnees". Bei manchen Dingen ist das Tempo entscheidend. Andreas Altmanns Gedichte verlangsamen unseren Blick und laden uns ein, genauer hinzuschauen. Störrisch-treu im besten Wortsinne ist diese dichterische Stimme, die es zu entdecken gilt, sich geblieben.

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