Fall Maddie : Wie Madeleine McCann heute aussehen würde

Experten sind in der Lage, Gesichter auf Fotos altern zu lassen. Lesen Sie hier die ausführliche Dokumentation des Journalisten und Buchautors Michael Jürgs, die der Tagesspiegel im vergangenen Jahr veröffentlichte. Darin wird die Zeit von Maddies Verschwinden präzise rekonstruiert.

Michael Jürgs
Maddie zum Zeitpunkt der Entführung und im Alter von neun Jahren.
Maddie zum Zeitpunkt der Entführung und im Alter von neun Jahren.Foto: dapd

Madeleine McCanns Gesicht mag länger und dünner geworden sein – aber Augen und Mund sind auf dem Fahndungsfoto der britischen Polizei unverkennbar. Die britische Phantombild-Zeichnerin Teri Blythe fertigte im Auftrag von Scotland Yard Portraits einer neunjährigen Madeleine an. Die selbsternannte „forensische Künstlerin“ arbeitet mit der britischen Polizei, dem FBI und Organisationen, die nach Vermissten suchen. Teri Blythe nutzt kein komplexes Simulationsprogramm, sondern lediglich Photoshop. „Alterungs-Software“ kombiniert Fotos des Vermissten mit tausenden Fotos von Menschen gleichen Alters, Geschlechts und ethnischer Zugehörigkeit. Blythe hingegen baut ihre Phantombilder neu zusammen.

Die britische Phantombild-Zeichnerin Teri Blythe fertigte die Bilder einer gealterten Maddie

Im Fall McCann sammelte sie zuerst so viele Fotos wie möglich – von Madeleine, aber auch von ihren Eltern im Kindesalter und den siebenjährigen Zwillingsgeschwistern Amelie und Sean. Als Nächstes vergrößerte sie Madeleines Gesicht auf die richtigen Proportionen. Dabei achtete sie darauf, die wichtigsten Erkennungsmerkmale Nasenspitze, Stirn und Kinn nur behutsam zu verändern. Haarfarbe und Frisur von Madeleine musste der auf alten Fotos entsprechen, damit sie Betrachter nicht vom Gesicht ablenkt. Immer wieder traf sich Teri Blythe während ihrer monatelangen Arbeit mit den McCanns und arbeitete deren Hinweise in ihre Bilder ein – bis die Eltern Madeleine wiedererkannten.

Die britische Phantombild-Expertin Teri Blythe hatte das Bild einer neunjährigen Maddie in monatelanger Arbeit geschaffen.
Die britische Phantombild-Expertin Teri Blythe hatte das Bild einer neunjährigen Maddie in monatelanger Arbeit geschaffen.Foto: Metropolitan Police/Teri Blythe/AP/dapd

In den USA sind solche „gealterten“ Fahndungsbilder seit Jahren gebräuchlich. Medienberichten zufolge sind mehr als 900 vermisste Kinder mit Hilfe dieser Fotos wieder gefunden worden. Sie werden nicht nur an alle Polizeistationen verteilt, sie hängen auch in Supermärkten. Firmen bieten diesen Service auch Privatleuten an. Eltern, deren Kind gestorben ist, können Bilder bestellen, die es im Teenageralter oder nach dem College-Abschluss zeigen.

Rekonstruktion eines Verbrechens

Immer dann, wenn es in Wahrheit nichts Neues gibt, erblühen aus Gerüchten abenteuerliche Geschichten. Eine von denen ist die Geschichte vom Verschwinden eines englischen Mädchens aus einer Ferienanlage an der Algarve am 3. Mai 2007, wenige Tage vor seinem vierten Geburtstag. Die Kleine heißt Madeleine McCann. Was wirklich geschah in jener Nacht, in der sie verschwand, wissen nur der oder die Täter. Und wer die sind, weiß wiederum niemand. Fest steht nur, dass es seit Mai 2007 kein Lebenszeichen mehr gibt von Madeleine, genannt Maddie. Seitdem ist ihre Geschichte bekannt als „Der Fall Maddie“.

Das Fahndungsfoto einer neunjährigen Madeleine veröffentlichte Scotland Yard im vergangenen Jahr.
Das Fahndungsfoto einer neunjährigen Madeleine veröffentlichte Scotland Yard im vergangenen Jahr.Foto: REUTERS

Selbst die entscheidende Frage, ob es sich um eine Entführung handelt (Hypothese 1) oder um die „Verdeckung eines tragischen Unfalls“ (Hypothese 2), wie es korrekt in der Sprache von Fallanalytikern heißt, den in Krimis Profiler genannten Experten der Polizei, bleibt unbeantwortet. Nachdem alle kriminalistischen Ermittlungen ohne belastbares Ergebnis geblieben waren, der Einsatz modernster technischer und wissenschaftlicher Untersuchungen vergebens gewesen war, nachdem sich zudem der früh schon aufkeimende Verdacht gegen Madeleines Eltern nicht hatte untermauern lassen, stellte die portugiesische Polizei im August 2008 die Ermittlungen ein und gab vier Wochen später die Akten im Fall Maddie frei.

Im Auftrag des britischen Premierministers David Cameron begaben sich vor ziemlich genau einem Jahr dann aber Spezialisten von Scotland Yard erneut auf Spurensuche – und teilten gestern der Öffentlichkeit mit, vorsichtig formuliert, aber dennoch klar, dass Maddie wahrscheinlich noch am Leben sei. Basis ihrer Erkenntnisse waren die genauen Ermittlungen, Tag um Tag, Stunde um Stunde, Minute um Minute, der Ereignisse damals vor fünf Jahren an der Algarve:

Außergewöhnlich früh für gewöhnlich ausdauernd trinkfreudige Iren verlangt Martin Smith am Abend des 3. Mai 2007 in „Kellys Pub“ die Rechnung, etwa um 21.50 Uhr. Es ist längst dunkel in Praia da Luz, der Atlantik nur hör-, nicht mehr sichtbar, die Luft aber noch frühlingshaft warm. Smith drängt zum Aufbruch. Sohn Peter und Schwiegertochter Aiofe und seine Enkel sind auf der ersten Maschine von Faro zurück nach Dublin gebucht, müssen am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang in Praia da Luz losfahren, um pünktlich am Flughafen zu sein. Martin Smith, der als Pensionär frei über seine Zeit verfügen kann, will mit seiner Frau noch an der Algarve bleiben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben