Gesundheit : Angriff auf die kleinen Beißer

Süßes und Fruchtsäfte setzen Kinderzähnen zu 20 Prozent aller jungen Patienten haben früh Karies

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Die Vierjährige liegt auf dem Sessel, die OP-Lampe strahlt direkt in ihren Mund, der Zahnarzt hat den Bohrer schon in der Hand. Zum Glück bekommt das Mädchen davon wenig mit, denn es ist unter Vollnarkose. Sieben Zähne müssen gerettet werden, vier durch Füllungen, drei durch Wurzelkanalbehandlung. Der Eingriff, so dramatisch er aussieht, ist in der Steglitzer Kinderzahnarzt-Praxis Kidsdocs Routine. Seit der flächendeckenden Fluoridierung der Zahnpasta in den 70er Jahren ist die Zahl der Kinder mit sehr schlechten Zähnen zwar stark zurückgegangen, aber 20 Prozent sind immer noch davon betroffen, und zwar in allen sozialen Schichten. Ihre Zahl wird nicht kleiner. „Es gibt eine feste Gruppe, die wir mit Aufklärung nicht erreichen“, sagt Francesca Agostini, die Kidsdocs vor zehn Jahren in Moabit gegründet und 2008 eine zweite Praxis in Steglitz eröffnet hat.

Kinder sind ganz besondere Patienten. Deshalb sind die Räume wie das Innere eines Flugzeugs gestaltet. Die Sessel sind bunt und kleiner als in einer gewöhnlichen Zahnarztpraxis. Die Prophylaxe wird in einem offenen Raum vollzogen, damit die Kinder sehen können, was auf dem Sessel nebenan geschieht. Für Narkosepatienten gibt es Kinderzimmer, in denen sie aufwachen können. Das ist die psychologische Seite. Aber auch anatomisch sind Kinderzähne anders, kleiner und empfindlicher. Der Schmelz ist nur einen Millimeter dick, nicht drei Millimeter wie beim Erwachsenen. Da stößt man schnell auf den Nerv, und der ist weitverzweigt, so das man bei einer Wurzelkanalbehandlung nicht alle Stränge rausbekommt. Beim Erwachsenen ist der Nerv dicker. „Würstchen statt Tannenbaum“, nennt Agostini das. Außerdem schlägt Karies bei Kindern viel schneller zu. Vom Loch bis zum toten Zahn vergeht kaum ein halbes Jahr. Kinderkaries bildet sich nicht auf der Krone, sondern zwischen den Zähnen, weil die Milchzähne viel enger stehen. Deswegen wird sie von Eltern schlecht erkannt.

Wie entsteht Karies? Bakterien im Mund verwerten Zucker und scheiden als Stoffwechselprodukt Milchsäure aus. Die löst Kalk aus dem Zahnschmelz, der dadurch porös wird. Das ist eigentlich ein normaler Prozess, erklärt Francesca Agostini. Er wird ausgeglichen durch das Fluorid im Speichel, das wir mit dem Trinkwasser aufnehmen. Das Problem entsteht, wenn der Speichel nicht genug Zeit bekommt, die zerstörerische Arbeit der Milchsäure zu reparieren. „Wir snacken zu häufig“, sagt Agostini. Ständig wird Kindern etwas in den Mund geschoben, irgendwo steht immer eine Schale. Diejenigen mit sehr früher Karies werden meist mit Säften und Milch überfüttert, um sie still zu bekommen. Viele Eltern denken, es würde ausreichen, auf Cola zu verzichten. Sie vergessen, dass Apfelsaft oder Schorle auch Zucker enthält, nämlich Fruchtzucker. Agostini rät, sich auf fünf feste Mahlzeiten am Tag zu konzentrieren, zu denen die Kinder auch Saft trinken dürfen, aber zwischendurch nur Wasser. Außerdem sollen die Eltern bis zum 2. Schuljahr die Zähne ihrer Kinder putzen. „Viele sind stolz, weil ihr Kind schon so früh alleine putzen kann. Aber die Kinder putzen nicht richtig.“ Als Kompromiss schlägt sie vor, das Kind morgens alleine putzen zu lassen und abends zu helfen.

Wer nicht auf Schokolade verzichten will, kann auch zu zahnfreundlichen Süßigkeiten greifen. Der Hamburger Tobias Elger vertreibt sie unter dem Label „Zahnfreundchen“. Übers Internet sind sie auch in Berlin zu bekommen. „Meine Frau brachte mich auf die Idee“, erzählt der 36-Jährige. „Als Kinderzahnärztin sieht sie täglich, was Zucker anrichtet.“ Die „Zahnfreundchen“-Süßigkeiten enthalten Isomaltulose. Auch das ist ein Zucker, der aber chemisch so komplex ist, dass ihn die Kariesbakterien nicht abbauen können. Zum Einsatz kommen auch Zucker-Austauschstoffe wie Xylit. Von solchen Namen sollte man sich nicht abschrecken lassen. Letztlich schmecken die Bonbons und Schokoriegel wie normales Naschzeug, nur nicht ganz so süß, aber den Unterschied merkt man kaum. Elger gestaltet seinen Hamburger Laden wie ein Pralinengeschäft. Es gibt Schokotafeln, dragierte Haselnüsse, Mandelsplitter, Bonbons oder Kaugummis. Wenn die Kinder viele verschiedene Sachen ausprobieren können, macht es ihnen auch Spaß. In Deutschland ist er bisher der Einzige, der mit so einem ausgefeilten Konzept zahnfreundliche Süßigkeiten anbietet. In den Supermärkten kann man sie zwar bekommen, sie sind wissenschaftlich geprüft und mit dem Logo der „Aktion zahnfreundlich e.V.“ versehen. Aber noch sind sie selten. Den Herstellern sind Testverfahren und Lizenzgebühren zu teuer. Auch die Nischenprodukte von Elger kosten mehr: 100 Gramm Schokolade für 2,40 Euro. Das wird sich wohl ändern, wenn sich zahnfreundliche Süßigkeiten im Handel durchsetzen.

Francesca Agostini bleibt trotzdem skeptisch. „Chemisch sind zahnfreundliche Süßigkeiten absolut in Ordnung“, sagt sie. Aber letztlich würden sie doch nur dazu führen, dass weiter zu viel zwischendurch konsumiert wird. Ein bewusstes Leben, mit einer bewusst genossenen zuckerhaltigen Süßigkeit am Tag, sei der bessere Weg. „Süßigkeiten sind nicht schlimm, wenn wir sie als etwas Besonderes ansehen. Wie Wein. Den kippen wir doch auch nicht einfach so runter .“

Weitere Infos im Internet unter

www.kidsdocs.info

www.zahnfreundchen.de

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