• Entführungsfall in Meißen: 17-jährige Anneli aus Sachsen von Entführern getötet
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Entführungsfall in Meißen : 17-jährige Anneli aus Sachsen von Entführern getötet

Die 17-jährige Anneli-Marie ist in Meißen entführt worden. Die Täter forderten Lösegeld. Am Montagabend wurde die Leiche einer jungen Frau entdeckt. Nun bestätigte die Polizei, dass es sich um die entführte Tochter eines Unternehmers handelt.

von und Sandro Rahrisch, Ulrich Wolf, Karin Schlottmann
Im Entführungsfall der siebzehnjährigen Anneli-Marie R. aus dem Raum Meißen durchsucht die Polizei am Montag (17.08.2015) einen leer stehenden Vierseithof in einem kleinen Ortsteil in der Gemeinde Klipphausen.
Im Entführungsfall der siebzehnjährigen Anneli-Marie R. aus dem Raum Meißen durchsucht die Polizei am Montag (17.08.2015) einen...Foto: imago/Robert Michael

Die 17-jährige Anneli aus Sachsen ist tot. Wie Polizei und Staatsanwaltschaft am Dienstag in Dresden mitteilten, wurde die Unternehmertochter von ihren Entführern getötet. Bei der am Montagabend auf einem Hof bei Meißen gefundenen Leiche handele es sich um die seit Donnerstag vermisste Gymnasiastin, sagte Dresdens Polizeipräsident Dieter Kroll. „Alle Hoffnungen und Gebete haben sich nicht erfüllt. Sie wurde das Opfer eines Tötungsverbrechens."

Nach Erkenntnissen der Polizei hatten zwei Männer der 17-Jährigen aufgelauert, als sie am Donnerstagabend den Hund der Familie mit dem Fahrrad ausführen wollte. Laut Kroll brachten sie Anneli in ihre Gewalt und verfrachteten sie in ein Auto. Mit dem Handy des Mädchens hätten sie dann denn Vater von der Entführung informiert und 1,2 Millionen Euro Lösegeld verlangt. Auf die Spur der Täter hätten auch DNA-Spuren unter anderem an dem Fahrrad des Mädchens geführt. Bereits am Montag waren in Dresden und im bayerischen Bamberg zwei Männer festgenommen worden. Der in Dresden festgenommene Tatverdächtige habe schließlich den Hinweis auf den Fundort der Leiche gegeben.

Mehr als 1200 Beamte seien in die Suche nach dem Mädchen eingebunden gewesen, hieß es weiter. Die Ermittler hatten bereits am Sonntag die erste Spur zu einem Tatverdächtigen gehabt. Von ihm seien DNA-Spuren am Fahrrad der 17-Jährigen gesichert worden, sagte Kroll. Diese Spuren hätten einen Treffer in der Datenbank ergeben und zu einem vorbestraften Mann geführt. Insgesamt wurden zwei Männer als mutmaßliche Täter festgenommen.

Die Entführer haben die 17-jährige nach Auffassung der Ermittler nicht zufällig als Opfer ausgesucht. Mindestens einer der beiden habe die junge Frau vermutlich vom Sehen gekannt. Außerdem hätten sich die mutmaßlichen Täter vor der Entführung wohl bei Facebook über ihr Opfer informiert.

Die Ermittler gehen jedoch von eher schlecht vorbereiteten Tätern aus. Die Pläne des inzwischen festgenommenen Duos hätten nicht sehr weit gereicht, sagte Kriminaloberrat Detlef Lenk. Es sei davon auszugehen, dass die beiden Männer nach den ersten Kontakten zur Familie der 17-Jährigen nicht weitergewusst hätten. Annelis Leiche war am Montagabend auf einem Hof entdeckt worden. Umgebracht wurde sie den Angaben zufolge wahrscheinlich bereits am Freitag, einen Tag nach der Entführung.

"Die Ermittlungen beginnen jetzt erst richtig“, sagte Polizeipräsident Kroll am Dienstag weiter. Die Verdächtigen würden parallel zur Pressekonferenz der Polizei dem Haftrichter vorgeführt. Die gerichtsmedizinische Betätigung stehe noch aus. Zur Todesursache sagten die Fahnder noch nichts.

Laut Polizei gibt es keine Hinweise auf ein Sexualdelikt. Oberstaatsanwalt Erich Wenzlich sprach am Dienstag von einem „Verdeckungsmord“. Die Täter seien bei der Entführung nicht maskiert gewesen. Deshalb hätten sie sich entschlossen, das Mädchen umzubringen. „Habgier wird auch im Spiel sein.“ Wahrscheinlich sei das Mädchen am Freitag gestorben, so die Fahnder.

Einer der mutmaßlichen Entführer war wegen eines Sexualdelikts den Ermittlern bekannt. Das teilten die Fahnder am Dienstag in Dresden mit. Der 39-Jährige sei außerdem wegen Brandstiftung und Versicherungsbetrugs aktenkundig. Das Sexualdelikt liege dabei länger zurück als die anderen Delikte. Rechtskräftig verurteilt sei er nicht.

Am Montag waren in dem Vermisstenfall zwei Männer im Alter von 39 und 61 Jahren festgenommen worden - in einem Ort bei Bamberg in Bayern und in Dresden.

Lampersdorf wird regelrecht belagert

Für Kinder, die hier wohnen, muss Lampersdorf bisher ein Paradies gewesen sein: zwei Schaukeln, eine Kletterburg, eine Rutsche, ein Sandkasten im Schatten großer Laubbäume. Gleich dahinter beginnen Wiesen und weite Felder, begrenzt von kleinen Büschen, in denen man sich herrlich verstecken könnte. Doch Kinder spielen hier schon länger nicht mehr. Nun tummeln sich dort nur Polizisten.

