Frauen & Männer : Die milden Kerle unter Druck

Der Mann von heute soll alles sein: Macho und Windelwechsler, gepflegt und doch uneitel, gefühlvoll, aber nicht zu emotional. Und das soll gehen? Viele Männer fühlen sich von den weiblichen Ansprüchen überfordert.

Matthias Lohre
Autor Matthias Lohre.
Autor Matthias Lohre.Affono Gavinha

Und jetzt soll ich an allem schuld sein. Ich meinte es doch nur gut mit den beiden. Wer hätte gedacht, dass beim Date einer Frau mit einem Mann so viel schiefgehen kann?

Nina und Peter sind Freunde von mir. Beide in ihren Dreißigern, beide erfolgreich. Ninas Wohnung ist so geschmackvoll eingerichtet, dass man als Gast das Gefühl hat, das Einzige, was das Arrangement stört, sei die eigene Anwesenheit. Nina weiß, was sie will. Peter lebt in einer Altbauwohnung, deren schöne Dielen und Stuckdecken perfekt davon ablenken, dass sie so gut wie leer ist. Peters Priorität ist die Arbeit. Und das Beste: Beide sind Singles auf der Suche.

Deshalb hielt ich es für eine gute Idee, beide miteinander bekannt zu machen. Nina und Peter trafen sich schließlich tatsächlich zum Date. Als ich Nina am Tag danach sehe, ist sie aufgebracht: „Dieser Peter passt zu mir, hast du gesagt. Peter ist zielstrebig, sportlich und vielseitig interessiert, hast du gesagt.“

„Hab’ ich gesagt. Und?“

„Der war total verkrampft! Anfangs war er ja noch ganz locker. Aber mit der Zeit wurde er immer stiller, hielt sich am Bier fest, schielte ständig nach dem Ausgang. Wie unfreundlich!“

„Worüber habt Ihr denn geredet?“

„Ach, so Sachen halt. Was wir beruflich machen, ob wir gemeinsame Freunde haben. Zukunftspläne. Nix Wildes.“

Von der Herrentoilette aus rufe ich Peter an:

„Diese Nina hat doch nicht alle Latten am Zaun“, sagt er.

„Sie hat gestern Abend von Kindern geredet, die sie mal haben will. Wir saßen seit 43 Minuten beisammen – ich hab’ nachgeguckt.“

„Nina ist eine Singlefrau über 30, die denken an so was.“

„Ich will ja auch mal Kinder. Aber darf ich, bitte schön, vorher noch mein Bier austrinken? Außerdem ging es den ganzen Abend so weiter: Wo ich mich beruflich in fünf Jahren sehe. Wie das Verhältnis zu meinen Eltern ist. Ob ich Sport treibe. Wie beim Vorstellungsgespräch. Nur, dass ich kein Gehalt kriege, sondern vorweisen muss.“

Als ich vom Klo zurück zu Nina gehe, wird mir klar, was passiert ist. Lenny Kravitz hatte mich gewarnt. 2011 sagte er in einem Interview: „Frauen erwarten immer mehr. Wir sollen interessant sein, treu, liebevoll.“ Die meisten Männer würden dazu erzogen, nicht zu viel Gefühl zu zeigen, nicht zu sensibel zu sein. „Aber ohne den Willen zur Einfühlsamkeit geht bei den Frauen heutzutage nicht mehr viel“, erklärte Kravitz dem Magazin „In“. Er selbst verlange in einer Partnerschaft viel und sei bereit, sehr viel zu geben. „Du kannst keine riesigen Ansprüche haben und deinerseits ein unreifer Mistkerl sein.“ Die Richtige habe er aber noch nicht gefunden. „Meistens wache ich allein auf.“

Zur Erinnerung: Wir reden hier nicht von irgendeinem Lenny Kravitz, der in Schwedt halbtags Pudel frisiert. Sondern von Lenny „Rock-Pop-MultimillionärSexgott“ Kravitz. Wenn dieser Mann sich von weiblichen Ansprüchen überfordert fühlt, wie ergeht es dann normalen, emanzipierten Männern von heute? Unter welchem Druck stehen milde Kerle? Ihnen ist die Orientierung abhanden gekommen. Früher definierte vor allem beruflicher Erfolg den sozialen Wert eines Kerls. Der Mann als Ernährer. Und heute?

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