Flatrate-Bordelle : Der Fleischmarkt am Rand von Berlin

"All you can fuck"-Bordelle machen alteingesessenen Bordellen das Leben schwer. Lesen Sie hier einen Erfahrungsbericht aus einem solchen Flatrate-Etablissement am Rande Berlins.

Stefano Casertano
Prostituierte sitzen in Köln im Bordell "Paschas" an einer Bar.
Prostituierte sitzen in Köln im Bordell "Paschas" an einer Bar.Foto: picture alliance / dpa

Am Eingang des Bordells erklärt uns eine Dame die Regeln: Wir müssen sechzig Euro bezahlen (Tagespass) und können so viel Sex haben wie wir wollen, die Mädchen dürfen wir uns aussuchen. Einziger Haken: „Ihr müsst den Raum nach 20 Minuten verlassen, weil die anderen Gäste warten. Danach könnt ihr wieder rein. Wir haben auch eine Sauna, falls ihr mal eine Pause braucht.“ Alkohol und Snacks sind umsonst.

Ein Spitzenangebot. Jemand schreit „Bunga Bunga“ aus einem der oberen Stockwerke, aus dem billige Club-Musik dröhnt. Ein dicker Mann Mitte fünfzig geht an uns vorbei, eingewickelt nur in ein Handtuch. Er sieht erschöpft aus – und das ist kein Wunder. Deshalb frage ich: „Können wir vorher Viagra oder so was nehmen?“ Sie antwortet professionell: „Klar könnt ihr, das ist für unser Haus kein Problem. Aber sagt den Mädchen nichts, die müssen das nicht wissen.“

„Sogar wenn ihr Euch betrinkt“, fährt sie fort, „könnt ihr bleiben, solange Ihr die Mädchen nicht schlagt.“ Und was ist mit Kokain? „Wenn ihr welches mit den Mädchen nehmen wollt, kann ich euch vorher sagen, welche etwas nehmen. Zwei oder drei machen das gerne. Aber macht das mit den Mädchen auf dem Zimmer.“ Oralverkehr ohne Kondom, inklusive „lecken“. Diese Detailbeschreibung taucht mehrfach in unserem Gespräch auf.

Dieser Fleischmarkt liegt nicht in Thailand, sondern in einem Randbezirk von Berlin. Die Frauen scheinen alle aus Osteuropa zu kommen, ihre Gesichter sind ausgezehrt. Sie begrüßen uns mit lauten Stimmen, sobald sie uns sehen. „Die meisten unserer Mädchen sind zwischen 18 und 25. Nur zwei sind älter, aber sie sehen jünger aus“, fügt die Frau hinzu. Interessant daran ist, dass alles legal zugeht. Die „Hausregeln“ ermöglichen den Umgang mit Frauen, als lägen sie in einer Fleischtheke aus.

Preiskampf schadet den Bordellen

„All you can fuck“-Bordelle sind die logische Konsequenz der Marktentwicklung. Das deutsche Prostitutionsgesetz ist seit dem Jahr 2002 nicht mehr aktualisiert worden. Und die Branche hat sich seither grundlegend verändert. Immer mehr Frauen aus Osteuropa kamen nach Deutschland, um hier der Prostitution nachzugehen. Es entwickelte sich ein regelrechter Preiskampf zwischen den Bordellen.

Die meisten Betreiber von Flatrate-Bordellen verteidigen sich mit der Behauptung, dass kaum ein Mann während eines Besuchs mehr als zwei Mal ejakulieren werde. Das Flatrate-Angebot sei eben vor allem ein Werbetrick.

Vermutlich verdienen die Mädchen in diesen Häusern zwischen 100 und 200 Euro pro Schicht. Eine einfache Rechnung zeigt auf, dass an manchen Tagen (zum Beispiel bei zehn Mädchen und dreißig Gästen) jedes Mädchen mindestens auf sechs Männer trifft. Das bedeutet, dass ein Mädchen weniger als 15 Euro pro Gast verdient – solange es keine anderen Vereinbarungen mit dem Haus gibt, zum Beispiel einen täglichen Festpreis.

Eine neue Regelung, die derzeit im Bundestag diskutiert wird, zielt auf das Verbot „unmenschlicher Geschäftsmodelle wie Flatrate- und Gangbang-Bordelle“. „Es wurde höchste Zeit“, kommentiert Charlotte, eine Bardame in dem klassischen Bordell „Psst“ in Berlin. „Diese Geschäfte haben uns den Markt kaputt gemacht.“ Im „Psst“ treffen die Mädchen an der Bar auf den Kunden und können sich dann ein Zimmer in einem separaten Haus nehmen. „Das ist ein ganz anderes Modell, bei dem sich die Mädchen fast wie zu Hause fühlen und alles machen können, was sie wollen.“ Kaum zu glauben, dass die Wirklichkeit so rosig ist wie von der Bardame beschrieben. Aber tatsächlich ist die Atmosphäre hier nicht so schäbig wie in den Flatrate-Clubs.

Sexarbeiterinnen sind skeptisch gegenüber dem neuen Gesetz

Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) unterstützt das neue Gesetz. Die Gewerkschaften der Sexarbeiterinnen sind hingegen skeptisch: Sie argumentieren, dass jedes Mädchen freiwillig über die Teilnahme an Flatrate- oder Gangbang-Bordellen entscheiden können sollte. Derzeit wird diskutiert, ob diese „Wahlfreiheit“ auch für junge Mädchen gelten sollte, die gerade aus Russland oder Polen nach Deutschland kommen. Oder sogar, ob ein Bordell wie jenes, das wir besucht haben, sogar mit der Offenheit ihrer Mädchen für Drogen und Viagra werben darf.

Das Gesetz zielt auch auf eine Kondompflicht für Freier. Doch ist fraglich, wie das umgesetzt werden soll, da bei der Nichtbenutzung nur der Kunde bestraft würde. Kontrollen mit „falschen Freiern“ wären deshalb sinnlos.

Am Ende unseres Besuchs werden wir auf ein besonderes Angebot des Bordells hingewiesen: Wer beim Würfeln eine sechs wirft, bekommt das Eintrittsgeld zurück. Außerdem erhalten wir eine Stempelkarte. Für jeden Besuch gibt es einen Stempel. Nach fünf Besuchen erhält der Kunde 50 Prozent Rabatt, nach zehn Besuchen ist alles umsonst. Wie bei Kaffee.

Übersetzung: Paul Middelhoff.

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