• Germanwings-Blackbox: Andreas Lubitz stellte Autopilot mehrfach auf Sinkflug mit höchster Geschwindigkeit

Germanwings-Blackbox : Andreas Lubitz stellte Autopilot mehrfach auf Sinkflug mit höchster Geschwindigkeit

Die Analyse des Flugdatenschreibers ergibt: Co-Pilot Andreas Lubitz stellte den Autopiloten mehrfach auf Sinkflug mit höchster Geschwindigkeit. Die Auswertung seines Tablet-Computers deutet auf geplanten Selbstmord hin.

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Die zweite Blackbox, der Flugdatenschreiber des Germanwings-Flugzeugs, das von Andreas Lubitz in den Alpen zum Absturz gebracht wurde.
Verbrannt, aber funktionsfähig. Der französische General David Galtier zeigt ein Bild der zweiten Blackbox, die verwertbare Daten...Foto: dpa

Eigentlich sollte der Mechanismus, mit dem die Schlösser der gepanzerten Cockpittüren von den Piloten blockiert werden können, Terroranschläge verhindern. Jetzt hat er dazu beigetragen, dass es dem Co-Piloten Andreas Lubitz möglich wurde, den Germanwings-Airbus zum Absturz zu bringen und 149 Menschen mit sich in den Tod zu reißen. Deshalb steht die Frage, wie dieses Sicherheitssystem optimiert werden kann, ganz oben auf der Liste der Fragen, die von der französischen Flugunfall-Untersuchungsbehörde (BEA) und in Deutschland ab nächster Woche von einer Expertengruppe geprüft werden.

Bereits vor einer Woche hatten die deutschen und zahlreiche ausländische Fluggesellschaften die zuvor bereits in den USA vorgeschriebene Zwei-Personen-Regel eingeführt. Wann immer einer der beiden Piloten das Cockpit verlässt, muss ein Flugbegleiter seinen Platz einnehmen. Wäre das schon im Fall des Germanwings-Fluges der Fall gewesen, hätte das die Tragödie möglicherweise verhindert.

Der Co-Pilot, der seine Pilotenausbildung wegen schwerer Depressionen unterbrochen hatte, dann aber vom Medizinischen Dienst der Lufthansa für flugtauglich befunden wurde, hatte den Selbstmord offenbar genau geplant. Das ergab die Auswertung des in seiner Düsseldorfer Wohnung gefundenen Tablet-Computers, dessen Browserverlauf nicht gelöscht worden war. Nach Angaben der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft hatte Lubitz im Zeitraum zwischen 16. bis 23. März nicht nur nach medizinischen Behandlungsmethoden recherchiert, sondern auch über Arten und Umsetzungsmöglichkeiten einer Selbsttötung. Darüber hinaus hatte er mindestens an einem Tag über mehrere Minuten Suchbegriffe über Cockpittüren und deren Sicherheitsvorkehrungen eingegeben. Um welche Stichwörter es sich handelte und um welche Erkrankung es ging, wurde nicht mitgeteilt. Kein Zweifel besteht daran, dass der Computer von Lubitz genutzt wurde. „Der Name der Anmeldung, die persönliche Korrespondenz und die eingegebenen Suchbegriffe ließen den Schluss zu, dass das Gerät im relevanten Zeitraum vom Kopiloten genutzt wurde“, sagte Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück.

Am Donnerstag wurde auch die zweite Blackbox gefunden

Am Gründonnerstag war endlich auch die Speichereinheit des Flugdatenschreibers gefunden worden. Eine Polizistin hatte die zweite Blackbox verschüttet in der Erde entdeckt, erklärte der die strafrechtliche Untersuchung in Frankreich leitende Staatsanwalt Brice Robin. Sie war durch den Aufprall und ein Feuer beschädigt worden, erwies sich im Speziallabor des BEA jedoch als auslesbar. Während der zuvor sichergestellte Cockpit Voice Recorder die Gespräche und Geräusche in der Pilotenkanzel aufzeichnet, speichert der Flight Data Recorder Hunderte von Flugparametern wie Geschwindigkeiten, Beschleunigungen, Flughöhen und Triebwerksdaten, aber auch, welche Steuerbefehle von den Piloten eingegeben wurden.

