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ESC 2016 ohne Xavier Naidoo : Til Schweiger nennt Kritik "Form des Terrorismus"

"Wo kommt dieser Hass her?" Til Schweiger wettert bei Facebook gegen die "sogenannten Leitmedien" - nachdem Comedian Michael Mittermeier "Hetze" gegen Xavier Naidoo beklagt hatte.

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Verteidigte Xavier Naidoo in deftigen Worten: Schauspieler Til Schweiger.
Verteidigte Xavier Naidoo in deftigen Worten: Schauspieler Til Schweiger.Foto: Christian Charisius/dpa

Die Nominierung für den Eurovision Song Contest 2016 war für Xavier Naidoo keine erfreuliche Angelegenheit. Nachdem der NDR am Donnerstag bekanntgegeben hatte, dass die Soulstimme Deutschland beim Wettbewerb in Stockholm vertreten soll, prasselte Kritik auf Sender und Sänger ein. Am Samstag zogen die Verantwortlichen die Reißleine - und luden Naidoo wieder aus.

Da kam selbst der Beistand zweier Freunde zu spät. Obwohl die ziemlich deutliche Worte fanden. Schauspieler Til Schweiger und Comedian Michael Mittermeier hatten Naidoo noch am späten Freitagabend verteidigt und gleichzeitig seine Kritiker angegriffen - oder vielmehr recht pauschal die Medien.

"Was hier gerade von sogenannten Leitmedien abgezogen wird, das ist eine Form von Terrorismus!", wetterte Schweiger auf seiner Facebook-Seite. "Es gibt viele Nazis in diesem Land und mindestens genauso viele Schwulenhasser, kümmert Euch um DIE, denn Xavier gehört nicht dazu!!!!" Er sei "erschüttert" über den Umgang mit Naidoo, den er als einen der "liebsten, lustigsten und gutmütigsten Menschen im Showbusiness" kennengelernt habe.

"Wo kommt dieser Hass her?", fragte Schweiger und beklagte eine "Lust zu zerstören". Und auch an einige Politiker gerichtet, die sich zu Wort gemeldet hatten: "Haben wir im Moment, ein paar Tage nach Paris, Hannover und Mali keine anderen Probleme!?" Seine Tirade beschloss Schweiger mit: "Gute Nacht, Deutschland!!!!" Erneut vier Ausrufezeichen.

"Die billigste Form widerlicher Meinungsmache"

Schweigers Einlassungen waren eine direkte Antwort auf einen Facebook-Eintrag von Michael Mittermeier.

Der hatte ein Foto mit den befreundeten Sängern Xavier Naidoo, Rea Garvey und Sasha geteilt - und sich dabei in geradezu biblischer Manier mit Naidoo solidarisiert. "Was Ihr da draußen meinem Freund und Herzensbruder Xavier antut, das tut Ihr auch mir an!", schrieb Mittermeier. "Es ist unglaublich, mit welcher Hetze Xavier durch die Presse getrieben wird, weil er nun für uns beim ESC antreten soll."

Die Kritik an Naidoo fuße auf willkürlich zusammengestellten und aus dem Zusammenhang gerissenen Zitaten. "Das ist wirklich die billigste Form von widerlicher Meinungsmache." Konzerte der Söhne Mannheims, Naidoos Band, hätten mit "Homophobie, Rassismus und Rechtsextremismus" nichts zu tun.

"Ich glaub, mein Putin pfeift", kommentierte Mittermeier Kritik an fehlender Mitbestimmung. Auch in der Vergangenheit seien Musiker ohne Publikumswahl für den Wettbewerb nominiert worden. "Klein denkend Deutschland versinkt im Hass, das macht mich traurig", schrieb der Komiker. "Ihr müsst ihn nicht mögen, aber Ihr habt auch nicht das Recht ihn zu hassen, wenn Ihr ihn nicht wirklich kennt", rief er in die Welt "da draußen" hinein. "Wir stehen für Liebe, Menschen und Toleranz, für was steht Ihr?"

"Die 0 muss stehen"

Nach dem Rückzug des NDR legte Mittermeier in einem zweiten Facebook-Post nach: Ein "billig initiierter Presse-Shitstorm" habe "deutschlandweit ein Klima der Hetze" erzeugt, vor dem der Sender eingeknickt sei. Ein drohender Schaden für den Song Contest? "Ich würd ja sagen, all die gesamtteilnehmerischen grottenschlechten bis mittelmäßigen Musikbeiträge in den letzten Jahren haben dem ESC mehr geschadet", schrieb Mittermeier. "Mal schauen, welches singende Falschgeld nun für uns Deutsche antreten wird."

Beißender Spott auch für jene, die Naidoo ein Faible für Verschwörungstheorien attestieren. Es könnte sich natürlich auch um "eine große Fußballverschwörung" handeln. Devise: "Die 0 muss stehen!" Und dann die finstere Drohung: "Jetzt können uns nur noch Gott oder Helene Fischer retten ... oder Gotthilf Fischer ..."

Eine Anzeige gegen Horst Köhler - wegen "Hochverrats"

Zehntausende spendierten allen drei Einträgen ein "Gefällt mir". Bis Sonntagmittag wurden sie über sechstausend Mal kommentiert, zustimmend wie ablehnend. Was weder Schweiger noch Mittermeier näher belegten: ihren globalen Kampagnenvorwurf gegen den Journalismus. Wenig überraschend hatte sich nach Naidoos Nominierung in den sozialen Medien schnell Protest geregt, der in den Nachrichten aufgegriffen worden war. Mehrere Petitionen richteten sich gegen eine ESC-Teilnahme des Sängers. Es meldeten sich allerdings auch Befürworter: ESC-Kenner Jan Feddersen sprach sich in der taz für ihn aus, Medienredakteur Joachim Huber im Tagesspiegel. Nur entschied sich der NDR schneller um, als eine Debatte in Gang kommen konnte.

In der Vergangenheit hatte Naidoo wiederholt Kritik auf sich gezogen. 2012 warf ihm die Linksjugend Homophobie vor, nachdem er in einem Lied Sexualstraftäter mit Schwulen in Verbindung gebracht hatte. Im vergangenen Jahr hatte er am Tag der Deutschen Einheit in Berlin vor sogenannten Reichsbürgern gesprochen, die der Bundesrepublik die Legitimität aberkennen. Ganz in diesem Sinne sagte Naidoo wiederholt, dass Deutschland kein souveränes Land sei.

Erst im März dieses Jahres ging er in einem Interview des Leitmediums Stern ausführlich darauf ein. Zudem erzählte er, dass er sich schon einmal einer "Anzeige wegen Hochverrats" gegen Altbundespräsident Horst Köhler angeschlossen habe. Die Beamten auf der Polizeiwache hätten zunächst "Hochfahrrad" verstanden - und ihn dann zum Alkoholtest gebeten. Dabei sei er doch nur "Wahrheitssuchender". Und gewiss kein Verschwörungstheoretiker.

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1 von 11Foto: dpa
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