Gebeine der Romanows : Die Zarenknochen sind echt. Diesmal wirklich

Neue Verfahren bestätigen die Echtheit der Gebeine der letzten russischen Zarenfamilie. Kirche und Nachkommen zweifeln trotzdem. Dabei sucht der Kreml den Schulterschluss - bei einem neuerlichen, pompösen Begräbnis.

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Eine Frau mit dem Porträt des letzten russischen Zaren Nikolai II. Seit dem Fund der Knochen in Jakaterinburg im Ural schwelt in Russland die Debatte um deren Echtheit. Foto: picture-alliance/ dpa
Eine Frau mit dem Porträt des letzten russischen Zaren Nikolai II. Seit dem Fund der Knochen in Jakaterinburg im Ural schwelt in...Foto: picture-alliance/ dpa

Nun steht es fest: Bei den Gebeinen, die 1998 mit einem pompösen Staatsbegräbnis in St. Petersburg zur letzten Ruhe gebettet wurden, handelt es sich tatsächlich um die sterblichen Überreste der letzten Romanows: Zar Nikolaus II, seine Gattin Alexandra und drei der fünf Kinder des Herrscherpaares.

Eigens um den Beweis dafür anzutreten, waren die Särge von Zar und Zarin sowie von Nikolaus‘ Großvater, Alexander II. Ende September nochmals geöffnet worden. Ein neuer Abgleich des Erbguts mit frisch entnommenen Knochenpartikeln der Majestäten sollte endlich einen Streit beenden, der die Nation spaltet, seit Hobbyforscher die Überreste der 1918 von den Bolschewiki erschossenen Majestäten und kaiserlichen Hoheiten in einem Waldstück bei Jekaterinburg im Ural eher zufällig fanden.
Zwar wurden die Knochen vor der Umbettung mehrfach geprüft, in den USA und in Japan. Für hundertprozentige Authentizität mochten die Forscher ihre Hand damals aber nicht ins Feuer legen. Nicht nur Verschwörungstheoretiker argwöhnten, Feinde wollten Mutter Heimat einen falschen Zaren unterjubeln.

Seither hat die Genetik riesige Fortschritte gemacht und Russland eigene Labore für derartig komplexe Untersuchungen. Die seien noch nicht abgeschlossen, doch schon jetzt, so Chefermittler Solowjow, seien die Forscher sich hundertprozentig sicher: Der Mythos vom falschen Zaren ist ein Ammenmärchen. Ins Reich der Fabel gehöre auch die Geschichte von den Köpfen der gekrönten Häupter, die jahrelang in Geheimsafes im Kreml lagen. Der Leiter des Erschießungskommandos, Pjotr Woikow, nach dem bis heute eine Metrostation in Moskau benannt ist, über deren Umbenennung gerade abgestimmt wird, soll Lenin die „Trophäen“ persönlich übergeben haben.

Die Kirche mochte Jelzin nicht

Wahr, so Solowjow weiter, sei dagegen, dass die roten Kommissare bei der Exekution mehrere Magazine leer schossen, die Leichen anschließend mit Schwefelsäure übergossen, dann verscharrten und über der Grube ein Lagerfeuer entzündeten.
Die Russisch-Orthodoxe Kirche und Nachkommen der Romanows hatten das Staatsbegräbnis 1998 boykottiert, ihr Verhältnis zum damaligen Präsidenten Boris Jelzin galt als zerrüttet.

Die Kirche haderte mit Jelzin, weil dieser als KP-Chef von Jekaterinburg das Todeshaus der Zarenfamilie schleifen ließ, um Wallfahrten zu verhindern.

Mit Wladimir Putin können Kaiserhaus und Kirche schon deutlich besser – mit der neuen Aktenlage beim Streit um die Echtheit der Knochenfunde tun beide sich indes weiterhin schwer. Die Mittwoch präsentierten Ergebnisse, ließen die Nachkommen verlauten, seien vorläufig. Zu begrüßen sei jedoch, dass der russische Staat gewillt sei, der Kirche entgegenzukommen, die weitere Beweise verlangt. In der Tat: Der Blutstropfen auf dem Totenhemd von Nikolaus‘ Großvater Alexander II – Folge eines Attentats – genügt dem Klerus nicht. Ausgerechnet die Russisch-Orthodoxe-Kirche, die sich als oberste moralische Instanz versteht, will auch noch den Sarg von Nikolaus‘ Vater, Alexander III., öffnen lassen. Obwohl Forscher und Ermittler massive Bedenken haben Wegen unnötiger Störung der Totenruhe und wegen unnötiger Kosten. Allein Öffnung und Neuversiegelung eines Sargs kosten den Steuerzahler über 18 Millionen Rubel – rund 268 000 Euro. Sogar Iwan Artsischewski, der die Interessen der Romanows in Russland hofft, Patriarch Kirill werde sich besinnen.

Die Generalvollmacht für das Öffnen der Särge, glaubt das das Massenblatt „Moskowski Komsomolez“., habe Kirill sich aber vom Kremlchef persönlich geholt. Putin brauche die bedingungslose Loyalität der Kirche in Krisenzeiten wie jetzt dringender denn je.
Vor allem aber: Historische Kontinuität hat für Wladimir Putin absolute Priorität. Und die ist nur zusammen mit der der Staatskirche zu haben. Anders als bei der Zaren-Umbettung 1998 soll Kirill daher zur Rechten Putins sitzend, eine tragende Rolle bei der Beisetzung von Thronfolger Alexei und dessen Schwester Maria übernehmen.

Ihre Leichen wurden erst 2007, rund 800 Meter von denen der Eltern und Geschwister entfernt, entdeckt. Obwohl die genetischen Untersuchungen schon lange abgeschlossen sind, lagern die Knochen seither im Staatsarchiv. Die Beisetzung in der St. Petersburger Zarengruft ist für Februar 2016 geplant. Prunkvoll soll sie den öffentlichen Schulterschluss von Kreml und Kirche besiegeln.

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