Der Flugschreiber der Unglücksmaschine.
Der Flugschreiber der Unglücksmaschine.Foto: dpa

Die Tonaufzeichnung hatte ergeben, dass Lubitz die Cockpittür offenkundig verriegelt hatte, nachdem der Flugkapitän die Toilette aufgesucht hatte. Nun zeigte die erste Auswertung des Datenschreibers, dass er den Autopiloten so manipulierte, dass der Airbus im Sinkflug mit höchster Geschwindigkeit gegen die Felswand raste.

Laut Staatsanwalt Robin konnten aus den geborgenen, sterblichen Überresten der Passagiere und Besatzungsmitglieder inzwischen 150 DNA-Profile erstellt werden. Zur Identifizierung der Opfer müssen sie jetzt mit Vergleichsproben abgeglichen werden, die von den Angehörigen der Verstorbenen zur Verfügung gestellt wurden. Medienberichte, wonach auf einem Smartphone ein kurz vor dem Aufprall aufgenommenes Video gefunden wurde, auf dem die Schreie der Passagiere zu hören sind, wollte Robin nicht bestätigen. Alle gefundenen Handys seien schwer beschädigt worden.

Als Konsequenz aus der Flugzeugkatastrophe will Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) prüfen, ob im innereuropäischen Flugverkehr wieder Ausweiskontrollen eingeführt werden sollen. Bisher genügt innerhalb des sogenannten Schengen-Raums die Bordkarte zum Besteigen eines Flugzeugs. Die Identität des Passagiers wird in der Regel nicht mehr geprüft. Nach dem Absturz der Germanwings-Maschine habe man bei den Passagieren und Besatzungsmitgliedern überprüft, ob sie den Behörden als sogenannte Gefährder bekannt gewesen seien, sagte de Maizière der „Bild“-Zeitung. „Wir mussten aber feststellen, dass zunächst gar nicht klar war, wer überhaupt in dem Flugzeug saß.“ Grund sei der Wegfall der Grenzkontrollen nach dem Schengener Abkommen, das den ausweisfreien Verkehr zwischen den Unterzeichnerstaaten vorsieht. Kontrollen gib es seither nur noch ausnahmsweise. Die Namen von Besatzungsmitgliedern und Passagieren wurden nach dem Absturz überprüft, weil die Behörden wissen wollten, ob es sich um einen Terroranschlag handelt.

Nach Ostern soll eine Task Force Verbesserungen für den Flugverkehr prüfen

Nach Ostern soll eine Task Force aus Vertretern von Fluggesellschaften, Berufsverbänden und Luftfahrtmedizinern ihre Arbeit aufnehmen, hatten Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt und der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL), Klaus-Peter Siegloch, am Gründonnerstag mitgeteilt. Neben der Frage nach einer Optimierung des Türmechanismus sollen sie zunächst auch klären, ob es beim Verfahren zur Erteilung des fliegerärztlichen Tauglichkeitszeugnisses Verbesserungsmöglichkeiten gibt. Geprüft wird auch, ob zusätzliche Verfahren entwickelt werden können, die ein Erkennen von psychologischen Besonderheiten bei einem Piloten ermöglichen.

Siegloch warnte vor übereilten Schritten, die die bestehende Sicherheitskette gefährden könnten. Umgekehrt dürfe man aber auch nicht bis zum Ende der Untersuchungen warten. „Wir werden sicher nicht Monate ins Land gehen lassen.“ Die Pilotengewerkschaft Cockpit, die Gründonnerstag noch immer von einem „Unfall“ sprach, bezeichnete die gemeinsame Task Force als einen wichtigen Schritt. Eventuelle Änderungen müssen ohnehin auf internationaler Ebene abgestimmt werden. Die blockierbare Cockpittür beruht auf einer weltweit gültigen Bestimmung, die Kriterien für die Erteilung des Flugtauglichkeitszeugnisses sind in einer EU-Verordnung festgeschrieben.

Die Frage nach Konsequenzen in der Führung von Lufthansa oder Germanwings stelle sich nicht, sagte Minister Dobrindt im Hinblick auf die Tatsache, dass die psychischen Probleme des Kopiloten dort seit Jahren bekannt waren. Der Mann sei von den Fliegerärzten mehrfach als unbeschränkt flugtauglich eingestuft worden, betonte Siegloch, darauf müsse sich eine Airline verlassen.

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