Ethik und Wohlstand : Reich kennt keine Regeln

Eine Studie belegt: Arme Menschen halten sich mehr an ethische Prinzipien und Gesetze – Wohlhabende lügen und betrügen mehr. Laut der Studie haben reiche Menschen ein positiveres Verhältnis zur Gier entwickelt.

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Das Anwesen von Megaupload-Betreiber Kim Schmitz.
Das Anwesen von Megaupload-Betreiber Kim Schmitz.Foto: dpa

Reiche haben es schwer. Schon Jesus von Nazareth hat ihnen nichts Gutes gewünscht. „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass ein Reicher in das Reich Gottes gelangt“, heißt es im Markus-Evangelium. Platon und Aristoteles waren der Ansicht, dass der Wunsch nach materiellen Gütern auf Kosten moralischer Prinzipien gehe. Das Bild vom Reichen hat sich in den letzten Jahren nicht verbessert. Die Bankenkrise konnte den Glauben an die Segnungen des Finanzkapitalismus nicht stärken und Bewegungen wie „Occupy Wall Street“ haben die westlichen Gesellschaften nachhaltig polarisiert in Reiche und die restlichen 99 Prozent. Während der „Spiegel“ sich jetzt mit einer großen Serie in die Reichen hineinversetzen möchte und Verständnis für sie weckt, kommt aus Kalifornien eine Studie, die die alten Griechen zu bestätigen scheint.

Die Wissenschaftler um Paul K. Piff von der Universität von Kalifornien, die ihre Ergebnisse im Fachblatt „PNAS“ veröffentlichten, fanden in Experimenten heraus, dass Wohlhabende ethische Prinzipien und Gesetze weniger achten als Arme. Mehr noch: Wohlhabende nehmen anderen Menschen eher etwas weg, sie lügen eher in Verhandlungen, wenn es ihnen nützt und sie sind eher bereit zu betrügen, wenn es darum geht, einen Preis zu gewinnen. Plausibel wäre auch die umgekehrte Schlussfolgerung: Weil Menschen sich nicht an die Werte und Regeln der Mehrheit halten, können sie reich werden. Aber die Forscher sehen einen klaren Zusammenhang zwischen Reichtum und dadurch erzeugter Regelverletzung.

Sie untersuchten das Verhalten im Verkehr und fanden heraus, dass reiche Autofahrer signifikant öfter Fußgängern, die auf einem Zebrastreifen eine Straße überqueren wollen, den Weg abschneiden, obwohl dies gesellschaftlich klar geächtet und in Kalifornien per Gesetz bestraft wird. Sie nahmen auch öfter anderen Fahrern die Vorfahrt, obwohl sie durch ein verbindliches Stoppschild zum Halten aufgefordert waren. In einer Folgestudie wurde Versuchsteilnehmern eine Bonbonschachtel überlassen mit dem Hinweis, sie seien für Kinder in einem Nebenraum gedacht, aber sie könnten sich auch etwas nehmen. Reiche griffen eifrig zu, Arme nicht.


Der Schlüssel für dieses Verhalten liegt nach Ansicht der Forscher darin begründet, dass Reiche ein positives Verhältnis zur Gier haben, was in der Studie eindeutig festgestellt wurde. Mitglieder der Unterschicht haben eher ein abwehrendes Verhältnis zur Gier. Gelang es in einer Versuchsanordnung, Mitgliedern der Unterschicht die Vorteile der Gier zu vermitteln, dann zeigten sie im Anschluss ähnliche Verhaltensweisen wie die Reichen.
Eigentlich könnte man meinen, Arme, die wenig materiellen Spielraum haben, würden eher Regeln verletzen. Es ist aber umgekehrt.

Die Forscher vermuten, dass die Tatsache, dass Reiche Spielraum haben und sich weniger mit anderen Menschen und widrigen Verhältnissen arrangieren müssen, dazu führt, dass sie keinen Anlass sehen, sich an Regeln zu halten, die für enge Lebensverhältnisse wichtig sind.

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