Aids-Heilung : Anatomie eines Wunders

Auch heute, 30 Jahre nachdem der Aids-Infektion entdeckt wurde, ist die Krankheit noch immer nicht heilbar. Mit einer Ausnahme: Timothy Ray Brown – bei dem auf einmal das Virus verschwand. Gero Hütter, ein Berliner Arzt, hat vor drei Jahren das Unmögliche vollbracht

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Unverhoffte Hoffnung. Gero Hütter gibt 2008 auf einer Pressekonferenz in Berlin einen erstaunlichen Therapieerfolg bekannt.
Unverhoffte Hoffnung. Gero Hütter gibt 2008 auf einer Pressekonferenz in Berlin einen erstaunlichen Therapieerfolg bekannt.Foto: dpa

In Amerika nennen sie ihn „The Berlin Patient“. Anfang des Jahres ist Timothy Ray Brown nach Amerika zurückgegangen, nach San Francisco, wo alles begann. Dorthin, wo vor 30 Jahren das große Sterben anfing, und es waren nie die Alten, die es traf. Es waren die, die sich noch für unsterblich hielten. Mit Anfang 20 ist jeder unsterblich. Und es waren fast immer Männer; sie wussten nicht, was sie plötzlich so leiden ließ und ihnen so schnell das Leben nahm. Die Ärzte wussten es auch nicht.

Am 5. Juni 1981 hatte das „Center for Disease Control“ in Los Angeles erstmalig über fünf vergleichbare, doch außergewöhnliche Fälle schwerer Lungenentzündungen bei Männern berichtet, denen außer ihrem Krankheitsbild ihr Geschlecht, ihre Jugend und ihre Homosexualität gemein war. Am 1. Dezember desselben Jahres wurde – noch vage – die neue Krankheit definiert: AIDS, Acquired Immune Deficiency Syndrome, erworbenes Immundefektsyndrom. Heilbar ist diese Krankheit, an der Millionen gestorben sind, an der noch immer rund 40 Millionen Menschen weltweit leiden, bis heute nicht. Mit einer Ausnahme. Es ist Timothy Ray Brown, „The Berlin Patient“. Er wirkt schmal, fast zerbrechlich. Aber es ist nicht die Zerbrechlichkeit von Krankheit, eher die einer großen Zurückgenommenheit, fast Demut.

Vielleicht reagieren Menschen so, wenn an ihnen ein Wunder geschehen ist. Sie rufen nicht: „Ich bin geheilt!“, sondern werden ganz leise, wie Timothy Ray Brown, heute 45 Jahre alt.

Ein Wunder? Man könnte es so nennen, nach den Maßgaben dessen, womit er rechnen durfte. Und angesichts der Zufälle, die zu seiner Rettung nötig waren. Und unter der Voraussetzung, dass auch Gott seine Wunder gewiss sehr rational tut, wenn es ihn – das größte aller Wunder – denn geben sollte. In Browns Fall hieß Gott Hütter, Gero Hütter, Hämatologe.

Seine größte Qualifikation bestand vielleicht darin, noch nie zuvor einem Aids-Patienten begegnet zu sein – zumindest nicht als Arzt. Hütter arbeitete am Berliner Benjamin-Franklin-Klinikum. Aber da ist er nicht mehr.

Mannheim, Institut für Transfusionsmedizin und Immunologie. Schon vor drei Jahren, als sein Sieg Schlagzeilen machte, fiel seine Jugend auf – verhältnismäßig gesehen. Mit 39 Jahren wurde er 2008 zum „Berliner der Jahres“ gewählt.

Was macht ein „Berliner des Jahres“ in Mannheim?

„Nein, nein, nicht ich, Frank Zander ist ‚Berliner des Jahres‘ geworden, ich kam, glaube ich, auf den 9. Platz“, sagt Hütter, während er – ein Schlüsselbund in der Hand – Türen öffnet und wieder schließt. Kein Zutritt für Unbefugte. Dann ein nüchternes Büro und neben ihm an der Wand: Berlin in Öl, der Potsdamer Platz, fortgeschrittener Spätimpressionismus.

„Das hat mein Vater gemalt“, erklärt der Hämatologe und weiß doch, dass es nicht dieses schöne Dokument einer Berlin-Liebe ist, das den erstaunten, fast schon taktlosen Blick seines Besuchs fesselt. Es ist das große Pflaster an Hütters Hals, genau an der Stelle, die die populärsten Hämatologen aller Zeiten bevorzugten – die Vampire.

