Gesundheit : "Antisoziale Persönlichkeitsstörungen": Wie Psychopathen ticken

Alison Abbott / Bas Kast

Kaum einem Menschen, heißt es, ist er aufgefallen. Viele Kinder mochten ihn sogar gern, den 25-jährigen Stefan Jahn. Aber dann plötzlich, am 22. Februar, fährt der scheinbar Unauffällige die zwölfjährige Ulrike, die zur Sporthalle radelt, an. Der junge Mann verschleppt das Mädchen, vergewaltigt es mehrfach, und erwürgt es schließlich mit einer Mullbinde. "Niemals hätten wir geahnt, in welcher gefährlichen Nachbarschaft wir wohnen", sagte eine Nachbarin des Mörders verblüfft.

Unauffällig. Nicht nur Nachbarn, auch Forschern, die Gehirne von Verbrechern mit Scannern durchleuchten, fällt es schwer, Mörder von normalen Menschen zu unterscheiden. Doch wird eines immer klarer: Schwerverbrecher, die klinisch als "Psychopathen" bezeichnet werden, haben krankhafte Züge. "Mehr und mehr Forschungsergebnisse führen zur Schlussfolgerung, dass Psychopathie eine biologische Basis und viele Kennzeichen einer Krankheit hat", sagt Sabine Herpertz, Psychiaterin an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen.

Was Psychopathen fehlt, ist Einfühlungsvermögen. Sie sind unfähig, Schuld oder Reue zu empfinden. Sie treten bestimmt auf, egozentrisch, können höchst verführerisch und gleichzeitig unbeeindruckt von den negativen Folgen ihrer Handlungen sein. Töten sie, sind ihre Morde meist gut geplant. Und dennoch: Haben Sie eine Konversation mit einem Psychopathen, kann er Ihnen wie eine ganz normale Person vorkommen. Wie Stefan Jahn vielleicht.

Wie also erkennen Psychologen und Wissenschaftler gewalttätige Verbrecher? Psychopathen im klinischen Sinne sind Teil einer größeren Gruppe mit einer "Antisozialen Persönlichkeitsstörung". Diese Diagnose wird üblicherweise schlicht aufgrund der Verhaltensgeschichte der Person bestimmt. Für die Psychopathen aber hat Robert Hare, Psychologe an der Universität von British Columbia im kanadischen Vancouver, die Psychopathen-Check-Liste entwickelt - einen Fragebogen, der die emotionalen Defizite der Psychopathen abklopft.

Drei Viertel aller Gefängnisinsassen besitzen eine Antisoziale Persönlichkeitsstörung. Aber nur ein Viertel bringt es bei der Psychopathen-Check-Liste auf einen Wert von über 30 - und ist damit im klinischen Sinne "psychopathisch". Die Wahrscheinlichkeit der Rückkehr zur Gewalt nach der Entlassung ist beim Psychopathen viermal höher als bei Verbrechern, denen bei der Diagnose "nur" eine Antisoziale Persönlichkeitsstörung bescheinigt wurde. Je höher der "Psychopathenscore", um so höher die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls.

Der Wert auf einer Psychopathenskala erklärt freilich nicht die Biologie des Bösewichts. Doch schon vor dem Aufkommen von Hirnscannern waren Psychologen in der Lage, körperliche Merkmale von Psychopathen zu identifizieren, die offenbar mit ihrer emotionalen Störung zusammenhängen. Hare hat Experimente angestellt, bei denen er Versuchspersonen nach einem Countdown einem unangenehm lauten Geräusch aussetzte. Nach mehreren Versuchen wurden normale Menschen schon während des Countdowns nervös: Sie kamen ins Schwitzen, woraufhin ihr Hautwiderstand, den man mit Elektroden messen kann, sank. Bei Psychopathen blieb der Hautwiderstand unverändert. Auch Stefan Jahn scheint sich durch eine besondere emotionale Kälte auszuzeichnen. Bei den Vernehmungen, erklärt eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft, verhielt Stefan Jahn sich "auskunftsbereit". Die detaillierten Äußerungen zum Tatvorgang gab er "weitgehend emotionslos" von sich. Neuere Untersuchungen bestätigen den Befund, dass bei Psychopathen tatsächlich eine generelle Störung der Gefühlswelt vorliegt. "Töte", "verstümmeln", "Spaß" - normalerweise rufen diese Worte automatisch eine emotionale Reaktion hervor. In einem Test, brauchten Probanden für die Erkennung emotionaler Wörter länger als bei der Verarbeitung von neutralen Wörtern wie "Tisch" und "Butter". Psychopathen aber verarbeiteten beide Kategorien von Wörtern gleich schnell.

