Fall Madeleine : Ein ungeheuerlicher Verdacht

Nachdem die Eltern der kleinen Madeleine zu Verdächtigen erklärt wurden, ist die Empörung in Großbritannien groß. Und obwohl die Vorwürfe noch nicht einmal offiziell erhoben wurden, gewinnen die Zweifler allmählich die Oberhand.

Thomas Burmeister[dpa]
Maddie
Madeleines Eltern droht eine Festnahme - und immer mehr Briten kommen Zweifel an der Entführungs-Geschichte der McCanns. -Foto: AFP

LondonDie kleine Laterne der Hoffnung für Madeleine vor dem Kriegerdenkmal in Rothley leuchtet immer noch. Und die meisten Menschen in der kleinen wohlhabenden englischen Gemeinde, die Nachbarn des Ärzteehepaars Kate und Gerry McCann, glauben weiter, dass die Eltern der seit fast 130 Tagen verschwundenen Madeleine unschuldig sind. "Kate ist eine wunderbare Mutter", sagt ihre Freundin Nicky Gill Reportern in Rothley. "Nie würde sie sowas tun."

Dass mit dem Wort "sowas" ein ungeheuerlicher Verdacht gemeint ist, weiß jeder in Rothley. Aber noch halten die Menschen daran fest, dass das Ärzteehepaar in ihrer Mitte eines Tages mit den zweijährigen Zwillingen Sean und Amelie aus Portugal zurückkehren wird. Vermutlich ohne Madeleine zwar, aber als unbescholtene Leute. Und nicht als Eltern, die erst die eigene kleine Tochter mit Beruhigungsmitteln getötet, dann die Leiche beseitigt und zugleich den seit jahrzehnten größten Medienrummel entfacht haben, den es um ein entführtes Kind gab.

Polizei bot Kate McCann einen Deal an

Das aber ist es, was die portugiesische Polizei Kate und Gerry McCann angeblich vorwirft. "Sie hat versucht, Kate zu einem Geständnis zu bewegen, wonach sie Madeleine versehentlich getötet hat, und sie hat ihr dafür über ihren Anwalt einen Deal angeboten", sagt Philomena McCann, Kates Schwägerin, britischen Reportern. Voller Empörung und Wut soll Madeleines Mutter darauf reagiert haben: "Wie könnt ihr das nur wagen?", habe sie die Kriminalisten angeherrscht, schrieb die Boulevardzeitung "Sun".

Die Empörung ist groß - wo man auch hinschaut am Wochenende nach der sensationellen Erklärung der Mutter und des Vaters von Madeleine zu offiziellen Verdächtigen. "Das ist verrückt", sagt in Glasgow John McCann, der Bruder von Gerry, Madeleines Onkel. "Es gab ja Hinweise, dass es aggressiv werden würde, aber dass es solche Ausmaße annehmen würde, hatten wir nicht erkannt." Weil die portugiesischen Ermittler keine Fortschritte bei der Suche nach dem vermissten Kind machten, würden sie nun die Eltern an den Pranger stellen, um den Fall endlich abhaken zu können.

Und in Liverpool meldet sich Susan Healey zu Wort, die Mutter von Kate McCann und Madeleines Oma: "Wer Kate und Gerry kennt, der weiß, wie irrsinnig solche Vorwürfe sind." Bemerkenswert ist bei all dem, dass die Vorwürfe, über die jeder redet, die in unzähligen Zeitungsartikeln, Radio- und Fernsehsendungen hin und her debattiert und auf sachliche Richtigkeit abgeklopft werden, noch niemand offiziell erhoben hat.

Ein "gewisses Unbehagen"

Es gibt zweifellos undichte Stellen bei der portugiesischen Kriminalpolizei, durch die bruchstückhaft Informationen und Hinweise zu den Medien durchsickern, aber es gibt bislang keine offizielle Information, schon gar keine Anklage. Am Montag oder wenige Tage später könnte das unter Umständen anders aussehen. Sollte ein Ermittlungsrichter in Portugal zu dem Schluss kommen, dass es genügend Indizien, vielleicht gar Beweise dafür gibt, dass die McCanns "sowas" getan haben, dann würde es wohl einen Haftbefehl gegen sie geben. Aber nur dann. Und selbst dann hätten sie weiterhin als unschuldig zu gelten - solange kein Gericht etwas anderes erklärt.

Doch langsam, so scheint es, bekommen die Zweifler die Oberhand. Jene, die schon immer fanden, dass da etwas nicht koscher sei mit den McCanns. Ein "gewisses Unbehagen" machte die seriöse Zeitung "Daily Telegraph" am Wochenende aus. Sei das Publikum denn nicht "erfüllt von einer Mischung aus Bewunderung und Unglauben angesichts der Art, wie Kate McCann immer so makellos in der Öffentlichkeit erschien, wo doch andere Mütter längst zusammengebrochen wären", fragt der Kommentator Andrew Pierce. "Wir wollen sie unbedingt bewundern. Und ich hoffe, dass wir es am Ende auch noch tun werden."

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