Die 17 Jahre alte Anneli-Marie R. wird seit vergangenem Donnerstag vermisst.
Die 17 Jahre alte Anneli-Marie R. wird seit vergangenem Donnerstag vermisst.Foto: dpa

Der 150-Seelen-Ort Lampersdorf, einem von 43 Ortsteilen der Gemeinde Klipphausen im Landkreis Meißen, wird regelrecht belagert. Ein Polizeihubschrauber, ausgestattet mit Wärmebildkameras, kreist am Himmel. Uniformierte suchen mit Stöcken einen kleinen Hang ab. Die Straße Baeyerhöhe, die ins Nachbardorf Lotzen führt, ist fast blockiert mit Autos von Reportern und Übertragungswagen der Fernsehsender: Es ist Tag vier nach der Entführung der 17-jährigen Anneli-Marie R., Tochter eines Bauunternehmers aus der Meißner Region.

Leerstehendes Wohnhaus durchsucht - und Wohnungen in Dresden

Seit 1839 steht der dort, vor acht Jahren wurde er saniert. Fachwerk und zwei alte Wagenräder zieren das Haus mit 140 Quadratmetern Wohnfläche und 7000 Quadratmeter Grundstück. Die Immobilie, die für 229000 Euro zum Verkauf steht, liegt gut zehn Kilometer von der Verbindungsstraße entfernt, an der Anneli-Marie R. gekidnappt wurde und wo man ihr Fahrrad fand.

Auf einem Hof in Lampersdorf hat die Polizei die Leiche einer jungen Frau gefunden. Es handelt sich wahrscheinlich um Anneli.
Auf einem Hof in Lampersdorf hat die Polizei die Leiche einer jungen Frau gefunden. Es handelt sich wahrscheinlich um Anneli.Foto: Arno Burgi/dpa

„Ja, der ganze Komplex steht leer“, sagt Nachbarin Ines Weser. Sie betreibt einen kleinen Luftballonladen. Ihre Nachbarn seien weggezogen: ein Ehepaar mit zwei Kindern und der Oma, so viel sie wisse nach Bayern. Ihr Nachbar sei oft auf Achse gewesen, vielleicht habe er in Bayern eine feste Stelle gefunden. Seine Familie habe unauffällig gelebt, einen engen Kontakt hätte man aber nicht gehabt. „Jedenfalls ist gegen halb eins in der Nacht die Polizei gekommen“, sagt sie. Seitdem werde das Grundstück auf den Kopf gestellt. Das Scheunentor steht weit offen. Im Hof steht ein roter Container. Sein Inhalt, offensichtlich durchsuchtes Gerümpel, liegt verstreut auf dem Pflaster.

In den Fall verwickelt sollen zwei Männer (39 und 61 Jahre) sein, die im Laufe des Montags in Dresden und einer bayerischen Stadt festgenommen wurden. Der eine soll einem „Bild“-Bericht zufolge Edelmetallhändler in Dresden sein, der Mann aus Bayern ein arbeitsloser Koch. Einer von ihnen soll demnach während des Verhörs einen Hinweis auf die Leiche gegeben haben. Eine Polizeisprecherin bestätigte die Durchsuchung einer Wohnung in Dresden-Cotta. Ein Spezialeinsatzkommando der Polizei hatte am Montagmorgen offenbar mehrere Wohnungen gestürmt.

In der Nähe von Meißen in Sachsen sucht die Polizei mit großem Aufwand nach der mutmaßlich entführten Jugendlichen.
In der Nähe von Meißen in Sachsen sucht die Polizei mit großem Aufwand nach der mutmaßlich entführten Jugendlichen.Foto: Christian Essler/dpa

Die Polizei suchte mit Hunden, Hubschrauber und Wärmebildkameras

Auf der Wiese am Buswendeplatz in Lampersdorf landet am Montagnachmittag ein Polizeihubschrauber. Ein Polizist brüllt ins Funktelefon: „Wir müssen jetzt wissen, was gemacht werden soll.“ Kurz darauf steigt der Helikopter wieder auf, kreist nochmals etwa eine halbe Stunde über Lampersdorf und verschwindet dann. Was genau gesucht wird – ein Handy, ein Kleidungsstück oder gar Anneli selbst –, erklärt die Polizei nicht. Ein Sprecher bestätigt nur einen „Zusammenhang mit dem Entführungsfall“. Anneli hatte das Wohnhaus ihrer Eltern im Klipphausener Ortsteil Robschütz am Donnerstag gegen halb acht abends verlassen, um den Familienhund auszuführen.

Auf einem teilweise asphaltierten Feldweg zwischen Luga und der Bundesstraße 101 verschwand sie wenig später. Ein Spürhund hatte die Polizei dann von dort zu einem nahe gelegenen Hof geführt, den ein Spezialeinsatzkommando am Freitagmorgen durchsuchte. Die Jugendliche war dort aber nicht gefunden worden. Der Beagle, mit dem sie spazieren war, ist wieder aufgetaucht – wo und unter welchen Umständen blieb unklar. Auch hierzu wollten die Ermittler nichts sagen.

Nach Ansicht des Bundes Deutscher Kriminalbeamter erschwerte die Beteiligung der Öffentlichkeit die Suche: „Das macht es jetzt nicht einfacher, ganz im Gegenteil“, sagte der Vize-Vorsitzende des Verbandes, Ulf Küch. Staatsanwaltschaftssprecher Haase sagte indes, man habe sich bewusst entschieden, den Fall publik zu machen. Man erhoffe sich dadurch mehr Erkenntnisse, hieß es schon am Sonntag. Am Dienstag wurde die Befürchtung dann offiziell bestätigt. (mit dpa)

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