Welt : Die Wahrheit hinterlässt Spuren

Aussagepsychologen können erkennen, ob eine Zeugenschilderung echt oder erfunden ist

Jana Hauschild

Wenn vor Gericht Aussage gegen Aussage steht, kommen psychologische Gutachter zum Zug. Sie sollen sagen, ob die Aussage des vermeintlichen Opfers glaubhaft ist. Statt eindeutiger Fingerabdrücke am Tatort suchen Rechtspsychologen Spuren von Wahrheit in den Aussagen. Denn etwas tatsächlich Erlebtes hinterlässt in einer Aussage Spuren, die einer erfundenen meist fehlen.

In den ersten wissenschaftlichen Studien 1989, die diese Annahme fundieren sollten, wurden Kinder gebeten, von einer Operation zu berichten, Frauen sollten von einer Geburt oder Männer von einer Schlägerei erzählen. Manche hatten diese Umstände schon selbst erlebt und konnten aus Erfahrung berichten. Die anderen mussten eine Aussage erfinden. Bei allen Versuchen bestätigten die Forscher, was die Gutachter all die Jahre annahmen. Sie fanden deutliche Qualitätsunterschiede zwischen den Aussagen mit erlebtem Hintergrund und denen ohne tatsächliche Erfahrung.

Und für die Arbeit der Gutachter wurden dabei 19 Merkmale herausgefiltert, die als Hinweis auf ein reales Erlebnis dienen. Seit dem Urteil des Bundesgerichtshofs 1999 sind diese Merkmale Pflichtbestandteil jeder Begutachtung von Zeugenaussagen. Gutachter müssen unter anderem untersuchen, ob die Aussage in sich logisch ist, ob viele Details vorkommen oder ob Gespräche, eigene Gedanken und Gefühle berichtet werden.

Nicht alle 19 Kennzeichen müssen in einer Aussage vorkommen, denn nicht bei jedem Vorfall gibt es etwa ein Gespräch. Wie viele Details ein Zeuge in seiner Aussage erinnert, kann auch vom Geschehen selbst abhängen. „Manche Vorfälle dauern nur Sekunden, da gibt es nicht immer viel zu erzählen. Bei Handlungen, die über Jahre verlaufen, erwarten Gutachter hingegen mehr Details“, erklärt Renate Volbert, die als Professorin an der Charité in Berlin bereits hunderte Gutachten verfasst hat. Wenige Merkmale bedeuten hingegen nicht zwingend, dass die Aussage erfunden ist. Wie viele Spuren eine echte Erfahrung in der Aussage hinterlässt, hängt auch von den Zeugen ab. Wenn Zeugen wenig Motivation haben, auszusagen, oder es sehr junge Kinder sind, dann kann die Qualität der Aussage gering sein, auch wenn etwas wirklich erlebt wurde.

Aussagen mit Lücken hingegen müssen nicht auf erfundenen Inhalt hinweisen. Immer wenn der Zeuge zugibt, sich an manche Momente nicht genau zu erinnern, wenn er seine Schilderung berichtigt, dann wirkt das verdächtig, macht den Zuhörer skeptisch. Nicht aber den Aussagepsychologen. „Ein Lügender würde in der Regel nicht von sich aus auf Mängel in seiner Aussage hinweisen. Er möchte sich schließlich als glaubwürdiger Kommunikator präsentieren, während ein Zeuge mit wahrer Aussage nicht so ausdrücklich bemüht ist, sich als makellos darzustellen“, erklärt Volbert.

Aber kann ein gewiefter Lügner sich diese Merkmale nicht auch einfach antrainieren, um die perfekte Falschaussage abzuliefern? Renate Volbert und ihre Kollegen haben das mit Studenten ausprobiert. Die trainierten Lügner waren danach nur schwer von richtig Aussagenden zu unterscheiden. Für Volbert dennoch kein Grund zur Panik: „Jemand müsste die Kennzeichen schon sehr intensiv studieren. Und dann kommt er in eine Befragungssituation, in der unerwartet nachgefragt wird und er schnell widerspruchsfrei antworten muss. Praktisch halte ich es für wenig wahrscheinlich, dass sowas in der Realität passiert.“ Wenn doch der Verdacht besteht, dann ergibt sich für den Gutachter ein neuer Pfad auf der Spurensuche.

Aber auch ohne die Merkmale zu trainieren, ist eine perfekte Lüge eine geistige Hochleistung. Deswegen prüft der Gutachter schließlich auch, ob jemand intellektuell überhaupt fähig wäre, eine Aussage in dem Umfang zu erfinden wie die vom Zeugen gemachte. Jede Lüge braucht zudem ein Motiv, auf dessen Suche sich ein Gutachter ebenfalls begibt.

Am Ende steht bei jedem Zeugen die Frage, ob seine Aussage glaubhaft ist. Eine handfeste Antwort darauf kann jedoch auch der Gutachter nicht liefern. Das Ergebnis seiner Spurensuche kann er nur in Wahrscheinlichkeiten ausdrücken.

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