Esoterik : Das Geheimnis der Orbs

Mysteriöse weiße Flecken auf Fotos regen die Fantasie an: Sind es verwaiste Seelen? Esoteriker behaupten, diese Form spare Energie beim Wechseln der Sphären. Forscher sind anderer Meinung.

Ralf Schönball
Orbs
Die durchsichtigen, milchigen Kugeln gibt es nur auf Digitalfotos - vor allem, wenn sie in Altbauten aufgenommen wurden. -Foto: privat

Sie sind rund, von milchigem Weiß und wirken durch die wulstigen Umrisse organisch. Zwei von ihnen haben wir mit der Digitalkamera auf Bild gebannt: im Eingang eines Wohnhauses, Baujahr 1890, unter den besorgten Blicken der beiden Putten, die sich vom Stuck an den Decken herunterbeugen. Wir sind nicht die Ersten, die „Orbs“ aufnahmen in einem alten Gemäuer, das Zeuge von Geburten und Todesfällen sowie von Schicksalen aller Art wurde. In Altbauten oder verwunschenen Häusern fotografiert man Orbs am Häufigsten – das ist im Internet zu lesen. Es ist voller Zeugnisse dieses „okkulten Phänomens“. In den Tiefen des Webs endet der Spuk aber auch. Denn auch die wissenschaftliche Erklärung der Orbs ist eine runde Sache – und überzeugend dazu.

Im Englischen heißt „Orb“ einfach nur Kugel. Doch findige Geister merken an, dass die Silbe „orb“ vom lateinischen Wortstamm „orbus“ abgeleitet sei, zu deutsch: der „Waise“. Für die Freunde des Okkulten fügt sich das gut ein in ihre esoterische Weltendeutung: Danach sind „Orbs“ die verwaisten Seelen von Verstorbenen. Diese irren einsam in einer Zwischenwelt umher. Den Menschen erscheinen sie aber immer wieder, weil sie zum Zeitpunkt des Todes noch voller menschlicher Begierden waren und deshalb ihre Fesseln an diese Welt nicht lösen konnten.

Warum aber erscheinen die vielen so verschiedenen Geister alle in derselben zum Verwechseln ähnlichen Gestalt? Die kugeligen Seelen erklären die Esoteriker mit ganz profanen physikalischen Grundsätzen: Die Kugel sei die energiesparendste Form – sehr praktisch für die anstrengenden Reisen durch die Sphären. „Theoretisch könnten die Seelen auch Geistergestalt annehmen, aber das würde sehr viel Energie verbrauchen“, heißt es zum Beispiel auf der Website „Paranormal.de“. Energiesparen ist auch im Jenseits ein wichtiges Thema.

Aufschluss über das innerste Wesen der Orbs gibt die Website „Geister-und- Gespenster.de“: Was auf den Bildern der Digitalkameras zu sehen ist, sei eine „von den Geistern ausgeschiedene Substanz“ mit dem Namen „Ektoplasma“. Doch „aus irgendeinem seltsamen Grund ist das Ektoplasma für das nackte Auge oft nicht sichtbar“. Für Kameras dagegen schon, denn diese seien „sensibler als das menschliche Auge“.

Kein Wort verlieren die „Geisterseher“ darüber, dass sich die Orbs erst mit dem Siegeszug der digitalen Kompaktkamera in Scharen auf Schnappschüsse und Ferienbilder mogeln konnten. Für die „Gesellschaft der wissenschaftlichen Untersuchung ungewöhnlicher Phänomene“ ist dieser Zusammenhang der Schlüssel für die Erklärung der Orbs. Die Digitalkameras seien deren Ursache, die abgelichteten Kugeln deren Wirkung. Die Besonderheit der digitalen Kompaktkameras bestehe darin, dass das Blitzlicht sehr nah an der Linse des Apparats angebracht sei. Dadurch würden beim Auslösen des Blitzes oft kleine Staubpartikel auf dem Bild sichtbar: die Orbs.

Die Wissenschaftler erläutern dies auf der Website „theorbzone.com“ anhand eines bekannten Phänomens. Wer im Kino oder bei einer Diavorführung in den Strahl des Projektors blickt, sieht eine Vielzahl weißer Staubpartikel, die im Licht tanzen. Diese sind auf der Leinwand unsichtbar, weil sie außerhalb des Fokus liegen. Die besondere Bauform der kompakten Digitalkameras führe aber dazu, einzelne dieser Staubkörnchen in den Fokus zu rücken und sie so auf das Bild zu bannen. Die Wahrscheinlichkeit, ein Orbs-Bild zu schießen, ist daher umso größer, je mehr Staub aufgewirbelt ist. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, Orbs-Bilder zu schießen, in alten Gemäuern oder auf staubigen Plätzen im Freien größer als etwa in Neubauten. Grundsätzlich gebe es aber überall, wo Menschen sich aufhalten, Staub genug für Orbs-Bilder, weil allein schon die Atmung kleinste Kleidungs- oder Hautpartikel in Mengen durch den Raum wirble.

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