Was haben Sie denn da? Unmöglich, das zu fragen. Doktor Gero Hütter hat die kühle, betont sachliche, beinahe abwiegelnde Höflichkeit der Ärzte, die ihre Erfahrungen mit den medizinischen Laien gemacht haben. Und die bedenklichsten darunter sind allemal die Journalisten, diese Virtuosen der Verkürzung. „Welt-Sensation! Deutscher Arzt heilt Aids-Kranken!“, lautete 2008 die Schlagzeile der Boulevardpresse, und Hütter dachte nur: Oh, nein!

1995 bekam er die Diagnose HIV-positiv. Damals ein Todesurteil.

Ein Jahr später war er schon in Mannheim. Auch weil man beim Benjamin- Franklin-Klinikum immer mehr an Abbau als an Medizin dachte. Und weil jeder irgendwann „den Absprung schaffen muss“, wie Hütter das nennt, wenn Menschen den Ort verlassen, an dem sie studiert haben.

Wäre aus Timothy Ray Brown also beinahe „The Mannheim Patient“ geworden? Nein, anders: Sie wären einander nie begegnet. Und Brown wäre wohl nicht mehr am Leben.

Timothy Brown, geboren in Seattle, wohnte schon länger in Berlin als Übersetzer und (Lebens)Künstler, als er 1995 mit dem Testergebnis konfrontiert wurde: HIV-positiv. Noch war diese Diagnose ein Todesurteil mit kurzem Aufschub. Doch schon damals hatte Brown Glück im Unglück. Nur ein Jahr später wurde HAART eingeführt, jene Therapie, die das bis dahin Undenkbare möglich machte: ein Leben mit Aids. HAART kann den Ausbruch der Krankheit lange verhindern, möglicherweise lebenslang. 600 mg Efavirenz, 200 mg Emtricitabine und 300 mg Tenofovir lauteten die Dosen der täglich verlängerten Frist für Brown. Doch da sind die Nebenwirkungen, und die Therapie ändert nichts daran, dass HIV-positive Menschen überdurchschnittlich oft an Krebs erkranken.

Nicht als HIV-Infizierten, sondern wegen seines „unerklärlichen Blutbildes“ hatte der behandelnde Arzt Brown an die Charité überwiesen. Schwere akute Leukämie. „Ich habe gleich am ersten Tag an eine Knochenmarktransplantation gedacht“, sagt Hütter. – „Alles, nur keine Transplantation!“, beschreibt Brown seine damalige Reaktion.

Jede Knochenmarktransplantation ist ein großes Risiko. Bei jeder Knochenmarktransplantation wird das eigene Knochenmark abgetötet, damit das fremde nicht sofort abgestoßen wird. Auch die Aids-Medikamente müssen abgesetzt werden, weil sie eine Abstoßung bewirken könnten. Nein, er wollte das nicht. Brown und Hütter setzten alle Hoffnung auf die Chemotherapie.

Vielleicht ist dies die richtige Stelle, einen anderen, nicht ganz unbekannten Berliner Mediziner zu zitieren. Der etwas müde Arzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten aus der Belle-Alliance-Straße (heute Hallesches Tor) fiel vor allem als Dichter auf. Dichter sind Mitwisser des Menschen, und Gottfried Benn war einer der tiefsten: „Das, was lebt, ist etwas anderes als das, was denkt“, hat er gesagt.

Dieser Satz betrifft die Conditio humana überhaupt. Es gibt den Menschen grundsätzlich doppelt. Niemand denkt und fühlt die Unabweisbarkeit dieser Einsicht so tief wie ein Kranker und sein Arzt. Timothy Brown wusste, dass er keine Chance hatte. Aber das, was in ihm noch Leben war, wollte davon nichts wissen. So wie umgekehrt der Arzt in Gero Hütter von Anfang an nicht an den Erfolg der Chemotherapie glaubte, so sehr er, der Mitlebende, ihn wünschte. Darum begann Hütter sofort, gewissermaßen hinter Browns Rücken, einen Spender zu suchen.

Er suchte einen, dessen Existenz nicht sehr wahrscheinlich war, genauer: die Wahrscheinlichkeit, ihn zu finden, war überaus gering.

Gero Hütter wusste etwas, was er als Hämatologe gar nicht zu wissen brauchte. Er erinnerte sich an die Nachricht, einer von 100 Europäern oder weißen Nordamerikanern sei gegen Aids gewissermaßen immun. Um in die Zellen einzudringen, braucht das HI-Virus zwei Rezeptoren. Die Geschützten aber haben eine Mutation an einem dieser Rezeptoren: Sie heißt Delta 32 auf dem Rezeptor CCR 5. Hütter, der Aidsforscher, suchte einen Spender mit genau dieser Mutation.

