• Es gibt viele Spielarten von Bestechung und Bestechlichkeit im deutschen Journalismus

Welt : Es gibt viele Spielarten von Bestechung und Bestechlichkeit im deutschen Journalismus

Adolf Theobald

Rudolf Augstein hat heute Geburtstag, wird 76. Kein besonderer Anlass zu gratulieren, aber ein willkommener, um daran zu erinnern, dass der "Spiegel"-Herausgeber nicht nur sein Blatt geprägt, sondern auch sein Haus sauber gehalten hat. Er zahlt seine Redakteure so gut, schenkte ihnen sogar die Hälfte des Gewinns, so dass die finanzielle Unabhängigkeit der "Spiegel"-Redaktion bis heute gewahrt blieb. Die Hemmschwelle für Versuchungen ist dort sehr hoch. Und Versuchungen gibt es im Journalismus.

Ein Bekenntnis vorab: (Fast) alle Journalisten sind integer, unbestechlich, der Wahrheit und nur der Wahrheit verpflichtet. Aber es gibt ein paar schwarze Schafe und vielleicht sind es ein paar zuviel.

Früher dachte ich, Reisejournalisten seien besonders anfällig für Gefälligkeiten, die ihnen so manche Sicht der Dinge gefälliger erscheinen lassen. Wer schläft nicht gern gratis in Betten, die man sich privat nicht leistet? Aber dann kamen die Gastrokritiker dazu, von denen einer behauptete, er sei der Einzige, der unbestechlich sei, was wiederum ein Hohngelächter unter seinen Kollegen provozierte. Dann der ein oder anderer Finanzjournalist, der sich mit Tipps und Trends der Börse nicht nur im Interesse seiner Leser befasste. Aus Erfahrung weiß ich: Hier geht es um mehr als kostenloses Fliegen, Schlafen, Dinieren. Die Summen, die über Insider-Infos zu holen sind, können beträchtlich sein. Man muss nur frühzeitig Aktien kaufen, seine Kenntnisse zur rechten Zeit veröffentlichen und nach der publizistisch verbreiteten Hausse rechtzeitig abstoßen. Gewinnmitnahme nennt das die Branche. Das war zwar nicht ohne Risiko, denn wer aufflog, flog, ging dann gleich zur Börse, zwar mit einem Fleck auf der Weste, aber dem Geld in der Tasche. Nun scheint es noch ein viertes Grüppchen von Kollegen zu geben, denen ein moderates Redakteursgehalt oder ärmliches Zeilenhonorar zu wenig ist. Informationshonorar heißt das Schlüsselwort und meint das Gegenteil. Man zahlt nicht für Informationen (im Journalismus als Scheckbuchjournalismus verpönt), sondern wird belohnt, indem man Infos bekommt. Die Gegenleistung: Man muss darüber auch schreiben.

Neulich erzählte mir ein pensionierter Medienmanager, an wen sein altes Haus wieviel gezahlt hat, auf dass über das Management entweder günstig oder manchmal auch nicht berichtet werden sollte. Die Summen waren beachtlich. Seitdem ich sie kenne, lese ich Berichte über Medien etwas anders und stelle fest: Vereinzelt wird hier mehr Politik als Journalismus betrieben. Die hemmungslose, selbstverständliche Kommerzialisierung beim Privatfernsehen hinterlässt ihre Spuren auch bei Print. Wenn sich zum Beispiel die Medienpolitik der Länder mit den Wünschen der großen Mediengesellschaften (Lizenzen, Börsengang, Kredite) paart, kann die Presse, sofern man einen Willigen findet, gleich zweifach benutzt werden.

Der Spielarten sind viele. Das beginnt noch bescheiden beim "Schnäppchenführer für Journalisten" (angeboten im "MediumMagazin"), geht über Sponsoring der Hobbys von Kollegen, über Firmeneinladungen von Salzburg über New York bis Bayreuth. Alles inklusive. Da wirkt das Stilbuch für die Redaktion der kommenden "Financial Times Deutschland" schon fast rührend. Es regelt den Umgang mit Pressegeschenken, Bezahlung von Pressereisen bis zum Verbot von Autotests.

Und der Deutsche Presserat? Er rügt kompetent und unverdrossen alles Geschriebene, was gegen Anstand und Moral verstößt. Was er aber nicht rügen kann: Das Ungeschriebene, das Unveröffentlichte, wenn Informationen unterdrückt werden. Auch das ein Druck-, ein Printproblem.

Und ein Problem der Verleger und damit zurück zu Augstein. Wäre seine sicher nicht uneigennützige Großzügigkeit nicht auch ein Vorbild für alle Verleger? Eine Ermunterung zu höherer Bezahlung, besserer Personalausstattung der Ressorts, größerer Unabhängigkeit? Die wenigen schwarzen Schafe wird man damit nicht schlachten. Aber einem ganzen Berufsstand könnte man so signalisieren, dass Anstand und Moral nicht nur mehr wert sind, sondern auch einen Mehrwert haben. Lieber vom Verleger bestochen als vom Versucher.

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