• Dokumentation bei Phoenix: Österreich - das Land, in dem Heimkinder brutal missbraucht und misshandelt wurden

Dokumentation bei Phoenix : Österreich - das Land, in dem Heimkinder brutal missbraucht und misshandelt wurden

Missbrauch mit System: In Österreich brechen die ehemaligen Insassen von Kinderheimen ihr Schweigen.

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Mädchen, die als Neue zu den Nonnen ins Heim kamen, mussten die ersten Nächte zum Schlafen in einem Kellerraum unter der Kirche verbringen. Zum Eingewöhnen, hieß es. Das war kein falsches Versprechen. Hilde, heute eine Erwachsene, erinnert sich an das Inventar des ungeheizten, unbeleuchteten Kellers bei den „Schwestern vom guten Hirten“: ein Hocker, ein Kübel, ein schimmelnder Strohsack, ein Plastiknapf für Nahrung. „Man hat uns erzählt, wir sind Teufel“, erinnert sich Hilde, die in den 1960er Jahren Heimzögling in Österreich war. Kinder wie Hilde hatten geschiedene oder alleinerziehende Mütter, hatten kranke Eltern oder waren, wie es heute heißt, „verhaltensauffällig“. Markus’ Mutter gab ihn mit sechs ins Heim. „Weil ich ein schlimmes Kind war“, sagt der Erwachsene. In der Akte des Jungen war zu lesen, dass die Mutter ihn „hasst“; solche Zeilen lasen sich wie ein Freibrief für Misshandler und Missbraucher.

Von den 50er bis in die 80er Jahre hinein erfuhren rund 100 000 Kinder und Jugendliche in Österreich in staatlichen wie in kirchlichen Heimen eine Behandlung, die heutige Fachleute offen mit der Praxis faschistischer Einrichtungen vergleichen, aus denen das Personal teils sogar kam. Jahrzehntelang wurden die Taten in den Heimen und Internaten vertuscht, geleugnet oder bagatellisiert – in allen betroffenen Ländern. Jetzt bricht aber überall das Schweigen, zuletzt nun auch in Österreich, dem Land, das vor kurzem erst international durch die traumatischen Fälle des Täters Fritzl oder des Opfers Natascha Kampusch bekannt wurde.

In der Dokumentation „Missbraucht und misshandelt – Skandal in Österreichs Kinderheimen“, die Phoenix heute Abend sendet, lässt die Dokumentarfilmerin Susanne Glass sie zu Wort kommen. Hilde, Markus, Sandra, Robert sind heute 50 Jahre und älter. Sie sind einige der etwa 2500 bis 3000 Opfer, die sich bisher gemeldet haben. In den Heimen habe „eine Alltagskultur der exzessiven Gewalt“ geherrscht, konstatiert der Sozialhistoriker Reinhard Sieder, Leiter einer Kommission, die im Auftrag der Stadt Wien Licht ins Dunkel bringen soll. Hans Weiss, Autor des 2012 erschienen Buchs „Tatort Kinderheim“, stuft die Taten als „das größte Verbrechen in der zweiten Republik in Österreich“ ein. Weibliches Personal war laut Weiss ebenso an den Sadismen gegen Kinder beteiligt, wie männliches Personal, und Jungen wurden ebenso oft missbraucht wie Mädchen. Einige Heimkarrieren erweckten, wie Weiss in seinem Buch schreibt, den Eindruck, das Jugendamt habe wie in einem „österreichweiten Test“ ausprobiert, welches Ausmaß an Gewalt Kinder aushalten.

Viele der Täter sind inzwischen tot. Auch die Kinderpsychiaterin Maria Nowak-Vogl lebt nicht mehr, deren Fall erstmals 1980 in Österreich ans Licht kam, der aber erst 2012, im Zuge der weltweiten Enthüllungen, für Schlagzeilen sorgte. Die Innsbrucker Neurologin ließ in ihrer Klinik Kinderbetten mit Kameras überwachen und installierte „Feuchtigkeitsmelder“ auf den Matratzen von Bettnässern. Einem Vater, der seiner Sechsjährigen zwei Fingerglieder amputiert hatte, damit sich das Kind nicht mehr selbst befriedigte, wollte Nowak-Vogl nichts vorwerfen. Ihre eigene Klinik nutzte Kinder ja für medizinische Experimente. Persönlich injizierte die Ärztin einigen Mädchen das „triebhemmende“ Mittel Epiphysan, ein Hormonpräparat, das in der NS-Veterinärmedizin entwickelt worden war.

Mehrere Kommissionen arbeiten an der Aufklärung der meist verjährten Fälle. Von einem der ärgsten Tatorte, der Wiener Mädchenanstalt Schloss Wilhelminenberg, hieß es einst informell, dort handle es sich um ein „Hurenausbildungsheim“. Ehemalige Heimkinder berichten der heute mit dem Fall betrauten Richterin Barbara Helige, sie seien in Wilhelminenberg systematisch männlichen Besuchern zum Sex angeboten worden. Gezweifelt, verdrängt wird jedoch noch immer in der österreichischen Mehrheitsgesellschaft. Sie befindet sich offenbar, konfrontiert mit ihrem „Missbrauchtum“, mitten in einer Reifeprüfung. Caroline Fetscher

„Missbraucht und misshandelt – Skandal in Österreichs Kinderheimen“, Dokumentarfilm, Phoenix, Mittwoch, 21 Uhr.

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