Vor allem aber musste er einen Spender finden, dessen HLA-Typ – dessen Leukozytenantigen-System also – dem Browns so ähnlich wie nur möglich ist, damit das fremde Knochenmark angenommen wird. Was ihn zuversichtlich stimmte, war, dass Browns HLA-Typ ungefähr so selten war wie sein Name. Brown eben. „Er hat einen Wald- und Wiesen- HLA-Typ“, sagt Hütter, suchte im Ulmer weltweiten Zentralverzeichnis und fand gleich 80 mögliche Spender. Der 61. war es dann: Er besaß von beiden Eltern die Schutzvariante des CCR 5-Moleküls.

Im Grunde hat er keine Zeit. Etwas anderes hält ihn jetzt auf Trab: Ehec

Als sich Browns Zustand so verschlechterte, dass er auf die Intensivstation gebracht werden musste, war das Transplantieren oder Nichttransplantieren keine Frage mehr. „Natürlich habe ich auch eine schlaflose Nacht gehabt und mich gefragt: Was machst du da? Züchtest du jetzt ein Supervirus?“ Hütter lacht: So erschreckt man Laien!

Februar 2007. Was nun geschah, erstaunte sie doch. Natürlich hatten sie die HAART-Therapie abgesetzt. Nicht nur, dass Browns Körper das neue Knochenmark annahm, als hätte er nie ein anderes gehabt, auch die HI-Viren waren – trotz Abwesenheit der Medikamente – nicht mehr nachweisbar. Und das blieb so. Noch als die Krisis kam und Browns Körper das fremde Knochenmark doch abstoßen wollte. Eine zweite Transplantation genau ein Jahr später vom selben Spender folgte. „Diesmal haben wir sogar ein wenig Abstoßung provoziert“, erklärt Hütter, denn eine gewisse Reaktion auf das Fremde sei durchaus wichtig.

Browns Kurzzeitgedächtnis war komplett gelöscht, er verbrachte Monate in einer neurologischen Reha-Klinik; danach wechselten sich Freunde ab, den noch immer Geschwächten zu Hause zu versorgen. Geschwächt ja, aber neugeboren. Das HI-Virus blieb weiter unauffindbar. Manche Ärzte vermuten, es verstecke sich nur. Es gibt viele Orte dafür: die Milz etwa oder das Hirn. Aber im medizinischen Sinne ist Timothy Brown geheilt. Als erster Mensch der Welt. Ein Wunder ist wohl nicht das schlechthin Irrationale als vielmehr das, was unserer Einsicht bislang verborgen war.

Es liegt auf der Hand, dass der Fall des „Berliner Patienten“ nicht verallgemeinerbar ist. Die Knochenmarktransplantation wird nie der Weg sein, Aids zu heilen. Und doch ist etwas geschehen, das alle Aids-Kranken hoffen lässt. Die Aids-Forschung, die seit des HAART-Erfolgs sanft entschlafen schien, hat einen ungeheuren Auftrieb erfahren. Hütter deutet den Weg der Zukunft an: Heilung durch manipulierte eigene Körperzellen, denen die HIV-Blockade eingepflanzt wäre. Am Ende könnte es so einfach sein wie eine Blutspende, eine Eigenblutspende. Es gibt erste Studien. Aber es ist noch ein langer Weg.

Und Afrika, der Kontinent, auf dem diese Krankheit das größte Verhängnis ist? Ist HAART dort keine Möglichkeit, liegt es am Geld? Hütters manchmal fast jungenhaftes Gesicht wird plötzlich sehr hart. Er sagt, dass diese Medikamente eine äußerste Disziplin der Einnahme voraussetzen, sonst sei ihre Wirkung ein Verhängnis. Disziplin wiederum setzt intakte Strukturen voraus. Menschen auf der Flucht kommen als HAART-Patienten nicht infrage. Dass sich Aids als Pandemie ausbreiten konnte, ist der Fluch der Zivilisation. Ihr Segen aber erreicht die nicht, die ihn am nötigsten hätten.

Hütter wird ungeduldig, seinen Tagesablauf diktiert zurzeit kein Virus, sondern das Bakterium, das in aller Munde ist. Die Blutkonserven werden knapp. Er muss die Bestände prüfen. Dabei fällt ihm jede Bewegung schwer. Er deutet auf seinen Hals und das Pflaster: „Schlüsselbeinbruch, ich bin vom Fahrrad gefallen“, sagt er fast entschuldigend, als ob Ärzte, die von Fahrrädern fallen, nicht mehr so recht vertrauenswürdig seien. Ein Stück unter dem Pflaster sitzt ein Titanbolzen in seinem Hals. Bei jeder Bewegung fühlt er das Wunder, das es bedeutet, sich bewegen zu können. „Dafür“, sagt er unvermittelt laut und hätte beinahe mit der flachen Hand der Zuversicht auf den Tisch geschlagen, „geht es Timothy Brown gut, sehr gut sogar.“

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt lautet die Diagnose: Der Berliner Patient ist viel gesünder als sein Arzt.

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