Heute bieten Hirnscanner eine weitere Möglichkeit, die Psychopathie zu untersuchen. Sie könnten Forschern die Möglichkeit geben, das emotionale Defizit der Psychopathen auf Unterschiede ihrer Hirnanatomie oder -aktivität zurückzuführen.

Adrian Raine von der Universität von Süd Kalifornien in Los Angeles hat die Hirnanatomie von 21 Männern, bei denen man eine Antisoziale Persönlichkeitsstörung festgestellt hatte, mit dem Kernspintomographen gemessen. Das Resultat: Der Präfrontalcortex der Probanden war - verglichen mit normalen Versuchspersonen - um bis zu 14 Prozent geschrumpft. Dieser Präfrontalcortex ist ein vorderer Hirnbereich, der direkt hinter unseren Augen liegt.

Der Befund machte prompt Schlagzeilen. Aber die Versuchgruppe war nicht mit Hilfe der Psychopathen-Check-Liste klassifiziert. Außerdem geht auch Drogenmissbrauch mit einem geschrumpften Präfrontalcortex einher - das Ergebnis könnte also auch nur zeigen, dass Antisoziale Persönlichkeitsstörung und Drogen zusammenhängen. Andere Studien, die etwa den Hirnblutfluss messen, sind ähnlich schwer zu interpretieren. "Kriminalität scheint keine Kategorie zu sein, die sich im Hirn lokalisieren lässt", bilanziert John Marshall, Neuropsychologe der Universität Oxford. "Ich bin extrem skeptisch, was man da eigentlich genau misst."

Verfechter der bildgebenden Verfahren entgegnen, die Hirnscanstudien könnten zu einer vollständigeren Beschreibung und damit einem besseren Verständnis der Psychopathie beitragen. Auf lange Sicht könnte das auch zu Gesetzesänderungen führen, die Psychopathen eine verminderte Verantwortung zuschreiben, weshalb man sie eher in Kliniken als in Gefängnisse einweisen würde. Außerdem könnte ein Verständnis der neurobiologischen Basis der Psychopathie neue Perspektiven für eine Therapie eröffnen. "Je mehr wir über die Biologie wissen, um so effektiver wird die Herstellung von Psychopharmaka", sagt James Blair vom University College in London.

Pharmakologische Ansätze zur Therapie von Psychopathie wären mehr als willkommen. Verhaltenstherapien nämlich, die Psychopathen helfen sollen, ihre Verhaltensmuster zu ändern, waren bislang in geradezu spektakulärer Weise erfolglos. So verfolgten Michael Seto und Howard Barbaree von der Universität Toronto das Risiko eines Rückfalls bei 224 ehemaligen Gefängnisinsassen, die vor ihrer Entlassung an einer Verhaltenstherapie teilgenommen hatten. Diejenigen mit hohen Werten bei der Psychopathen-Check-Liste, die offenbar von der Therapie zu profitieren schienen, kehrten häufiger zur Gewalt zurück als solche mit geringeren Werten. Seto meint, das Ergebnis hänge vielleicht mit der Verführungskraft der Psychopathen zusammen: Je psychopathischer, um so besser können die Verbrecher ihre Psychologen vom Fortschritt der Therapie überzeugen.

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