• Fall "Orlandi": Neue Akte über verschwundenes Mädchen im Vatikan aufgetaucht

Fall "Orlandi" : Neue Akte über verschwundenes Mädchen im Vatikan aufgetaucht

Haben Kirchenmänner im Vatikan die 15-jährige Emanuela Orlandi entführt, missbraucht und getötet? Ein neues Dokument ist aufgetaucht.

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Pietro Orlandi, der Bruder der vermissten Emanuela Orlandi, hält 2012 auf dem Petersplatz ein Foto seiner Schwester in den Händen. Foto: dpa
Pietro Orlandi, der Bruder der vermissten Emanuela Orlandi, hält 2012 auf dem Petersplatz ein Foto seiner Schwester in den Händen.Foto: dpa

Emanuela Orlandi, Tochter eines Hofdieners von Papst Johannes Paul II., war am 22. Juni 1983 wie jeden Mittwoch außerhalb des Kirchenstaats zum Musikunterricht gegangen. Auf dem Rückweg zu ihrem Elternhaus im Vatikan verschwand das 15-jährige Mädchen spurlos und ist nie wieder aufgetaucht. Der „Fall Orlandi“ hat vatikanische Ermittler und italienische Staatsanwälte jahrzehntelang beschäftigt, die italienische Justiz stellte ihre Ermittlungen erst im Jahr 2015 ein.

Nun erhalten die Spekulationen um den mysteriösen Fall durch eine neue Akte aus dem Vatikan, die dem „Corriere della Sera“ und der „Repubblica“ zugespielt wurde, neue Nahrung. Das am Montag von den Zeitungen veröffentlichte Dokument lässt nur einen Schluss zu: Emanuela Orlandi war von Kirchenmännern entführt worden. Das war schon immer die populärste Hypothese gewesen: Das Mädchen sei auf dem Weg nach Hause abgepasst worden, um es dann für Sexspiele in der Kurie zu missbrauchen, an denen insbesondere der skandalumwitterte damalige Chef der Vatikanbank IOR, Kardinal Paul Macinkus, aber auch ausländische Diplomaten beteiligt gewesen sein sollen. Später sei die Schülerin getötet und „entsorgt“ worden.

Es könnte sich um eine Fälschung handeln

Das neue, fünf Seiten umfassende Dossier, das an die beiden hohen Kurienkardinäle Giovanni Battista Re und Jean-Louis Tauran adressiert war, trägt den Titel „Summarischer Rechenschaftsbericht über die Ausgaben des Staats der Vatikanstadt für die Aktivitäten bezüglich der Bürgerin Emanuela Orlandi“. Das Dokument datiert vom März 1998; als Verfasser ist Kardinal Lorenzo Antonietti angegeben, der damalige Chef der vatikanischen Güter- und Vermögensverwaltung Apsa. Die in dem Bericht erwähnten Ausgaben erstrecken sich über den Zeitraum von 1983 bis 1997 und summieren sich auf beträchtliche 483 Millionen Lire.

Die einzelnen Ausgabeposten betreffen unter anderem das „Fernhalten von zuhause“, „Raten für Kost und Logis“ (in einem Kloster in London), „gynäkologische Leistungen“ und „Ortswechsel“. Dazu kommen etliche Millionen Lire für Reisen diverser Kirchenmänner vom Vatikan nach England und zurück und Kosten für „depistaggi“, die Irreführung der Ermittlungen.

Das Problem an der neuen Indiskretion aus dem Vatikan: Bei der Kostenaufstellung für Emanuela Orlandi könnte es sich auch um eine Fälschung handeln. Tatsächlich bezeichnete der vatikanische Pressechef das Dokument am Montag umgehend als „gefälscht und lächerlich“, wobei der Vatikan seit Jahren behauptet, nichts vom Verbleib Emanuela Orlandis zu wissen oder entsprechende Dokumente zurückzuhalten. Dass die Möglichkeit einer Fälschung besteht, wird auch in den beiden nun erschienenen Medienberichten betont. Doch auch diese wäre aus dem Kirchenstaat gekommen. Das bedeutet, dass die vatikanischen „Raben“, wie die Geheimnisverräter in den italienischen Medien genannt werden, immer noch fliegen und in der Kurie Unruhe stiften wollen.Dominik Straub

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