Gesellschaft : Werte zum Anfassen

Stricken, Pflanzen, Backen, Basteln: Immer mehr Menschen stellen Gebrauchsgüter mit eigenen Händen her. Das Internet macht aus diesen Selbstmachern eine Do-it-yourself-Bewegung. Und die hinterlässt auch im "Real Life" Spuren.

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Handarbeit. Massenware ist langweilig. Deshalb greifen junge Leute selbst zur Schere. Andere decken sich im Baumarkt ein. Und Stricken ist wieder in.
Handarbeit. Massenware ist langweilig. Deshalb greifen junge Leute selbst zur Schere. Andere decken sich im Baumarkt ein. Und...Foto: Kai-Uwe-Heinrich

Selbermachen hat Konjunktur. Es fühlt sich gut an, Dinge selber zu machen. Das Do-it-yourself Prinzip (DIY) erlebt ein gesellschaftliches Comeback. Medien berichten darüber, Werbestrategen machen es sich zunutze. Momentan schmückt sich nicht nur der Internetanbieter 1&1 mit dem „Mach-es-selber“-Slogan, auch der Getränkehersteller Bionade wirbt mit „Guerilla Gardening“ und „Guerilla Knitting“, zwei neuen Ausprägungen des Selbstmachtrends. Bei Ersterem handelt es sich um die heimliche Aussaat von Pflanzen in der Stadt. Letzteres ist eine Form von Straßenkunst, bei der Gegenstände wie Ampeln, Bäume oder Statuen umstrickt werden. Jawohl, Stricken, wie bei Oma.

Das Internet hat daraus eine Bewegung gemacht. Die digitale Vernetzung eröffnet neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit und Präsentation. Die Grenzen zwischen Konsument und Produzent verschwimmen. Der „Prosument“ des Internets oder der „arbeitende Kunde“ beim schwedischen Möbelhaus Ikea sind Formen der Selbstmach-Philosophie. „Die DIY-Bewegung ist keine vereinzelte Bewegung. Es sind verschiedene Phänomene, die in verschiedenen Teilen der Gesellschaft auftauchen“, sagt Tine Nowak, Kuratorin der Ausstellung „Do It Yourself: Die Mitmach-Revolution“, die noch bis zum Sonntag, 2. September, im Berliner Museum für Kommunikation zu sehen ist. Ende September zieht sie nach Dortmund.

Das Paradies der Heimwerker: Ein Baumarkt.
Das Paradies der Heimwerker: Ein Baumarkt.Foto: picture alliance / dpa

Der Slogan „Do it yourself“ taucht zum ersten Mal 1912 in dem Magazin „Suburban Life“ auf. In den amerikanischen Vorstädten hat die Entwicklung ihren Anfang: mit dem Heimwerker. Familienväter, die Hundehütten und Kinderkrippen selber bauen und jede freie Minute „am Haus“ arbeiten. Die Parodie dieses Typus ist der von dem amerikanischen Schauspieler Tim Allen verkörperte Heimwerkerkönig Tim Taylor aus der 90er-Jahre-Sitcom „Hör mal, wer da hämmert“.

Der Heimwerker ist das Ergebnis von Knauserigkeit gepaart mit Kreativität. Dabei schafft er aber einen ungeahnten Wert: „Indem wir Dinge aufbauen, bauen wir eine Beziehung mit ihnen auf“, sagt Nowak. „Das ist wie mit einer Beziehung. Die hat auch Wert, weil wir sie aufbauen.“ Der besondere Wert des Selbermachens muss aber nicht persönlich bleiben. Dank des Internets kann man ihn auch monetär umsetzen. Selbermachen ist nicht automatisch anti-kommerziell. Auf der Online-Plattform Etsy werden ausschließlich handgemachte Sachen verkauft. Die 2005 in New York gegründete Firma bietet dabei den Markplatz für Käufer und Verkäufer an. Die Transaktion – zum Beispiel ein selbst gemachtes Bücherregal aus alten Abflussrohren für 69 Dollar – findet zwischen den Nutzern selbst statt.

„Der DIY-Markt wächst aus verschiedenen Gründen rasant“, sagt Caroline Drucker von Etsy-Deutschland. „Erstens gibt es ein kulturelles Bedürfnis für gute Dinge. Dinge mit Qualität. Und zweitens, ist es schön, etwas zu kaufen, von dem man weiß, wo es herkommt.“ Etsy hat nach eigenen Angaben etwa 800.000 aktive Verkäufer und 12 Millionen Käufer. Der jährliche Umsatz bewegt sich im dreistelligen Milliardenbereich. Firmen wie Etsy oder DaWanda ermöglichen den digitalen Spaziergang auf einem altmodischen Marktplatz, wo der Abstand zwischen Produzent, Produkt und Konsument sehr klein ist. „Es ist doch schön, zu wissen, dass ich für mein Geld etwas Einzigartiges bekomme“, meint Drucker, „und vor allem, dass das Geld direkt an die Person geht, die es hergestellt hat.“

Kunst am Stamm. Guerilla-Stricken ist der letzte Schrei in Großstädten wie Berlin.
Kunst am Stamm. Guerilla-Stricken ist der letzte Schrei in Großstädten wie Berlin.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Davon ist man in der Dienstleistungsgesellschaft weit entfernt. Die Produktion von Dingen des täglichen Gebrauchs ist zu einem großen Teil automatisiert und anonymisiert. „Man hat sich entfremdet“, meint Caroline Drucker. „Man weiß nicht, wofür man arbeitet oder wofür man bezahlt.“ Selbstgemachtes vermittelt den Menschen dagegen einen eigenen Wert. Der Punk-Bewegung, die ihre eigene Musik und Kleidung gemacht hat und bis heute macht, genauso wie den Leuten der Wikipedia-Community, die das größte Nachschlagewerk der Welt erschafft haben, ohne dafür bezahlt zu werden. Oder den Fans von Union Berlin, die am Stadion An der Alten Försterei mitgearbeitet haben. „Es geht um Aufwertung von Arbeit“, sagt Tine Nowak, „um die Anerkennung der Arbeit in der Gesellschaft. Es gibt ein großes Bedürfnis nach Arbeit, die einen Wert hat.“

Wer lernen will, etwas selbst zu machen kann das beispielsweise bei den Etsy Labs: Jeden Montag Do-it-yourself-Workshop. Ritterstraße 12-14. Kostenlose Anmeldung über www.etsy.com/blog/de

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