Fernsehen : Nachttalker Jürgen Domian hört auf

Nach rund 20 000 Gesprächen: Nachttalker Jürgen Domian hört auf. Seine Sendung, in der Hörer alles erzählten, was man über merkwürdige Sexpraktiken und Schicksalsschlägen hören wollte, hatte Kultstatus.

Beendet seinen Nachttalk. Jürgen Domian.
Beendet seinen Nachttalk. Jürgen Domian.Foto: dpa

Nach 20 Jahren auf Sendung will Nacht-Talker Jürgen Domian Schluss machen. Im Laufe des kommenden Jahres werde der 56-Jährige den nächtlichen Kult-Talk bei 1Live und im WDR-Fernsehen zum letzten Mal moderieren, teilte der WDR am Montagabend in einer knappen Pressenotiz mit. „20 Jahre Nachtschicht sind nicht spurlos an mir vorbeigegangen. Ich habe Lust, mal wieder häufiger die Morgensonne zu sehen“, sagte Domian dem Sender zufolge. Weitere Fragen wollte der WDR zunächst nicht beantworten.
Nacht für Nacht rufen Hörer in seiner Sendung an, erzählen von schweren Schicksalsschlägen, Liebeskummer oder skurrilen Sexpraktiken. Im Laufe der Jahre wurde der Moderator Anlaufpunkt für Probleme aller Art, oft gar die letzte Rettung Verzweifelter.
Insgesamt hat Domian seit der ersten Sendung am 3. April 1995 rund 20 000 Gesprächspartner in seiner Nachtsendung gehabt.

Bis zu 20.000 Menschen versuchen jede Nacht, zu ihm durchzudringen

 „Am Telefon begrüße ich jetzt Jan, 32 Jahre alt. Jan, was ist Dein Thema?“ So geht die Unterhaltung meistens los. Und dann erzählen die Anrufer: Manchmal fröhlich, manchmal traurig, oft stockend oder gar weinend. Sehr viele Geschichten sind herzergreifend, deprimierend und bedrückend. Allen Anrufern scheint gemeinsam, dass sie Domian vertrauen: Sie schütten dem Mann, der eine Stunde lang mit großen Kopfhören und ernstem Gesicht in die Kamera schaut, ihr Herz aus.
Und Jürgen Domian hört zu. Immer sagt er dem Anrufer seine Meinung, oft gibt er Ratschläge, manchmal sagt er aber auch einfach, dass er nicht weiß, was er sagen soll. Zum Beispiel, wenn jemand berichtet, dass er wegen einer Erkrankung bald sterben wird.
Doch vielen Anrufern ist es schon eine Hilfe, dass jemand ihnen zuhört, wie sie häufig selber beteuern. Domian ist Journalist, eine psychologische Ausbildung hat er nicht. Aber in jeder Sendung ist ein Psychologe dabei, der den Anrufer bei Bedarf weitergehend berät.
Auch wenn die ernsten Anrufe in der Überzahl sind, es gibt durchaus auch heitere Gespräche. Da geht es um lustige Alltagserlebnisse, verrückte Bettgeschichten oder jemanden, der das große Los gezogen hat. Bis zu 20 000 Menschen versuchen jede Nacht, in die Sendung zu kommen. Etwa 150 Anrufer schaffen es bis in die Redaktion, aber höchstens sieben dringen schließlich bis zu Domian vor. „Ich höre Deine Sendung jede Nacht“, sagen viele von denen, die durchkommen.  Was sollen all die Suchenden und Schlaflosen demnächst bloß machen, wenn es „Domian“ nicht mehr gibt?  (dpa)

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